Der ruhende Bär


Veröffentlicht am 7. August 2013

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Russland – Eine besondere Fußballnation

Die Otkrytije Arena in Moskau entsteht in der Nähe des ehemaligen Flugfelds Tuschino und ist als WM-Austragungsort für 2018 fest eingeplant. Der Stadionneubau soll nach seiner Fertigstellung 42.000 Zuschauern Platz bieten und zur Heimspielstätte des russischen Rekordmeisters Spartak Moskau werden.

Die Otkrytije Arena in Moskau entsteht in der Nähe des ehemaligen Flugfelds Tuschino und ist als WM-Austragungsort für 2018 fest eingeplant. Der Stadionneubau soll nach seiner Fertigstellung 42.000 Zuschauern Platz bieten und zur Heimspielstätte des russischen Rekordmeisters Spartak Moskau werden.

„Glücklich, wer mit der Zeit gestählt, gelernt, des Lebens Ernst zu tragen“, so sagt es der große Alexander Puschkin in seinem Eugen Onegin. Der russische Fußballriese wartet noch auf Erweckung und auf das Glück einer Generation, die bereit ist, die schwere Last auf dem Weg zu einem Titel zu stemmen. Wenn sich dieser Fußballgigant im letzten Jahrzehnt räkelte, spürte es die Fußballwelt. Wirklich aufgestanden ist er noch nicht.

Alle Kräfte mobilisiert, kann dieses Land einen Champions League-Sieger schaffen und den WM-Titel 2018 im eigenen Land behalten. Zenit Sankt Petersburg hat 2008 den UEFA Cup gewonnen, dann stagnierte man, verließ die internationale Erfolgsspur. Im Kaukasus, in Machatschkala bei Anschi, ist die letzten Jahre ein starker Fußballweg begonnen worden, man weiß aber noch nicht, wo er hinführt. Moskau verfügt über eine große Clubdichte wie nur noch London, aber dem internationalen Format hinkt man kollektiv hinterher. Ein fußballbegeistertes Volk, mit großen Sporttraditionen, willige und bereite wie finanzstarke Investoren und eine Heim-WM vor der Brust – daraus sollte sich, mit außergewöhnlichen Anstrengungen und der kraftvollen Bündelung aller Ressourcen, ein Triumph schmieden lassen, der dem Fußball in Russland die Krone aufsetzt.

Im berühmten EM-Spiel 2008 zu Basel gegen Holland stieß Russland die Tür zu einem Fußballtraum auf, man schlug die für unbesiegbar gehaltenen Holländer in einem mitreißenden Spiel. Aber aus dem Beginn des Traumes wurde keine Titel-Realität. Alle darauf aufbauenden Hoffnungen verflogen. Der Erfolg wurde nicht festgehalten und ausgebaut. Eine großartige Generation von Spielern zog in die weite Fußballwelt, kein Spieler entwickelte sich dort deutlich weiter und stieß in die absolute Weltklasse vor, großes Potential wurde nie final ausgeschöpft. Ähnlich der goldenen Generation Portugals um Luis Figo und Rui Costa oder der Englands um Steven Gerrard und Frank Lampard, blieb auch der Triumph der russischen Spieler aus. Die Generation Anjukow, Kolodin, Schirkow, Biljaletdinow, Syrjanow, Arschawin und Pawljutschenko hätte sportlich viel mehr aus ihren Karrieren holen und ihrem Land Titelträume bescheren müssen. Eine grandiose Vorlage hier wohl leider verspielt.

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Das russische Volk ist vom Spiel Fußball so begeistert wie die Menschen aller großen Fußballnationen. Die nächste sich bietende Chance, bedingt durch die Austragung der WM 2018, will man in Russland nutzen. Die Clubs müssen sich dramatisch wandeln und auch ein bisschen neu erfinden. Ein wirklicher Aufbruch muss beginnen, nur so kann die Liga in Gesamtheit an Stärke gewinnen. Durchgreifende Fachleute müssen her, die genau wissen, was nötig und mit ihrem Eifer und Siegeswillen eine neue Generation anstecken. Die Professionalisierung muss sich auch in der Einstellung der in- wie ausländischen Spieler widerspiegeln und die Strukturen denen von Madrid, London, München und Paris angepasst werden, um europäischen Top-Ligen wirklich dauerhaft nah zu kommen. Geld und Investitionen dürfen nicht zum Selbstzweck eingesetzt werden, nur dem Einzelnen helfen und am Ende versanden, sie müssen zielorientiert dem Fußball dienen und die Vereine voranbringen. Mit bedingungslosem Einsatz und harter Arbeit kann der ruhende Bär sich in einen Fußballriesen verwandeln.

Spieler, jung an Jahren, aus dem Inland wie auch ausländische Stars wurden persönlich sehr schnell reich und individuell vermögend. Aber hat es die sie bezahlenden Clubs besser und stärker gemacht, diese in die europäische Fußballspitze geführt? Die Frage muss verneint werden. Spieler in Russland müssen lernen, den Fußball nicht nur als gute Einkommensmöglichkeit sondern auch als eine Verpflichtung gegenüber dem Verein und den Fans zu sehen und bereit sein, etwas zurückzugeben. Daran muss man arbeiten, dafür muss man trainieren. Es wird Zeit für einen der russischen Vereine, in die Fußstapfen der ganz großen des europäischen Fußballkonzerts zu treten, sich nicht an nationaler Konkurrenz sondern an den Topclubs der Welt zu messen. Manchester United, der FC Barcelona, Real Madrid oder der FC Bayern München müssen zu richtungsweisenden Maßstäben werden. Auch das Modell Dortmund könnte in Russland möglich sein. Den stark besetzten Ruhr-Cup 2013 – ein hochklassiges, internationales U19-Turnier – gewannen verdient die Jungs von Zenit Sankt Peterburg. Ein Hoffnungszeichen. Daraus sollte man in der Stadt der weißen Nächte und in ganz Russland richtige Schlussfolgerungen ziehen. Spielerpotential für den harten wie weiten Weg zum Erfolg wächst nach. Es geht etwas.

Russland braucht keinen Wankelmut in seinen sportlichen Ambitionen sondern klare Richtung. Aimé Jacquet und seine französische Nationalmannschaft, beim Heim-WM-Turnier 1998, sind ein gutes Beispiel für die Mobilisierung aller Kräfte einer Fußballnation. Bis zur WM 2018 stehen noch fünf Champions League-Endspiele an, die Aussicht, in einem davon ein russisches Team zu sehen, sollte den gesamten russischen Fußball elektrisieren und helfen, den Blick der Welt auf die WM 2018 zu lenken. Es ist ganz einfach, der russische Fußballbär muss sich nur erheben. Wie Leo Tolstoi sagte: „Es sind immer die einfachsten Ideen, die außergewöhnliche Erfolge haben.“

Redaktion Magath & Fußball

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