Der Neue im Camp Nou


Veröffentlicht am 18. August 2013

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Argentinier Gerardo Martino ist Cheftrainer des FC Barcelona

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Die durch Erkrankung und Rücktritt von Tito Vilanova entstandene Erschütterung aufzufangen, im Club wie mit der Mannschaft wieder gestalterische Kraft zu entwickeln, haben sie in Barcelona den richtigen Mann gefunden. Der 50-jährige Argentinier Gerardo Martino ist also neuer Barca-Coach. Er sorgte bei der WM 2010 für Furore, führte Paraguay ins Viertelfinale, wo man Europameister Spanien alles abverlangte. Nach deren Trainer del Bosque sogar „ein komplizierterer Gegner als Deutschland“. Mit 1:0 siegte Spanien, knapp, glücklich und hart umkämpft. Martino lieferte bei dieser WM sein Meisterstück, den spanischen Spielern blieb er im Gedächtnis. Er führte Paraguay noch ins Copa América-Finale 2011, wo man den Urus unterlag. Dann zog es ihn wieder in seine argentinische Heimat, zum Club Atlético Newell’s Old Boys, in seine Geburtsstadt Rosario. Bei den Old Boys hatte er mit Unterbrechungen 16 Jahre gespielt, war ein unauffälliger aber solider Mann im Mittelfeld, brachte es zu einem Länderspiel. Als Trainer gewann er 2013 auf Anhieb die Meisterschaft mit seinem Club. Nun also der FC Barcelona.

Messi soll von ihm schwärmen – auch er ein Junge aus Rosario. Carlos Puyol glaubt, Martino passt zur Philosophie von Barca. Die Medien sehen in ihm einen Wiedergänger von Marcelo Bielsa, auch weil Martino ihn als eine Art Vorbild bezeichnet und ab und an eine ähnliche Brille trägt, beider Temperamentsausbrüche an der Seitenlinie ähneln einer eruptiven Choreographie. Andere glauben ein neuer Menotti sei unters Fußballvolk getreten. Das Tiki-Taka von Barca mag er, wie Bielsa ist er Anhänger von permanenter Dominanz und schnellem Spiel. Johan Cruyff grummelt aus dem Hintergrund, „die Entscheidung sei übereilt, er wisse wenig über den Mann“. Nichts Genaues weiß man allerdings wirklich nicht. Vielleicht sollte man in Europa einfach mehr Interesse am südamerikanischen Fußball zeigen und nicht nur an seinen abwanderungswürdigen Stars, dann wüsste man auch besser über deren Übungsleiter Bescheid. Dennoch: es könnte passen in Barcelona.

Südamerikanische Trainer stehen heute stark für Disziplin und Ordnung, in Lateinamerika ist der Begriff noch nicht verpönt. Tabárez, Scolari, Bielsa und Sabella legen fast preußische Tugenden an den Tag, die man auch Martino nachsagt. Allerdings hat kein südamerikanischer Spitzentrainer auf dem alten Kontinent wirklich durchschlagende Erfolge gehabt. Wanderlei Luxemburgo bei Real, Héctor Cúper bei Inter, Óscar Tabárez beim AC Milan, Luiz Felipe Scolari bei Chelsea oder Carlos Bianchi bei Atlético Madrid sind Vorgänger ohne große Titel. Auch der sich zum Philosoph des Fußballs stilisierende César Luis Menotti erzielte in Europa keine Triumphe. Insofern ist die Personalie von Barca-Sportchef Zubizaretta und Präsident Rosell mutig und gewagt. Vergleiche – zum Guten oder zum Schlechten – hinken immer. Titellos darf Martino allerdings nicht bleiben, dann kann sich auch sein Dreijahresvertrag in Windeseile verflüchtigen.

imago06124443m_cGerardo Martino bekommt seine Chance und er könnte sie nutzen. Der Mann ist ein positiver Fußballbesessener, dessen Blick auch über den Fußball hinausgeht. Vor sozialen Problemen auf seinem Heimatkontinent hat er nie die Augen verschlossen. Er weiß um das Barca-Erbe und die Erwartungen, aber seine Leidenschaft für das Spiel, sein Fachwissen und sein eruptives Temperament können die Barca-Stars sicher neu befeuern, alten Zauber beleben. Martino hat viel gelernt auf seinem Trainer- und Lebensweg, er wird auch einiges zu lehren haben. Seine ersten Schritte und Äußerungen auf der großen Fußball-Bühne Barcelona darf man als gelungen bezeichnen. Der Trainer Martino muss die Auseinandersetzung mit seinen europäischen Kollegen nicht fürchten, er wird sie als Bereicherung empfinden. Eine interessante Personalie könnte vielleicht zu einer neuen Ära werden. Die Männer um Xavi und Messi sind durch Neymar und Martino um eine weitere südamerikanische Komponente reicher. Fußballeuropa darf auf neue Möglichkeiten und Ideen aus Katalonien gespannt sein.

Redaktion Magath & Fußball

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