Ernst Happel (II) – Holländische Jahre


Veröffentlicht am 13. August 2013

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Ein Wiener zieht in die Welt, um den Fußball zu revolutionieren

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In Zeiten, wo Wohnungssuche und Harndrang von Spielern oder die Flughafenankunft eines Trainers Fußballnachrichten darstellen, ist den Apologeten solcher Meldungen schwer zu vermitteln, wie großartig und erfolgreich ein Trainer vom Qualitätsschlag Ernst Happels auch in unserer Zeit wäre. Aura und Charakter, wenn sie mit Kontur, Ecken und Kanten daherkommen, sind angeblich nicht mehr gefragt. Weit gefehlt! Das Außergewöhnliche im Fußball wird nur von außergewöhnlichen Persönlichkeiten geschaffen und ist auch nach Happel oft von seinem Holz. So Luis Aragonés, der Spaniens Nationalmannschaft aus 40-jähriger Agonie erweckte, so Felix Magath, der aus grauen Mäusen erfolgreiche Meisterwölfe machte und so Otto Rehhagel, der einen Fußballzwerg zum europäischen Thronriesen erhob. Durch die Bank eher kluge Beobachter als denn hyperaktive Dampfplauderer. Kollegen nach Happels Geschmack. Der Welt erfolgreichster Fußballtrainer war einem Happel immer näher als jedem Konzepttrainer, wer den Sir auf der Rennbahn trifft, sollte ihn danach fragen.

Als Sektionsleiter in Wien, sein geliebtes Rapid war der erste Arbeitgeber, gab Happel ab 1959 einen frühen wie modernen Manager, führte Rapid zu neuer Größe aber stieß sofort Funktionären vor den trägen Kopf. Die fürchteten um Posten und Pöstchen. Sein fester Wille, eine echte Professionalisierung einzuführen, verschreckte die kleinen Geister, im Jahr 1962 war dann Schluss. Happel war es eine gute Lehre, zeitlebens würde er nur noch Verträge zeichnen, wo ihm in seinem ureigenen Bereich niemand reinredete.

Nationalmannschaftskollege Beppo Binder empfiehlt den alten Kumpel sofort nach Holland. Dort sucht Erstligist ADO Den Haag einen Trainer. Sein dortiges Erscheinen gleicht einem Erdbeben, die Spieler lernen vom ersten Tag, was Fußball heißt und welche Gangart Happel bevorzugt. Sich durchzusetzen war auch für den jungen Trainer Happel nie ein Problem. Die Sache mit der vom Querbalken des Tores geschossenen Cola-Dose – ein schönes Märchen dieser Zeit – blieb an ihm haften. Um sich Respekt zu verschaffen, brauchte Happel nie Kunststücke, sein Fußballverstand ließ alle Vorbehalte zu Staub zerfallen. In Den Haag machte er aus einem Abstiegskandidaten eine Adresse des holländischen Fußballs. Als er mit seiner Truppe 1968 das Pokalfinale gegen Ajax gewinnt, hat er Den Haag zu einem Spitzenverein geformt, seinen ersten Titel als Trainer gewonnen und den Holländern zwei Begriffe in die Fußballköpfe getan, die diese bis heute im Schrein ihrer Fußballseligkeit aufbewahren: Pressing und totale Offensive. Ein stärkerer Verein, mehr finanzieller Spielraum, bessere Spieler und gute Aussichten, Feijenoord (Feyenoord wurde es erst 1973) wollte diesen Mann und der Mann wollte auch. Ab 1968 also Rotterdam, eine Erfolgsehe des Weltfußballs nahm ihren Anfang. Etwas brachte Happel noch mit aus Den Haag, niemals mehr würde er diesen Namen loswerden, er trug ihn wie einen Orden und machte ihm alle Ehre: „Schweiger“.

Erfolgsgespann: Willem van Hanegem (links) und Ernst Happel holten in der gemeinsamen Zeit bei Feyenoord Rotterdam 1970 sowohl den Europapokal der Landesmeister als auch den Weltpokal, gewannen obendrein zwei Niederländische Meisterschaften (1969, 1971) und triumphierten im KNVB-Pokal (1969).

Erfolgsgespann: Willem van Hanegem (links) und Ernst Happel holten in der gemeinsamen Zeit bei Feyenoord Rotterdam 1970 sowohl den Europapokal der Landesmeister als auch den Weltpokal, gewannen obendrein zwei Niederländische Meisterschaften (1969, 1971) und triumphierten im KNVB-Pokal (1969).

In Rotterdam wollten sie gut mitspielen und Meister werden, Happel verstand nicht, warum der Europapokal der Landesmeister nicht das Ziel sein sollte. Die Vereinsoberen staunten Bauklötzer, die Spieler taten es ihnen mit offenem Mund gleich. Führungsspieler und ungekrönter König im Team von Feijenoord ist Wim van Hanegem, in seiner Spielanlage und im Charakter ein Typ wie Happel, so etwas geht selten gut, van Hanegem sucht die Machtprobe, es ist ihm egal, wer unter ihm Trainer. Sein Status ist unantastbar, er ist der Johan Cruyff von Rotterdam, ein Weltstar. Schon die erste Machtprobe – van Hanegem beschwert sich beim Präsidium – klärt die Fronten, Happel schmeißt van Hanegem für einige Zeit aus dem Kader, die Mannschaft gewinnt trotzdem. Nach seiner Rückkehr wird van Hanegem einer der besten Happel-Spieler aller Zeiten, der spielgestaltende Kopf von Happels Rotterdamer Jahren.

Happel biegt die charakterlichen Schwächen und fördert die fußballerischen Talente und Stärken, bald ziehen alle mit, man marschiert zur Meisterschaft. Im Europapokal der Landesmeister, der Champions League des Fußballs, nimmt man gleich im ersten Happel-Jahr Anlauf auf den Thron, der Wiener hält Wort. Finalgegner im San Siro zu Mailand ist am 6. Mai 1970 Celtic Glasgow mit dem großen Jock Stein auf der Trainerbank und dem legendären Bobby Murdoch als nimmermüden Antreiber und Boss im Mittelfeld von „The Bhoys“.

Kein Trainer kann Spieler auf den Punkt so motivieren wie Stein seine Jungs, in ganz Europa fürchtet man Celtic für Kampfmoral und ewige Ausdauer. Aber an Happels Pressing beißen sich die harten Schotten die Zähne aus, die Männer um van Hanegem und Kapitän Rinus Israél halten dagegen, setzen spielerische Akzente. Als der Schwede Ove Kindvall in der Verlängerung das entscheidende Tor zum 2:1-Endstand macht, da hat Happel seine Mission schon im ersten Dienstjahr erfüllt. Rotterdam und ganz Holland stehen Kopf, selbst Amsterdam feiert mit, der größte Titel im Clubfußball ist erobert. Die Jungs um Happel werden in Rotterdam wie Könige empfangen und ihr Macher auf den Schultern durch „De Kuip“ getragen. Der Hunger ist aber noch nicht gestillt, in Hin- und Rückspiel des Weltpokals bezwingt man im gleichen Jahr noch Estudiantes de La Plata und gewinnt auch diesen Titel. Wenn in der nächsten Saison auch noch die zehnte Jubiläumsmeisterschaft gewonnen wird, Happel bemerkt zu viel Freundschaft, kaum noch Reibungspunkte, spürt den Abschied in seinen Fußballknochen, beendet das Engagement bei Feyenoord 1973. Bis heute ist Happel die größte Legende unter den Fans und wird kultisch verehrt. Die Schlussworte unter diese Ära gebühren Wim van Hanegem: „Ernst Happel war der Beste. Mit seiner Philosophie war er seiner Zeit weit, weit voraus. Er hatte großen Einfluss auf den totalen Fußball in den Niederlanden und auf meine Karriere als Spieler und Trainer.“

Kaum ein anderer Trainer ist so gründlich in eine permanente Deutungshaftung für die Gegenwart genommen worden wie Ernst Happel. Er suchte sein Leben lang nach einer neuen und verbesserten Version des Fußballs und vor allem nach den richtigen Leuten für deren Umsetzung. Rinus Michels und Johan Cruyff schrieben nach Happel mit Ajax Amsterdam neue holländische und europäische Fußballgeschichte, aber die Grundlagen des totalen Fußballs hatte Ernst Happel den Holländern beschert, er machte nur kein Aufheben darum, packte die Koffer Richtung Sevilla. FC und Sonne riefen. Etwas hatte er den Menschen im und um den Fußball noch geschenkt, die klugen Leute der Branche begriffen es sofort, Schweigen war von nun an ein erfolgreiches Stilmittel der Fußballkommunikation.

Redaktion Magath & Fußball

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