Die Zwei


Veröffentlicht am 12. Juni 2013

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Scolari und Parreira sollen Brasilien zum WM-Triumph 2014 führen

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Brasilianische Fußballgeschichte ist immer auch die Fußballgeschichte der Welt, eine formidable Chronik großer Tragödien und noch größerer Triumphe. Einst galt Brasilien als Mittelpunkt der Fußballwelt, eine Einschätzung, die längst nicht mehr den aktuellen Fußballrealitäten entspricht. Brasilianische Fußballgrößen wie Garrincha, Vava, Pelé, Tostáo, Gérson, Zico und Ronaldo zieren die Ruhmeshallen des Weltfußballs, die Liste ließe sich in die Unendlichkeit erweitern, kein Land hat so viele Ausnahmespieler hervorgebracht. Von den Favelas bis zu den futuristischen Wohn- und Büropalästen Oscar Niemeyers sind sie die Helden ihrer Nation, der Begriff Volkssport hat für den brasilianischen Fußball bis heute lebendige Gültigkeit. Doch die letzten Jahre waren eher matter Abglanz einstiger Größe. In solcher Not greift man auch in Brasilien gern auf Bewährtes zurück. Zwei Männer mit großer Vergangenheit sollen dem brasilianischen Fußball neues Leben einhauchen, an Erfolge vergangener Tage anknüpfen. Keine Zukunftsvision wird ihnen abverlangt, sie sollen nur ein Jahr erfolgreich arbeiten und dem großen Ziel alles unterordnen, am Ende ihrer Arbeit muss der sechste WM-Titel für Brasilien stehen. Nicht mehr und nicht weniger wird von ihnen erwartet, ansonsten gilt ihre Mission als gescheitert.

Als Last schleppt ganz Brasilien ein großes Trauma Richtung WM-Turnier 2014. Die bisher einzige Heim-WM – 1950 ausgetragen – wurde zur bittersten Niederlage in der Geschichte des brasilianischen Fußballs. Die Urus entführten damals die WM-Trophäe ins kleine Nachbarland. Unendliche Pein und unermessliche Trauer legte sich schwer auf die Seelen brasilianischer Fußballanhänger. Linderung verschafften im Verlauf der kommenden Jahrzehnte fünf gewonnene WM-Titel. Keine Nation kommt darin Brasilien gleich. Und doch gab es da diesen 16. Juli 1950 im Maracanã zu Rio. Diese Schmach soll am 13. Juli 2014 im neuen Maracanã endgültig aus dem kollektiven Gedächtnis einer großen Fußballnation getilgt werden.

Zwei „alte Hasen“ des Fußballs tragen die Bürde der Titelpflicht. Der eine, Luiz Felipe Scolari, in den Herzen der Fans nur „Felipão“, ist ein temperamentvolles Energiebündel, der andere, Carlos Alberto Parreira, ein stoischer Ruhepol. Scolari (64) ist Cheftrainer und Macher des Projektes Titelgewinn. Parreira (70) Technischer Direktor der Seleção, der Scolari im hitzigen, brasilianischen Fußballfeuer den Rücken freihält und loyal zur Seite steht. Beide sind sie die letzten brasilianischen Weltmeistertrainer und wurden nicht mit brasilianischem Fußballzauber Titelträger. Sie ahnten längst das Ende der individuellen Überlegenheit des brasilianischen Fußballs, setzten eher auf europäische Tugenden, stellten das Mannschaftsspiel ihrer Teams in den Mittelpunkt. So geschehen bei der WM 1994 in den USA. Parreira holte dort mit erstaunlicher Abwehrarbeit und offensiven Könnern wie Romario und Bebeto den Titel. Scolari tat es ihm 2002 in Japan und Südkorea gleich. Mit enormer Disziplin und Weltklasseleuten wie Ronaldo und Cafu schaffte er den Triumph.

Für die Führung von Brasiliens Nationalmannschaft scheint die richtige Mischung gefunden, wenn nicht diese beiden, wer dann? Gilt Parreira als eine Art entspannter Fußballphilosoph und Gentleman, empfindet sich Scolari selbst als ein unermüdlicher Kämpfer des Fußballs, ohne Rast und Ruh treibt er die Dinge voran, strahlt dabei die Souveränität eines Strategen aus. Nicht von ungefähr hat er bei großen Turnieren stets eine Ausgabe von Sun Tzu „Die Kunst des Krieges“ im Gepäck. Vom 2.500 Jahre alten chinesischen General können Scolaris Spieler lernen: „Chancen multiplizieren sich, wenn man sie ergreift.“

Hintere Reihe, von links: Júlio César, Fred, Filipe Luís, Dante, David Luiz Vordere Reihe, von links: Alves, Oscar, Hernanes, Fernando, Neymar, Hulk

Hintere Reihe, von links: Júlio César, Fred, Filipe Luís, Dante, David Luiz. Vordere Reihe, von links: Alves, Oscar, Hernanes, Fernando, Neymar, Hulk.

Um einer ganzen Nation den Traum vom heimischen WM-Titel 2014 zu bescheren, bedarf es aber nicht nur einer funktionierenden Führung der brasilianischen Nationalmannschaft. Auch die optimale Mischung aus kommenden Champions muss gefunden werden. An der Qualität der vorhandenen Spieler – besonders im  Vergleich zu ihren großen Vorgängern – zweifelt momentan so manch Fußballexperte, zu durchwachsen waren die Leistungen der Seleção in den letzten Jahren, zu ernüchternd die Ergebnisse vergangener WM-Turniere.

Scolari ist der Chef und der Chef schaut genau hin. Für Spieler, die nicht bereit sind sich etwas zu erarbeiten, deren Ego stets über dem Gefüge der Mannschaft schwebt, ist im Universum von Luiz Felipe Scolari kein Platz. Künstlernaturen, die ihrem Handwerk selbstsüchtig nachgehen, kann der alte wie neue Trainer der Seleção nicht brauchen. Teamgeist ist ihm höchstes Gut. Auf der Suche nach spielerischer Klasse und charakterlichem Format ist Scolari auch in der Bundesliga fündig geworden. Zwei Spieler erfüllten seine Kriterien. Mit Dante fand er einen Profi nach seinem Geschmack. Geschult vom Gladbacher Trainer Lucien Favre, wurde aus dem fahrigen Hitzkopf ein Defensivstratege mit Offensivdrang und phantastischen Zweikampfwerten. So einer verfängt sich selbstredend im Beuteraster des FC Bayern. Scolari ließ sich auch von Dantes Münchner Mannschaftskollegen Luiz Gustavo überzeugen, der ins Anforderungsprofil passt.

Der Blick in Europas Top-Ligen gab für Scolari noch eine Menge großartiger Fußballer her. Nun, zu Beginn des Confed-Cups, glaubt Scolari seine ideale Mischung aus europäischen Legionären, Spielern der heimischen Liga sowie aus Jugend und Erfahrung beieinander zu haben. Aus dieser Ansammlung will er eine verschworene Truppe formen und eine große Mannschaft bauen, mit der man das Endspiel der WM im heimischen Maracanã erreichen und gewinnen kann. Mit dem Eröffnungsspiel des Confed-Cups am 15. Juni 2013 um 21 Uhr beginnt die Mission. Ein Jahr später will man Weltmeister sein. Viel ist möglich für einen Gastgeber, zumal wenn dieser Brasilien heißt. Aber mächtige Gegner werden sich aufmachen, dies zu verhindern. Argentinien, Deutschland, Holland, Spanien und noch einige andere wollen den brasilianischen Traum platzen lassen und selbst nach der Krone greifen. Eine furchterregende Vorstellung für die brasilianische Nation. Bei Sun Tzu findet Brasilien keinen Trost, aber eine Lehre: „Furcht ist der Gegner, der einzige Gegner.“

Redaktion Magath & Fußball

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