„I am not happy, but I am content“


Veröffentlicht am 22. August 2013

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Die außergewöhnliche Spielerkarriere des Horst Blankenburg

30. Mai 1973: Horst Blankenburg (Bildmitte) hat hier gerade mit Ajax Amsterdam den Europapokal der Landesmeister gewonnen. Im Finale wurde Juventus Turin 1:0 bezwungen. Links von Blankenburg sind Trainer Ștefan Kovács und Mittelfeldmann Gerrie Mühren zu sehen. Rechts Finaltorschütze Johnny Rep und Blankenburgs Abwehrkollege Barry Hulshoff.

30. Mai 1973: Horst Blankenburg (Bildmitte) hat hier gerade mit Ajax Amsterdam den Europapokal der Landesmeister gewonnen. Im Finale wurde Juventus Turin 1:0 bezwungen. Links von Blankenburg sind Trainer Ștefan Kovács und Mittelfeldmann Gerrie Mühren zu sehen. Rechts Finaltorschütze Johnny Rep und Blankenburgs Abwehrkollege Barry Hulshoff.

„Nicht glücklich, aber zufrieden“, die Lebensbilanz, in einem englischen Porträtinterview über Horst Blankenburg, persönlich von ihm geäußert, fällt nüchtern aus. In Deutschland ist er fast vergessen, bei Ajax Amsterdam verehrt man Horst Blankenburg noch heute als Abwehrchef der größten Mannschaft in der Geschichte des Vereins. Johan Cruyff sagte einst über Horst Blankenburg: „Als Libero ist er noch besser als Franz Beckenbauer.“ Hennes Weisweiler sah in ihm den perfekten Fußballspieler, der seiner Idealvorstellung eines Liberos am nächsten kam. In Deutschland half dies alles wenig, Franz Beckenbauer war der Libero seiner Ära.

Horst Blankenburg begann 1967/1968 unter Max Merkel seine Profilaufbahn beim 1. FC Nürnberg. In seiner ersten Saison wurde die Mannschaft Deutscher Meister. Blankenburg absolvierte kein einziges Bundesligaspiel. Zur Meisterschaft hat er „nichts beigetragen“, sagt er später selbst. Anschließend wechselte er zum Wiener SK, wird Österreichischer Vizemeister. 1969 ging es zurück in die Heimat, er schließt sich dem TSV 1860 München an. 31 Bundesligaeinsätze und ein Tor seine Bilanz. Es hat nicht geholfen, am Ende der Saison stieg 1860 ab. Bis hierhin weder ein mitreißendes noch ein beachtetes Fußballleben. Dann das Wunder, eine Fee streift seinen Weg. Nach einem sehr guten Spiel – 3:0 gegen Borussia Dortmund – der Ritterschlag mit Glücksmoment. Diese Fee ist nicht weiblich oder schön, kommt in Form von Ajax-Co-Trainer Bobby Harms daher. Ajax-Trainer Rinus Michels sucht einen Libero, der Kennerblick von Harms hat ihn gefunden. Blankenburg wechselt tatsächlich zu Ajax Amsterdam und ist plötzlich Teil einer grandiosen Fußballgeschichte. Er spielt beim besten Club Europas, mit dem spektakulärsten Fußball und heimst Titel um Titel ein. Mit Johan Cruyff, Johny Rep, Johan Neeskens und Ruud Krol in einer Mannschaft ist er Teil einer permanenten Erfolgsgeschichte plus ständigem Zauberfußball.

Im Dezember 1970 beginnt die Erfolgsehe von Horst Blankenburg und Ajax Amsterdam. Mit seinem dortigen Trainer Michels, mit dem er sechs Monate arbeitet, wechselt er nur knappe Worte. „Er hat mir mitgeteilt, dass ich Libero werden solle. Das war eine der wenigen Begegnungen mit ihm. Er war ein Fußballweiser mit der Aura eines Schachgroßmeisters, aber von Smalltalk hielt er nichts“, so Horst Blankenburg nach dem Ende seiner Karriere in einem Interview. Fünf Jahre wird Blankenburg Teil des „total Football“, gewann von 1971 bis 1973 dreimal hintereinander den Europapokal der Landesmeister. Mit Ajax wird Blankenburg 1972 und 1973 außerdem Landesmeister sowie 1971 und 1972 Pokalsieger. Er gehörte 1972 zu der Mannschaft, die nach der nationalen Meisterschaft mit dem UEFA Super Cup und dem Weltpokal das internationale Triple gewann. 1973 wurde ihm sogar die Ehre zuteil, in die Europäische Fußballauswahl berufen zu werden. Eine Berufung in die deutsche Nationalmannschaft wird Blankenburg nicht bekommen. Dabei sollte es bleiben. Bleiben wird auch die Verehrung für den Michels-Nachfolger bei Ajax, den Rumänen Ștefan Kovács. „Unter ihm haben wir noch besser gespielt als unter Michels. Kovács war eine Frohnatur, er kannte die menschliche Unzulänglichkeit und verzieh Fehler“, so Blankenburg später in einem rückblickenden Interview.

imago10520877m_cEin Höhepunkt der besonderen Art, auch in Blankenburgs Fußballleben, war natürlich der 4:0-Sieg von Ajax gegen den FC Bayern München im Viertelfinalhinspiel des Europapokals der Landesmeister, Champions League lässt grüßen. Beckenbauer, Hoeneß, Breitner und Co. gingen im Angriffswirbel der Cruyff-Mannschaft unter und blieben ohne Chance. Im Halbfinale erging es Real – später im Finale dann Juventus – nicht besser. Es konnte nur einen Champion geben. Auf dem Thron saß eine Mannschaft, die den besten Fußball spielte, der bis dahin geboten. Horst Blankenburg war Teil dieser Fußballkunst. Ajax spielte Abseitsfalle und Pressing: „Wir standen fünf Meter hinter der Mittellinie und stellen den Gegner abseits. Die Mannschaft war so stark, das hat so einen Spaß gemacht. Großartig. Cruyff war der Beste, der konnte alles“, so Blankenburg in seiner Erinnerung. Bobby Charlton, Eusébio, George Best, Gerd Müller, Dennis Law, Sandro Mazzola, Gianni Rivera oder Pirri. Horst Blankenburg hat die Großen des Fußballs erlebt, spricht noch heute mit Respekt von ihnen. 1975 wechselte Blankenburg zum Hamburger SV in die Fußball-Bundesliga. Mit dem HSV wird Blankenburg Pokalsieger, doch er vermisst die „Lockerheit der Niederländer und das Genie von Johan Cruyff“. In seiner zweiten Saison absolvierte er nur noch wenige Einsätze. Blankenburg geht danach zu Xamax Neuchâtel in die Schweiz, tingelt in die USA und beendet schließlich 1982 seine Profikarriere bei Preußen Münster. Heute lebt Blankenburg abwechselnd in Hamburg – wo er 1976 auch das Lokal „Hamburger Bierbrunnen“ eröffnete – und in Spanien.

In Watergraafsmeer, einem Stadtteil und Neubaugebiet von Amsterdam, wurden alle Brücken nach den Europapokalsiegern von damals benannt. So gibt es auch die „Horst-Blankenburg-Brücke“. Darauf ist Blankenburg besonders stolz. Als einer der erfolgreichsten und besten deutschen Fußballer seiner Zeit flicht die Fußballwelt Horst Blankenburg keine Kränze. In Deutschland ist er fast vergessen. Dankbarer behandeln ihn die holländischen Nachbarn. Zur Hundertjahrfeier von Ajax im Jahr 2000 gehörte er zu den Ehrengästen, der Verein hat nicht vergessen, was Horst Blankenburg geleistet und getan. Die Fußballbilanz und der Blick auf die Ajax-Zeit fällt bei Horst Blankenburg daher auch euphorisch aus: „In einer solchen Truppe spielen zu dürfen, ist wie Weihnachten, Sylvester und Ostern an einem Tag.“ Liest man Horst Blankenburgs Interviews, hat man Freude an seinen differenzierten und klugen Fußballerinnerungen. Noch heute lebt die pure Lust am Fußball in jeder Zeile. Der frische Ajax-Geist aus holländischen Tagen ist weiter sehr lebendig in diesem deutschen Fußballer.

Redaktion Magath & Fußball

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