Ernst Happel (I) – Frühe Jahre


Veröffentlicht am 19. April 2013

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Die Spielerkarriere des Ernst Happel.

Ernst Happel (links) im Zweikampf mit Ladislav Kačáni. Dieses Vorrundenspiel der WM 1954 gegen die Tschechoslowakei entschieden die Österreicher mit 5:0 für sich. (Foto vom 19. Juni 1954)

Ernst Happel (links) im Zweikampf mit Ladislav Kačáni. Dieses Vorrundenspiel der WM 1954 gegen die Tschechoslowakei entschieden die Österreicher mit 5:0 für sich. (Foto vom 19. Juni 1954)

Die Blechbüchse auf dem Tor. Wurde sie nun mit Lackschuhen in Den Haag oder – 20 Jahre später – mit Fußballschuhen in Hamburg von ihrem Thron geschossen? Wer über Ernst Happel schreibt, kommt an der Happel-Biographie von Klaus Dermutz nicht vorbei. Ein Standardwerk über den Wiener „Wödmasta“, maßstabsetzend für Sportberichterstattung und jedes Menschenporträt. Geschichten, Anekdoten und Details weben sich zu einem phantastischen Gesamtfaden. Dem Autor Dermutz ist im Namen aller Fußballfans und „Happelianer“ herzlich zu danken. Mit seiner Neugier und der Hilfestellung von Happel, löste der österreichische Autor vermeintlich auch die Frage nach der berühmten Cola-Dose (Cola-Flasche?) auf der Torlatte. Um dann schnurstracks, im späteren Interview mit Felix Magath, der Schönheit dieser Geschichte selbst fragend zu erliegen. Autorenschicksal. Den Buchtitel „Genie und Grantler“ hätte Happel sicher mit einem wohlwollenden Zug aus seiner starken Belga bedacht.

Wo bei Ernst Happel beginnen? Die Spurensuche führt zum Fußballer. Getreu dem Happel-Lebensmotto: „Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag“. Das Begräbnis des Freundes und Spezis Walter Zeman, ein letzter treuer wie wertvoller Halt im Leben, eine dieser Freundschaften für die Ewigkeit. Ernst Happel ist da schon selbst vom Tode gezeichnet. Trauer wie Trauerfeier setzen ihm stark zu, er hat noch 15 Monate zu leben. Seine Erinnerung könnte an diesem Tag zurückgeflogen sein. Der junge Ernst war gerade 17 als er beim Club seiner Träume, der Wiener Legende Rapid, mittrainieren durfte.

Beim ersten Training trauten die alten Füchse und Helden ihren Augen nicht, da kommt so ein Bengel, Marke Straßenfußballer, hat Tricks und Technik drauf wie ein Alter. Den wollte man sofort haben, der musste Rapidler werden, der konnte nämlich Fußball spielen. Fußball war damals mehr als Aufstieg, Geld und luxuriöser Schein. Wir schreiben das Jahr 1942, es herrschte ein grausamer Krieg. Da bedeutete Fußball manchmal pures Leben. Ein vom Fußball besessener Offizier hielt ihn von der Front zurück, wollte ihn in seiner Mannschaft haben. Happel überlebt, oft schon alles in dieser Zeit. Er kann beim Neuanfang dabei sein.

Die 50er werden dann glanzvolle Jahre des Fußballers Happel. Bei Rapid Wien wird er sehr schnell zum Publikumsliebling, begeistert seine fußballenthusiastischen Landsleute, die ihn bewundernd den „Zauberer“ nennen. Er gibt einen eleganten wie klassischen Stopper. Happel spielt so souverän und mit einer enormen Palette von fußballerischen und technischen Möglichkeiten, dass einige im Rückblick auf die Interpretation seiner Position schon den ersten modernen Libero erkannt haben wollen. Der „Zauberer“ als Vorläufer eines „Kaisers“. Zu diesem Ruf mag auch sein schon in jungen Jahren ausgeprägtes taktisches Geschick beigesteuert haben, Aktionen, die den späteren Trainer schon erkennen ließen. Wien liebte seinen Happel, wie es den berühmten Torwart Zeman oder den legendären Stürmer Hanappi liebte. Aber manch heiße Liebe findet ein jähes Ende. Für Ernst Happel wie auch für Walter Zeman kam es bei der WM 1954. Im Halbfinale zu Basel. Gegen die Deutschen von Sepp Herberger war Endstation für die spielstarken Österreicher. Es setzte eine unerwartete 1:6-Klatsche. Schon in der Frühzeit des Fußballs gab es bei so deutlichen Niederlagen die Suche nach dem klassischen Sündenbock. Walter Zeman und Ernst Happel mussten dafür herhalten. Bei deutschen Standards sahen der sonst enorm sichere Stopper Happel und der Weltklassetorwart Zeman so schlecht aus, dass ihnen in übler Nachrede sogar Bestechlichkeit unterstellt wurde. Die beiden Freunde waren darüber so erbost wie tief getroffen, dass sie nicht mehr für Österreich spielen wollten, ihrem Team den Rücken kehrten. Happel kehrte nach drei Jahren in die Nationalelf zurück. Zeman spielte nur noch ein letztes Mal – im Jahr 1960 gegen Schottland – für sein Heimatland. Eine Freundschaft für alle Lebenslagen, auch für schlechte Zeiten.

Zeman hatte es mit diesem Freund auf dem Platz nicht immer leicht. Um den Tiger Zeman wachsam zu halten, drehte sich Happel schon Mal mitten im Spiel und schoss aus 20 Metern aufs eigene Tor. Oder er stoppte im Strafraum den Ball mit seinem Hintern und Zeman musste Kopf nebst Kragen riskieren, um einen Gegentreffer zu vermeiden. Nach Abpfiff war die Freundschaft aber stets stärker als jeder Zorn. Ein aufkommendes Alkoholproblem von Walter Zeman verschwieg Happel gegenüber Mannschaft und Verein, diese Freundschaft obsiegte auch über Vernunft und Logik.

Happels Wut konnte fundamental sein. Er verließ nach den Vorwürfen der WM ’54 sein geliebtes Rapid, grollte auch den Wienern. Sein Weg führte ihn für zwei Jahre nach Paris zu Racing. Kein so toller Club, aber was für eine Stadt! Dort lernte der fesche Wiener, mit einem Auge für Schönheit, das gute Leben und die Freude dieser Weltmetropole kennen und schätzen. Allerdings bekannte er später, diese Art von süßem Leben sei der Fußballkarriere und Konzentration auf den Beruf doch arg abträglich. So führte ihn der Weg 1956 wieder zu seinem Verein Rapid und nach Wien zurück. Happel hatte den Wienern verziehen und diese waren glücklich, ihren Star wieder in der Heimat zu wissen. So sollte es im Trikot von Rapid noch zum größten Spiel seiner Karriere kommen. Am 14. November 1956 spielt er sich nämlich in die Geschichtsbücher des Weltfußballs. In nur 22 Minuten gelingt ihm als Rapid-Spieler ein lupenreiner Hattrick gegen Real Madrid, drei Happel-Tore gegen die beste Vereinsmannschaft der Welt. Österreich feiert seinen Fußballweltstar. Alter Zoff ist endgültig begraben.

Noch zwei Jahre spielt Happel für Rapid, auch auf europäischer Bühne, nimmt mit Österreich an der WM 1958 in Schweden teil. Dort vollzieht sich langsam der endgültige Abschied vom aktiven Fußball. Mit seinem 50. Länderspieleinsatz krönt er eine phantastische Spielerkarriere. Es folgt noch eine Rapid-Saison und ein letztes Länderspiel. Der Kreis eines runden und sehr erfolgreichen Spielerlebens schließt sich, dabei öffnet sich die Tür bereits einen Spalt und die Strahlen einer noch glänzenderen Karriere werfen erste Schatten voraus. Die große Spielerpersönlichkeit ist längst bereit für den Trainerberuf. Der Fußball wird den Menschen Ernst Happel nicht mehr loslassen.

Redaktion Magath & Fußball

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