Tricky trees im Bernabéu


Veröffentlicht am 12. Mai 2013

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Matchball vergeben – HSV verliert sein erstes Endspiel um Europas Fußballkrone

Real Madrid vom Platz gefegt und in Leverkusen die Meisterschaft verspielt. Wie grausam kann Fußball sein! Aber es gibt neue Chancen. Einen Matchball hatten die Männer von der Elbe noch. Es war ihr letzter. Madrid der Ort. Nottingham Forrest der Gegner. Die Trainer, stur wie hartnäckig, Perfektionisten, Brüder im Geiste, Gegner am Platz, enorme Achtung voreinander. Wer würde die bessere Strategie ins Endspiel bringen? Brian Clough und Branko Zebec hießen die Antipoden, John McGovern und Felix Magath die Kapitäne. Der Hamburger Sportverein machte sich auf nach Madrid, um den Cup an die Elbe zu holen.

Mit Trevor Francis und Horst Hrubesch fehlten auf jeder Seite die Torkanonen. Hrubesch konnte nach einer Verletzung wenigstens auf der Bank Platz nehmen, blieb eine mögliche Option, Francis blieb im heimischen Nottingham. Die Männer von Brian Clough waren der Titelverteidiger, hatten den Cup im Vorjahr im Münchener Olympiastadion gegen Malmö FF mit einem 1:0 gewonnen. Die Mannschaft aus der englischen Provinz – von ihren Fans nur „trickreiche Bäume“ (tricky trees) genannt – hatte Fußballeuropa so sensationell erobert wie sie völlig überraschend englischer Meister wurde. Ein Provinzclub aus einem 200.000 Einwohner zählenden Städtchen, in Deutschland „Kaff“ genannt, wird auch in England nie Meister, allerdings kann ein außergewöhnlicher Manager so etwas ab und an bewerkstelligen. Brian Clough und sein kongenialer Co-Trainer Peter Taylor waren so ein Zauber-Gespann für Fußballwunder auf der Basis harter Arbeit und eiserner Disziplin.

Der HSV war eine Adresse, hatte immerhin den Europapokal der Pokalsieger in seiner Trophäenkammer. Spätestens nach dem grandiosen Sieg gegen Real musste allen klar sein, die Hamburger brauchen niemanden fürchten, können auch den beinharten wie cleveren Titelverteidiger schlagen.

Kevin Keegan (links) und Martin O'Neill im Kampf um den Ball.

Kevin Keegan (links) und Martin O’Neill im Kampf um den Ball.

Es kam anders. Die bravouröse Leistung des Halbfinales gegen Real konnten die Jungs vom HSV nicht wiederholen. Nach dem Höhenflug folgte die bittere Niederlage. Nottingham Forrest siegte am Ende mit 0:1. Ein Tor von Robertson aus der 19. Minute reichte den Nachfahren von Robin Hood zum Endspielsieg im Wohnzimmer von Real Madrid, dem Bernabéu-Stadion. Dann folgte eines dieser „schmutzigen Spiele“, die man eben auch gewinnen muss, um Titel zu holen. (Chelsea lässt grüßen.) Nottingham stellte den Fußball und jede Offensivaktion ein, verlegte sich auf Spielverhinderung, um den Vorsprung ins Ziel zu bringen. Die Rechnung ging auf. Auch die Einwechslung von Horst Hrubesch zur zweiten Halbzeit konnte dieses Fußballblatt nicht mehr wenden. Das „Kopfballungeheuer“ war, wie seine Mitspieler, nicht in der Verfassung der Real-Nacht. Die HSV Angriffe kamen eher wütend denn überlegt, man rannte verzweifelt aber ideenlos gegen das Abwehrbollwerk der englischen Fußballminimalisten an. „Trickreich“ waren sie, die „Bäume“. Der HSV spürte es in allen Phasen des Spiels und noch mehr in jedem Zweikampf. Die Leichtigkeit des Halbfinales war beim HSV einer Verkrampftheit gewichen, in deren Folge dieser Matchball und die große Chance auf den europäischen Fußballthron vergeben wurden.

Nach dieser bitteren Niederlage schrieb trotzdem niemand die Hamburger ab. Man wusste, diese Mannschaft würde wieder aufstehen, zu groß ihr Geist, zu gut ihre Spieler und zu hungrig ihr Ehrgeiz. Es war nicht ihr Tag. Noch nicht. Aber dieser Tag würde kommen. Dem Sieger Nottingham wurde nach Abpfiff wenig Gutes attestiert, die Männer von der Insel kratzte es wenig, sie nahmen den Pokal mit nach Hause. Es blieb der letzte große Sieg des Clubs. Von dem Tag an ging es schleichend bergab. Nottingham Forrest endete schließlich in der zweiten englischen Fußballliga, bis zum heutigen Tag ist der Aufstieg nie mehr geglückt. Die Nacht von Madrid bleibt Höhepunkt der Vereinsgeschichte.

Redaktion Magath & Fußball

Spielstatistik

Nottingham Forrest – Hamburger SV 1:0 (1:0)
Zuschauer: 51.000 im Estadio Santiago Bernabéu (Madrid)

Nottingham: Shilton – Andersen, Lloyd, Burns, Gray (84. Gunn) – O’Neill, McGovern, Mills (68. O‘ Hare), Boyer, Birtles – Robertson
Trainer: Brian Clough

HSV: Kargus – Kaltz, Buljan, Nogly, Jakobs – Hieronymus (46. Hrubesch), Magath, Memering – Reimann, Milewski, Keegan
Trainer: Branko Zebec

Tore: 1:0 Robertson (19.)

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