Steuermann aus der Tiefe


Veröffentlicht am 24. April 2013

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Mats Hummels ist in Dortmund nicht wegzudenken

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Bisweilen erkennt man den Stellenwert eines Menschen erst dann, wenn er nicht mehr da ist. Mit guten Freunden kann das so sein, mit Familienmitgliedern sowieso. Im Fußball liegen die Dinge ähnlich, auch der Fußball kennt seine Unersetzlichen. Den Mann für den vorletzten Pass beispielsweise, der beim klaren 5:1-Erfolg nur selten glänzt. Oder den Strategen, der in der Defensivbewegung mit entscheidenden Schritten Räume schließt und den gegnerischen Spielmacher neutralisiert. Auch diesen bejubelt niemand beim vierten Treffer der eigenen Farben.

Mats Hummels ist ungeachtet seiner 24 Jahre bereits von unerhörter Wichtigkeit für das Spiel der Borussia. Seiner Borussia, die eben erst zweimal Meister wurde, Pokalsieger nicht zuletzt und in diesem Jahr in der Champions League (ja, der BVB kann auch Königsklasse!) groß aufspielt. Nicht als Vollstrecker ist der gebürtige Bergisch-Gladbacher in Dortmund gefragt, auch nicht als „Aggressive Leader“, wie einst Roy Keane in Manchester einer war. Nein, der erfrischend ehrlich, direkt und dabei stets eloquent daherkommende, obendrein noch gut aussehende Sohn einer Sportjournalistin versteht es, einem Spiel seine Richtung zu geben. Meist mit fairen Mitteln – 31 Gelbe Karten und kein Platzverweis in über 300 Pflichtspielen belegen dies – indem er ohne große Worte, durch Präsenz und Leistung vorangeht, die Kollegen mitreißt, auf eine stille Art den Unterschied ausmacht, ausmachen kann.

Denn vor den Problemen, welche die Dortmunder seit Saisonbeginn insbesondere in der Defensive mitunter allzu häufig offenbarten, die schlussendlich zu überaus unnötigen Punktverlusten führten und die tabellarische Überlegenheit des Südens erst ermöglichten – vor ihnen ist selbstredend auch ein Mats Hummels nicht gefeit. Dann und wann schon wirkte der Borussen-Organisator unkonzentriert, überspielt – 57 Einsätze im Kalenderjahr 2012 machten sich hin und wieder bemerkbar – keinesfalls überfordert, aber doch irgendwie nicht richtig mit den Gedanken bei der Sache. Nach zwei herausragenden Spielzeiten Kritik auf hohem Niveau zweifelsohne, die indes einmal mehr verdeutlicht, welche Erwartungen durch das Potenzial des weit über die Landesgrenzen Geschätzten geweckt werden. Gar Vergleiche mit dem Kaiser soll es bereits gegeben haben, wenngleich diese noch niemand für bare Münze nehmen möchte. Und Hummels selbst? Der lächelt derartige Lobpreisungen gekonnt beiseite, ohne freilich nicht auch erkennen zu lassen, dass es ihm an Selbstbewusstsein nicht mangelt: „Es ist eine große Ehre, mit Franz Beckenbauer verglichen zu werden. Aber ich kenne sein Spiel nur aus Geschichten und ein paar Highlight-Sendungen im Fernsehen. Deshalb ist es schwierig für mich, das zu beurteilen.“

imago13350852m_cDerweil kann es über seine Verantwortung für den Erfolg der Borussia, seine Rolle und seinen Wert bei Klopp’s „Vollgasveranstaltungen“ keine zwei Meinungen geben. Nirgendwo sonst trat dieser derart deutlich zutage, wie in der DFB-Pokalpartie Ende Februar bei Hummels‘ vormaligem Arbeitgeber, der ihn mangels Perspektive im Januar 2008 gen Westen ziehen ließ (und später trotz des oft besungenen, üppigen Festgeldkontos nicht zurückbekam). An jenem Mittwochabend, der den Bayern dazu diente, nach zwei Jahren schwarz-gelber Dominanz mit einem knappen 1:0 „die Vormachtstellung im deutschen Fußball wieder herzustellen“ fehlte Dortmunds Nummer 15 im BVB-Vortrag an allen Ecken und Enden. Natürlich haben die Münchner aus den zurückliegenden Duellen die richtigen Schlüsse gezogen, und ja, womöglich verfügen sie auch über ein höheres Maß an individueller Qualität. Fest steht dennoch: Die Spieleröffnung beim Deutschen Meister krankte – aber nicht etwa, weil das Duo Subotic/Santana einen gebrauchten Tag erwischte, sondern weil Hummels grippebedingt kurzfristig passen musste. Das sollte bitte nicht gänzlich unter den Tisch gekehrt werden.

Nun, da Borussia im Halbfinale der Champions League auf eine der stärksten Offensivreihen Europas trifft, dürfte ein jeder, der es mit dem Revierclub hält, angesichts der Rückkehr des 24-fachen Nationalspielers erleichtert aufatmen. Anfang März hatte dieser sich ausgerechnet auf Schalke einen Teilriß des Außenbandes im rechten Sprunggelenk zugezogen und musste daher rund vier Wochen aussetzen. Als Jürgen Klopp in den hitzigen Schlussminuten gegen Malaga unvermittelt und nur auf den ersten Blick überraschend seinen Abwehrchef ob der Blessur früher als geplant aus dem Ärmel zog, hatten selbst die bis dato tadellos verteidigenden und von Manuel Pellegrini nahezu perfekt eingestellten Andalusier ihre Rechnung ohne Hummels gemacht. Vornehmlich dessen gut getimten langen Bällen aus der eigenen Hälfte nämlich war es zu verdanken, dass sich der Double-Gewinner nicht in planlosem Anrennen verlor und den Kopf schließlich noch einmal aus der Schlinge bekam. Allenfalls hoffen konnte Klopp in jener Minute 86, dass seine Schwarz-Gelben diesen denkwürdigen Europapokalabend irgendwie noch zu ihren Gunsten würden wenden können. Wissen konnte er es nicht – dafür war die Zeit schon zu weit vorangeschritten. Durchaus aber darf man dem Mann mit der Pöhler-Kappe – die dem bedeutungsvollen Anlass entsprechend natürlich dem feinen Zwirn gewichen war – für diesen taktischen Schachzug Respekt und Anerkennung bekunden. Denn wer weiß ob der BVB dieses Happy-End ohne Zutun seines Steuermannes hätte schreiben können.

Redaktion Magath & Fußball

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4 Gedanken zu „Steuermann aus der Tiefe

  1. marcel

    ich denke nach dem spiel gestern wird sich barca nach mats umschauen wens so weitergeht droht der totale ausverkauf für dortmund und sie müssen neu einkaufen super spieler 2bester innenverteidiger der welt für mich neben sergio ramos 1:0 tippe ich^^

  2. Redaktion Magath & Fußball

    Hallo Fußballfreund und Leser,

    Danke für Ihr aufmerksames Lesen und die Anfrage. Der Aufbau der Seite wird wie folgt geregelt, die Texte in den Rubriken FUSSBALL und PORTRÄT werden von Felix Magath angeregt und vorgeschlagen, natürlich diskutiert. Die Redaktion setzt diese Ideen dann in fertige Texte um. In der Rubrik KLARTEXT gibt es Felix Magath pur und persönlich. In der Rubrik MAGATH geht es um Biographisches, Geschichten und Stationen aus dem Leben von Felix Magath, und natürlich die für den Fußball so wichtigen Statistiken und Zahlen. Die Rubrik MEINUNGEN ist für Zitate über den Fußball und über Felix Magath reserviert.

    Die Website befindet sich in ihrer Startphase und möchte klein wie bescheiden wachsen, so wie es Felix Magath in seinem Vorwort angekündigt hat. Hier sollen viele Themen und Facetten des Fußballs berührt werden. Dies umzusetzen ist einer einzelnen Person schon aus Zeitgründen nicht möglich, daher hat Felix Magath natürlich sowohl technische, als auch redaktionelle Unterstützung.

    Die Redaktion

  3. Mourinho

    Vielen Dank an die Redaktion!
    Ihr Beitrag hat sehr zum Verständnis Ihres Konzepts beigetragen.
    Ich wünsche Ihnen alles Gute für diese Seite und freue mich auf Diskussionen!

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