Triumph der Einfachheit


Veröffentlicht am 16. Juli 2013

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Vicente del Bosque prägt mit seiner Persönlichkeit den spanischen Fußball

imago10902593m_cSchwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt. Vicente del Bosque weiß um Bürde und Flüchtigkeit einer von „König Fußball“ verliehenen Regentschaft. Weltmeister! Empfang beim König. Liebling der Nation. Milde lächelnd nahm er die Ehrungen hin. Die Gedanken sind ihm auch im Erfolg nicht ins Gesicht geschrieben. Der wirkliche Triumph stand allerdings noch bevor. Xavi und Iker Casillas, Weltstars beide, wussten, wie sie ihrem Trainer danken konnten. Sie brachten dessen geliebten Sohn Alvaro mit auf das Oberdeck des Busses, der die Furia Roja durch das euphorisierte Madrid fuhr. Del Bosque, dessen Sohn am Down-Syndrom leidet, zeigte Rührung und alle Anstrengung des WM-Turniers fielen von ihm ab.

In Salamanca am 23. Dezember 1950 geboren, kam del Bosque früh zum Fußball. In der Jugend der Weg zu Real Madrid. Der Club der Königlichen wurde zur Heimat. Mit Beginn der 70er Jahre erarbeitet sich del Bosque einen Stammplatz. Über zehn Jahre wird er den soliden Arbeiter im Hintergrund geben, seine Zierde die Bescheidenheit. Sensationell spielt er nie, doch oft richtig und meistens gut. Fünf Meisterschaften und vier Pokalsiege holt er mit Real, 18 Länderspiele bestreitet er für sein Land. Der Spieler Vicente del Bosque machte sich in dieser Zeit, wenn Diktator Franco das Bernabéu besuchte, nie gemein. Davor schützte ihn die Prägung durch seinen Vater Fermón del Bosque, ein Bahnbeamter und im spanischen Bürgerkrieg Kämpfer gegen das Franco-Regime. Fermón blieb seinem Sohn immer gegenwärtig und ein moralischer Kompass in dessen Leben. Vicente nennt ihn „aufrecht und frei von jeder Falschheit“, ein ehrbares Vorbild. Erst die Familie, dann Real.

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Nach dem Ende seiner Spielerkarriere im Jahr 1984 durchwandert Vicente del Bosque die Nachwuchsabteilungen von Real Madrid, wird eine Art Herbergsvater vieler Spielergenerationen. 1999 übernimmt er zögernd den Cheftrainerposten, er gilt als Notlösung. Wetten werden abgeschlossen, wie lange del Bosque es mit der Ansammlung von Stars aushält, diese ihn dulden. Die Vereinsführung sondiert den Trainermarkt, del Bosque beginnt derweil zu arbeiten. Den Kritikern bleibt jede Galle im Halse stecken, der Mann hat Erfolg. In vier Jahren gewinnt er zwei Champions-League-Titel, zwei spanische Meisterschaften sowie den Weltpokal. Aus einer teuren Truppe von Einzelspielern und Weltstars formt er ein funktionierendes Team. Raúl, Iker Casillas, Zinedine Zidane, Luis Figo, Roberto Carlos und Ronaldo führt er zum Mannschaftserfolg. Der Trainer del Bosque wird „Weltclubtrainer des Jahres“ und bei den Real-Fans zum geliebten Helden.

Del Bosque lässt sich im Erfolg nicht verbiegen, bei Real würden sie ihn gern in eine Art Showman verwandeln, seine phantastische Trainerarbeit wird eher als selbstverständliches Beiwerk empfunden. Jetzt, wo Real auf dem Gipfel, sonnen sich Funktionäre im Glanz. Der sachliche Fußballlehrer stört, da schreitet Real-Präsident Florentino Pérez persönlich ein und entlässt am Abend einer Meisterfeier den Mann, der als Inbegriff von Integrität und Anstand gilt. Pérez will einen Trainer, der zum Image passt. Seither sucht selbiger Pérez – zehn Jahre gingen ins Land – einen Trainer, der ihm die Champions League erneut ins Haus holt. Die Stillosigkeit hat del Bosque nie vergessen, seither verbittet er sich jedwede Ehrungen seitens Real Madrid für seine lebenslangen Dienste, lehnt alle Angebote für Preise und Vereinsorden durch Pérez ab. Charakter beschämt Unanstand. Die nächsten Stationen von Vicente del Bosque: unspektakulär. 2004 Beşiktaş Istanbul, sehr bald zurück nach Spanien, dort Sportdirektor beim Zweitligaclub FC Cádiz.

Im Juli 2008 übernimmt er respektvoll von Luis Aragonés, dem Vater des EM-Triumphes, den Posten des Nationaltrainers. Stiller als der wilde Aragonés füllt del Bosque das Amt stilsicher und mit ruhiger Hand aus. Er ist kein stürmender Erneuerer, sondern ein kluger Bewahrer. Den Fußball-Europameister führt er unaufgeregt und souverän zur Weltmeisterschaft in Südafrika 2010, holt dort den Titel. Spanien am Ziel seiner Fußballträume. Man schickt sich auch an, den Europameistertitel zu verteidigen. Während des EM-Turniers 2012 mosern Medien über den spanischen Spielstil. Vicente del Bosque wird Prügelknabe. Die Antwort liefert del Bosques Team im Endspiel gegen Italien, mit einem beeindruckenden 4:0 krönt man sich erneut zum Champion. Medien rufen nun Hosianna, schwärmen über den Spielstil, das Wort Sternstunde macht die Runde. Aus dem Buhmann wird ein genialer Stratege. Solch rasanter Meinungsumschwung ist dem erfahrenen del Bosque längst kein Stirnrunzeln mehr wert, er nimmt es hin.

Vicente del Bosque: „Nur der gewinnt, der intelligent und bescheiden ist.“

Vicente del Bosque: „Nur der gewinnt, der intelligent und bescheiden ist.“

Vicente del Bosque hat dem spanischen Team seinen Stempel aufgedrückt. Mit Menschenkenntnis und Fingerspitzengefühl führte er seine Weltklassespieler zu den Triumphen des Fußballs, wie er einst die Superstars von Real zur Champions League-Krone brachte. Selbst mit schwierigen sowie boulevardgeprägten Persönlichkeiten findet er eine Ebene. Wer mit ihm zu tun hat, der spürt die elektrisierende Gegenwart seiner Schläue. Ein Fachmann mit einer klaren Spielphilosophie, verfügt er über großes taktisches Geschick, kann Topspieler in ein funktionierendes System einbauen. Heute wird del Bosque weltweit geachtet, ein Ruhepol im hektischen Fußballgeschäft, für seine Spieler respektierte Vaterfigur. Den spanischen Fußball führte er zu neuen Ufern. Wie alle großen Trainer sucht er weiter beharrlich nach etwas, das den Gesetzen der Zeit nicht unterworfen ist.

Selbst die clásico-geschädigten Spieler aus Barcelona und Madrid brachte er wieder in eine Teamreihe. Komplizierte Situation versteht del Bosque zu erkennen und zu entschärfen. Der eher laute Stil von José Mourinho ist ihm so fremd wie der philosophische Habitus des Pepe Guardiola. Vicente del Bosque ist ein von Bescheidenheit geprägter Mann. Er weiß, seine eigene Persönlichkeit mit Gelassenheit im Hintergrund zu halten. Dass dieser spanische Nationalheld in einer schlichten Etagenwohnung eines Madrider Neubaugebietes lebt, steht symbolisch für das, was ihn als Sportler, Trainer und Mensch auszeichnet. In seiner Heimatstadt Salamanca auf der Plaza Mayor, einer der schönsten Plätze Spaniens, trifft man del Bosque noch heute, wenn andere im Urlaub die Weite der Welt suchen. Seine Zeit verbringt er dort mit alten Freunden aus Schul- und Jugendtagen, sitzt gern im Café und hört lieber zu als das Wort zu ergreifen. Ein Mann des Volkes, der an den Stimmungen und Sorgen der Menschen teilhat. So war er, so wird er bleiben. Ein guter Charakter kann ein bestimmender Faktor unseres Lebens werden. Vicente del Bosque ist der Beweis.

Redaktion Magath & Fußball

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