Der Stratege


Veröffentlicht am 19. April 2013

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Branko Zebec: Persönlichkeit und Charisma

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Auch er hätte die Champions League nach Hamburg bringen können. Was für ein Halbfinale! Es war der 23. April 1980. Glanzvoll schlug der Hamburger SV das große Real Madrid im heimischen Volksparkstadion. Mit einem 5:1 schickte man die Madrilenen zurück in Spaniens Hauptstadt. In Reals Heimstätte, dem legendären Estadio Santiago Bernabéu, stand die Krone des europäischen Clubfußballs zum Greifen nah. Im Endspiel siegte aber der kühle wie ergebnisorientierte Pragmatismus der Mannschaft seines Kollegen Brian Clough gegen die drückende Überlegenheit der Männer von Branko Zebec.

Das mathematisch hochbegabte Talent aus Zagreb wäre auch in den Naturwissenschaften seinen Weg gegangen, Fleiß und Akribie zeichneten ihn seit frühester Jugend aus. Wegen hervorragender Leistungen in Mathematik und Physik bot ihm die Universität eine wissenschaftliche Laufbahn an, doch Zebec entschied sich für Sport und Fußball. Als Fußballspieler hatte er in den 50er Jahren große Zeiten bei Partizan wie Roter Stern Belgrad, war ein torgefährlicher Linksaußen und spielte sehr erfolgreich für die jugoslawische Auswahl bei Weltmeisterschaften und Olympiaturnieren (Silbermedaille). Er gehörte zur Kategorie Weltklasse, wurde zweimal in eine Weltauswahl berufen. Von Anfang bis Mitte der 60er Jahre spielte er bei der Alemannia aus Aachen und beendete dort auch seine aktive Spielerkarriere. Vom Platz ging es direkt auf die Trainerbank von Dinamo Zagreb. Mit seinem Heimatclub gewann er zwei Jahre nach Amtsantritt den Messepokal.

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Dieser Erfolg brachte Aufmerksamkeit und ihm sein erstes Bundesliga-Engagement. 1968 holte ihn der FC Bayern München nach Deutschland. Eine Art früher Guardiola, wurde Zebec Cheftrainer der Bayern. Dort wehte von Stunde an ein anderer Wind. Die Trainingsmethode von Branko Zebec beruhte auf Disziplin und Kondition. Sein Sportstudium leistete ihm gute Dienste bei der Einschätzung des Leistungsvermögens seiner Spieler. Er wusste um die Grenzen und den inneren Schweinehund von Sportlern. Die Münchner hatten durch diese Art der Saisonvorbereitung und des täglichen Trainings bald einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz, konnten dank ihres jugoslawischen Trainers in der Saison 1968/1969 erstmals seit 1932 wieder Deutscher Meister werden. Die konditions- und leistungsstarken Bayern holten gleich noch den DFB-Pokal, damit das erste Double der Bundesligageschichte. Doublesieger Zebec wurde neben Weisweiler zum modernen Spitzentrainer der Bundeliga.

Der weitere Weg führte Branko Zebec von München nach Stuttgart und von Split nach Braunschweig, acht titellose Jahre. Diese Mannschaften spielten allerdings unter Zebec weit über ihrem üblichen Leistungsniveau. Zebec machte Mannschaften besser.

Im Jahr 1978 engagierte der Hamburger SV Branko Zebec. Dessen ehrgeiziger Manager Günter Netzer wollte Titel, den HSV in der Bundesligaspitze und in Europa etablieren. Zebec war der richtige Mann dafür. Der Plan gelang mehr als glänzend. Mit Zebec taktischen Vorgaben und Spielern wie Kaltz, Magath, Hrubesch und Keegan wurde der Hamburger SV in der Saison 1978/1979 Deutscher Meister. Ein großes Jahr. Die Erfolgsehe HSV-Zebec wurde von ersten Alkoholproblemen des Trainers überschattet, diese zweite Krankheit des diabeteskranken Branko Zebec führe 1980 auch zur Trennung. Eine Intervention von Felix Magath beim Manager konnte die Entlassung nicht mehr rückgängig machen.

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Die Trainerlaufbahn von Branko Zebec setzte sich noch ein Stück fort. Dortmund und Frankfurt hießen seine letzten Stationen. 1983 verließ Branko Zebec nach 413 Trainereinsätzen die Bundesligabühne für immer und ging zurück nach Jugoslawien, wo er 1984 nochmals für kurze Zeit das Traineramt bei Dinamo Zagreb übernahm.

Branko Zebec war als Trainer fachlich unumstritten und einer der ersten Charismatiker seiner Zunft. Ein wortkarger, hochintelligenter wie gebildeter Mann, gehörte er Zeit seiner Trainerlaufbahn zu den besten Fußballlehrern seiner Epoche. Mit großem taktischen Vermögen, enormen Wissen über Fitness und Kondition sowie dem Auge eines geborenen Wissenschaftlers und der instinktsicheren Nase des großen Fußballers, brachte er seine Teams immer auf den absolut neuesten Stand des Fußballs. Zebec hatte schon „Matchpläne“ und ließ „Konzeptfußball“ spielen, bevor diese Worte im Fußball zu blendenden Schlagworten des überhöhten Ehrgeizes wurden. Weil Zebec kein Vielschwätzer war, lieber dachte als redete, wurden ihm schon früh die Vorurteile „unnahbar und kühl“ angeheftet, aus denen man dann im Laufe der Jahre „Probleme im zwischenmenschlichen Bereich“ machte.

Zeit seines Lebens litt Branko Zebec an Diabetes, von einer schwierigen wie lebensbedrohenden Operation an der Bauchspeicheldrüse im Jahr 1970 erholte er sich nie vollständig. Dazu kam eine sich weiter ausbreitende Alkoholkrankheit, die Branko Zebec nicht mehr losließ. In den 70er Jahren wurde Alkoholismus noch gern als „Dschum“ bezeichnet, ein kranker Mann der mit einigen Promille von der Trainerbank rutschte, diente als gefilmtes und abfotografiertes Bild auch der TV-Unterhaltung. Man schlug sich auf die Schenkel – „ach wie lustig“. Eine menschliche Tragödie. Die Frage, ob alle, die hätten helfen können, auch geholfen haben, muss unbeantwortet bleiben. Günter Netzer sagte dazu später sehr offenherzig wie ohnmächtig: „Ich wusste nicht, was das bedeutete. Die Sache mit Branko hat mich persönlich so getroffen, wie nichts anderes im Fußball. Weil ich erleben musste, dass ich ihm nicht helfen kann. Er war ein Riesentyp, deshalb hat mir das so wehgetan. Irgendwann ging es nicht mehr. Er war ausgelaugt, am Ende. Das war sehr hart.“

Leben und Leiden des Branko Zebec endeten am 26. September 1988. Zebec starb in seiner Geburtsstadt Zagreb, er wurde nur 59 Jahre alt. Auf dem „Mirogoj“, einer wunderschönen Parkfriedhofsanlage in Zagreb, fand Branko Zebec seine letzte Ruhe.

„Er ist ein Glücksfall für uns“, sagte HSV-Manager Netzer zu Beginn der Zebec-Ära beim HSV. Branko Zebec war eine außergewöhnliche und bedeutende Persönlichkeit, ein hochkompetenter Trainer im Bundesligabetrieb der 60er und 70er Jahre. Eine Bereicherung für die Bundesliga und ein Impulsgeber für den deutschen Fußball. Wie wäre dieses Leben wohl in den Naturwissenschaften verlaufen? Wir werden es nie erfahren, Branko Zebec liebte den Fußball eben über alles. Für den Fußball ein Glücksfall.

Zur Person Branko Zebec

Geboren: 17. Mai 1929 in Zagreb (Jugoslawien)
Gestorben: 26. September 1988 in Zagreb (Jugoslawien)

Vereine als Spieler
Dinamo Zagreb, Partizan Belgrad, Roter Stern Belgrad, Alemannia Aachen

Erfolge
1x Meister, 3x Pokalsieger

Nationalmannschaft / Länderspiele
65x Jugoslawien  (17 Tore)
2x Teilnahme Weltmeistershaft, 1954 und 1958 (Kapitän)
1x EM Endrunde, 1960
1x Olympische Spiele, 1952 (Silbermedaille)

Vereine als Trainer
Dinamo Zagreb, Bayern München, VfB Stuttgart, Hajduk Split, Eintracht Braunschweig, Hamburger SV, Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt

Erfolge
2x Deutscher Meister, 1x DFB-Pokal-Sieger, 1x Messepokal-Gewinner

Trainer-Bilanz Bundesliga
413 Mal als Bundesligatrainer (Platz sechs der Ewigen Trainerrangliste)
193 Siege, 96 Unentschieden und 124 Niederlagen
Torbilanz: 733 : 536

Redaktion Magath & Fußball

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