Ernst Happel (III) – Brüsseler Spitze


Veröffentlicht am 31. August 2013

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Happels Jahre in Belgien, wieder eine Erfolgsgeschichte

„Gescheitert“. Welch ein Wort im Universum des Ernst Happel. Lakonisch und klar brachte es Happel auf den Punkt, in Sevilla beim FC gab es keine Lorbeeren. Der Meistertrainer und frisch gebackene Macher des Europapokalsiegers Feyenoord Rotterdam geht zum spanischen Zweitligisten, dem FC Sevilla und will diesen in die erste spanische Liga und dann auch zu Titeln und Triumphen führen. Der Beginn ist schon das Ende. Eine zugesagte Mitarbeiterschaft des Dolmetschers von Max Merkel scheitert an dessen eigenen Trainerambitionen. Dieser Dolmetscher hat in der Vorsaison an der Seite von Merkel seinen Anteil an der Meisterschaft von Atlético Madrid, Merkels größtem Trainer-Triumph. Max Merkel hatte einen Mann gefunden, der seine Fußballsprache ohne jeden Schnörkel eins zu eins den Spielern übersetzen und vermitteln konnte. Genau den wollte Happel. Als er ihn nicht bekam, war kein adäquater Ersatz zu finden. Happels dosierte Kommunikation konnte daher nicht richtig an den Mann gebracht werden. Seine Versuche, den holländischen Fußballstil in das Team von Sevilla zu pflanzen, scheitern ebenfalls. Die Station Sevilla entpuppte sich als Fehler. Es passte nicht. Dabei sprang allerdings der Aufstieg und dann folgend fast noch ein UEFA Cup Platz heraus. Bei anderen Trainern knallen da schon Champagnerkorken, in Happels Erfolgsvorstellung perlt da nichts. Aus dieser Zeit blieb ein Kernsatz von Ernst Happel haften, der viel über seine Charakterstärke sagt und auch vom ewigen Kampf Trainer gegen Funktionäre zeugt: „Der Präsident befiehlt mir: Wir müssen auf Mallorca einen Punkt holen! Sage ich: Wissen’s was, sterben muss ich und das kostet mein Leben. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Entlassen Sie mich und retten Sie Ihren Kopf – und die Sache ist für mich erledigt. Was heißt ich muss? Ich will ja selber, bin Profi, also verpflichtet, Leistung zu bringen. Ich will auch siegen – aber müssen? Wenn einer muss, ist es schon schlecht.“

imago04690622m_cEin Happel muss auch nicht warten. Kaum ist der Vertrag in Sevilla aufgelöst, klopft es vernehmlich an der Tür. Der FC Brügge macht Avancen, Ernst Happel erhört diese. Im Januar 1975 beginnt der Wiener die Mission Brügge, seine Ambitionen sind wie immer einfach: An die Spitze. Happel schätzt den belgischen Fußball, den er aus Holland immer beobachtet hat. Beim FC Brügge fällt ihm das Fehlen jedweder Konstanz auf. Erstklassige und desaströse Leistungen wechseln sich innerhalb weniger Tage ab. Happel greift zu drakonischen Maßnahmen, die etablierten Spieler bekommen keine Verträge mehr, er setzt auf neue und junge Kräfte, sein Mix stimmt, unter anderem holt er René Vandereycken nach Brüssel. Die große Zeit des Clubs beginnt. Happel elektrisiert den ganzen Verein, treibt auch den Stadionneubau voran, wird mit seinem Team in jeder Saison Meister, formt den FC Brügge zu einer der besten Vereinsmannschaften auf dem Kontinent. Schon in seiner ersten Saison bringt er sein Team in das UEFA Cup-Endspiel, auf dem Weg dorthin wird auch der Hamburger SV im Halbfinale ausgeschaltet. Beim Auswärtsspiel an der Elbe findet der Österreicher in belgischen Diensten die Hansestadt „interessant“.

Im besagten UEFA Cup-Endspiel 1976 – ausgetragen im Hin- und Rückspielmodus – muss Brügge zuerst in Liverpool bei den Reds antreten, führt früh und bis zur Halbzeit mit 2:0 an der Anfield Road. Liverpool-Legende Bill Shankly verfolgte das Spiel von der Tribüne und attestierte eine der besten Leistungen, die er je in einer Halbzeit gesehen. Er meinte nicht sein ehemaliges Team, er sprach von Happels Jungs. In der zweiten Halbzeit ließ die Konzentration der Belgier etwas nach, fünf unbedachte Minuten brachten die Wende, Liverpool siegte noch mit 3:2, Brügge nahm Respekt aber nichts Zählbares mit in die Heimat. Das Rückspiel vor eigenem Publikum ging dann 1:1 aus, Liverpool gewann den Cup, Brügge die Aufmerksamkeit. Ein herausragendes Merkmal beider Endspiele, noch nie ist in Fußballeuropa ein Team so souverän mit der Abseitsfalle umgegangen, Liverpool daran fast gescheitert. Und über allem das „Pressing“. Eben Happel-Handschrift. Daran sollte sich in seiner belgischen Amtszeit auch nichts mehr ändern, alles wurde nur perfekter.

Vor 92.500 Zuschauern im Londoner Wembley-Stadion hatte der FC Brügge 1978 gegen den großen FC Liverpool das Nachsehen. Der Treffer von Kenny Dalglish (65.) entschied dieses Finale zugunsten der „Reds“. Hier kommt Jan Sørensen gegen den grätschenden Phil Thompson einen Schritt zu spät.

Vor 92.500 Zuschauern im Londoner Wembley-Stadion hatte der FC Brügge 1978 gegen den großen FC Liverpool das Nachsehen. Der Treffer von Kenny Dalglish (65.) entschied dieses Finale zugunsten der „Reds“. Hier kommt Jan Sørensen gegen den grätschenden Phil Thompson einen Schritt zu spät.

Nach dem nationalen Double von 1977 griff der FC Brügge 1978 nun auch nach der absoluten Krone des europäischen Clubfußballs, dem Europapokal der Landesmeister. Dieses Mal ging es ins Londoner Wembley-Stadion, vor 92.500 Zuschauern wartete erneut der FC Liverpool. Deren Trainer Bob Paisley hatte gehörigen Respekt vor seinem Kollegen aus Brügge und schob Sondertrainingseinheiten, um auch die berühmte Abseitsfalle zu knacken. Einmal konnte die Truppe aus Brüssel den großen Kenny Dalglish nicht halten, 1:0 und Finalsieg für Liverpool. Brügge hat Großes vollbracht, ein internationaler Titel sprang allerdings nicht heraus. Happel wurde von den Menschen und Fans in Brüssel verehrt wie an keiner anderen Station seiner langen Laufbahn, sie behandelten ihn wie Gott in Frankreich. Er war berühmt wie der belgische König oder das Atomium. Von diesem Ruhm wollte auch der Brüsseler Bürgermeister zehren und tauchte unangemeldet in der Kabine auf. Ein Profilierungsversuch, den er besser hätte lassen sollen. Happel warf ihn raus, sein Kommentar knapp: „Hier gibt es nur einen Bürgermeister – nämlich mich.“

Nicht nur das Bürgermeisteramt in der Kabine des FC Brügge galt es zu verwalten, die Weltmeisterschaft in Argentinien warf ihre Schatten voraus. Und Holland suchte einen Nationaltrainer, der Oranje nach Südamerika und durchs Turnier führte. Eine schwierige wie komplizierte Aufgabe – wie geschaffen für Ernst Happel.

Redaktion Magath & Fußball

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