Italiener übernimmt weißes Ballett


Veröffentlicht am 26. Juni 2013

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Carlo Ancelotti soll Barca abhängen – mit Real die Champions League gewinnen

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Er steigt nicht vom Olymp, er kommt aus Paris. Carlo Ancelotti wird als neuer Coach von Real Madrid vorgestellt. Ancelotti besitzt die wohl berühmtesten Augenbrauen des Weltfußballs. Wenn Ancelotti seine linke Braue nach oben zieht, verrät sich eine Gemütsregung, die einem Vorwarnsystem für Vulkanausbrüche gleicht. Aber ausbrechen tut bei Ancelotti nichts, er spielt nur mit der Möglichkeit. Lieber folgt er der Maxime vom Gehirn, welches die Aufgabe hat, das Herz zu kühlen.

Einst war Ancelotti ein veritabler Fußballer, holte zweimal die Champions League mit dem AC Mailand und seinen legendären Mitspielern Gullit, van Basten und Rijkaard. Heute ist er längst einer der erfolgreichsten Spitzentrainer der Branche. Während Pep Guardiola in München krönungsähnlich gefeiert, José Mourinho in London alles überstrahlt, kommt der Mann aus dem norditalienischen Reggiolo als ein Ausbund von Normalität und Sachlichkeit daher. Nach italienischen Maßstäben darf man ihn wortkarg nennen. Die oft um sich selbst kreisende Fußballwelt betrachtet er mit Skepsis, solide Bodenständigkeit hat ihn immun gemacht gegen den wachsenden Glamour der Branche. Ancelotti kann Blendwerk von Substanz unterscheiden, sein Spielfeld ist der Fußball, seine Bühne der Trainingsplatz. imago11273039m_cAls Trainer die Champions League ein drittes Mal zu gewinnen liegt nicht nur bei Mourinho oder Guardiola. Carlo Ancelotti ist ebenfalls heißer Kandidat. Auch deshalb führten Weg und Wille ihn nach Madrid. Milliardär und Real-Präsident Florentino Perez, wie das aufgeregte und explosive Umfeld von Real Madrid, werden Ancelotti nicht schrecken. Er hat Berlusconi wie Abramowitsch hinter sich, mit arabischen Scheichs einen französischen Top-Club gebastelt. Dabei blieb er seinen Überzeugungen treu, nahm die Allüren seiner Dienstherren mit stoischer Gelassenheit. Still und effizient ging er dem Handwerk eines Fußballtrainers nach. Während andere dem Spektakel frönten, sammelte Ancelotti Titel. Gelernt hat er dieses Handwerk vor allem beim genialen Arrigo Sacchi, dessen Spieler er war, dessen Assistent er wurde.

Perez wollte in Ancelotti seinen Wunschtrainer. Bei Real folgt stets Wunschtrainer auf Wunschtrainer. Ancelotti kennt die Fallstricke großer Clubs, wollte aber trotzdem unbedingt zum weißen Ballett, er ahnt das Potential von Club wie Mannschaft und was sein Können daraus formen kann. In drei Ländern war er bisher Trainer, in drei Ländern wurde er Meister. Eine Meisterschaft lockt in Madrid allerdings niemanden hinterm Ofen vor, es gilt, Barca abzuhängen und die Erfüllung des goldenen Traums vom Champions League-Sieg. Ancelotti weiß, wie man dies bewerkstelligt, zweimal hat er auch als Trainer mit Milan zugeschlagen. Die Champions League ist auch der Ort seiner größten Niederlage. Am 25. Mai 2005 brachte Milan im Finale gegen Liverpool einen 3:0-Vorsprung in die Halbzeitpause, die Spieler feierten schon den Sieg, hakten das Spiel ab. Ancelottis Augenbraue soll sich – wie seine Stimme – heftig gehoben haben. Umsonst, er drang nicht durch zu seinen Jungs. Liverpool glich in regulärer Spielzeit aus, schaffte es ins Elfmeterschießen. Dieses wurde völlig untypisch von den Engländern gewonnen. Die größte Niederlage des Trainers Carlo Ancelotti. Unter den Trainern im Weltfußball gilt Ancelotti als einer der kollegialsten. Interesse für Menschen und seine offene Art werden geschätzt. Wie ein sachwaltender Angestellter geht er durch den Tag, majestätische Auftritte sind seine Sache nicht. Eine Wertschätzung der besonderen Art widerfuhr ihm in England, unmittelbar nach der Entlassung 2011 beim FC Chelsea. Kein Geringerer als Alex Ferguson empörte sich über den Umgang mit dem Kollegen und lobte diesen in höchsten Tönen, Arsene Wenger schloss sich dem Schotten an.

Nun wartet also das verwöhnte wie komplizierte Starensemble von Real auf den Italiener. Die Transfertrommel wird sich drehen, Ronaldo wird sich aus diesem oder jenem Grund auch drehen, Neuzugänge wie Abgänge werden die Madrider Medien elektrisieren. Ancelotti wird mitten in diesem Orkan stehen und seine stoische Ruhe in effiziente Arbeit umwandeln. Seiner Unaufgeregtheit könnte die Zähmung dieses hochgekochten Umfeldes gelingen, wie es dem letzten Unaufgeregten bei Real gelang, Vicente del Bosque. Der gewann mit dieser Art zweimal die Champions League. Diese steht auf Ancelottis Agenda ganz oben, Perez hat in der Frage nicht mehr Geduld als Roman Abramowitsch. Ob Ancelottis Anlauf erfolgreich sein wird, kann nur die Zukunft lehren. Gelingt ihm der Coup, wird er zu einer neuen Real-Legende. Vor möglicher Entlassung schützt in Madrid auch der Flügelschlag des Erfolges nicht. Ancelotti kennt die großen Dramen und die kleinen Tragödien dieser Real-Welt, unbeeindruckt wird er ans Werk gehen.

Redaktion Magath & Fußball

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