Von Schatzsuchern und Abnormitäten


Veröffentlicht am 5. September 2013

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Hat Belgien seine „Goldene Generation“ gefunden?

Hintere Reihe von links: 1 Thibaut Courtois, 9 Romelu Lukaku, 6 Axel Witsel, 8 Marouane Fellaini, 3 Daniel Van Buyten, 22 Nacer Chadli, 4 Vincent Kompany. Vordere Reihe von links: Toby Alderweireld, 15 Sébastien Pocognoli, 7 Kevin De Bruyne, 10 Eden Hazard.

Hintere Reihe von links: 1 Thibaut Courtois, 9 Romelu Lukaku, 6 Axel Witsel, 8 Marouane Fellaini, 3 Daniel Van Buyten, 22 Nacer Chadli, 4 Vincent Kompany. Vordere Reihe von links: Toby Alderweireld, 15 Sébastien Pocognoli, 7 Kevin De Bruyne, 10 Eden Hazard.

Alle Jahre macht der Begriff die Runde. Trotz inflationärer Verwendung steht er für ein Versprechen: Eine „Goldene Generation“ soll Pokale, Titel, Erfolge bringen. Unklar jedoch oft, was sich dahinter verbirgt. Eine Wundertüte, zweifelsohne. Dann und wann entpuppt sie sich als Rohrkrepierer, die Portugiesen, Holländer und ja, irgendwie auch Jogi’s Jungs können ein Lied davon singen. Manchmal aber erhebt sie sich über alle Erwartungen, da weiß Vicente del Bosque zu berichten. Klar ist jedenfalls, es hilft ein Ausflug in die Markenwelt: Nicht überall, wo Gold drauf steht, ist auch Gold drin. Nun sieht es so aus, als dürften sich die Belgier begründete Hoffnungen machen, bei der Schatzsuche ganz weit vorne zu sein.

Noch vor vier Jahren sah das ganz anders aus. Gerade hatten die „Roten Teufel“ ihre abschließende Partie in der WM-Qualifikation verloren. Aber nicht gegen den überlegenen Gruppensieger Spanien, auch nicht gegen Bosnien oder die Türkei, sondern in Tallinn bei den Esten war das von René Vandereycken trainierte Team 0:2 unterlegen. Zuvor hatte man schon in Armenien (1:2) den Kürzeren gezogen, schließlich wurde die Qualifikationsgruppe fünf auf einem enttäuschenden vierten Rang beendet, 20 (!) Zähler hinter den Iberern, immerhin deren zwei vor Estland. Der Königliche Verband stand vor einem Scherbenhaufen, die Teilnahme an einem großen Turnier – letztmals war Belgien bei der WM 2002 in Japan und Südkorea dabei – schien in weiter Ferne, der Aufschwung nach der Europameisterschaft 2000 im eigenen Land längst versandet. Ein fußballbegeistertes Land, so schien es, versinkt in der fußballerischen Bedeutungslosigkeit.

Recht schnell jedoch wurde die Fußballwelt, deren Schwarz-Weiß-Denken immanenten Charakter besitzt, eines Besseren belehrt. Der Wind hat sich inzwischen komplett gedreht. Nachhaltige Investitionen in den Nachwuchs und bei der Talentförderung, die es praktisch seit der Jahrtausendwende gab, fangen an, sich auszuzahlen. Belgien ist wieder wer, hat sich binnen weniger Jahre von Platz 40 der Weltrangliste aktuell bis in die Top10 gearbeitet. Vielleicht ist es ja auch einfach nur eine Glückssache mit diesen „Goldenen Generationen“. Manchmal bleiben sie trotz intensivster Bemühungen aus, nur um dann aus heiterem Himmel vor uns in vollem Glanz zu erstrahlen.

imago13649225m_cMarc Wilmots ist das herzlich egal. „Das Kampfschwein“, so wurde der 44-Jährige einst auf Schalke gerufen, trainiert seit Mai letzten Jahres eine der interessantesten und vielversprechendsten Mannschaften, die dieser Sport dieser Tage zu bieten hat. Gespickt mit Talenten, die größtenteils in Europas Topligen unterwegs sind, soll noch in diesem Herbst der ganz große Wurf gelingen. Dabei kann Belgiens Staatsmann – Wilmots war von 2003 bis 2005 Senatsmitglied – in allen Mannschaftsteilen auf internationale Klasse bauen. Der Defensivverbund schon ist herausragend besetzt: Ob im Tor mit Thibaut Courtois (Atlético Madrid); in der Abwehr mit Jan Vertonghen (Tottenham Hotspur), Daniel van Buyten (FC Bayern München) und Vincent Kompany (Manchester City) oder in der Mittelfeldzentrale mit Axel Witsel (Zenit St. Petersburg).

Dennoch gilt die „Abteilung Attacke“ als Prunkstück des Teams. Im offensiven Mittelfeld tummeln sich neben dem Ex-Bremer Kevin de Bruyne (jetzt Chelsea FC) dessen Teamkollege Eden Hazard sowie Maroune Fellaini, für den Manchester United Anfang der Woche tief in die Tasche griff. Trotz seiner erst 22 Jahre verfügt gerade Hazard über eine enorme Erfahrung aus 38 Länderspielen und konnte seine Qualitäten in der Premier League bereits nachhaltig unter Beweis stellen. Den jüngsten Beleg seiner Fähigkeiten lieferte er am vergangenen Wochenende im UEFA Supercup gegen Bayern München in Prag, wo er die Londoner in der 94. Minute mit einem beherzten Sololauf in Führung brachte. Schließlich liest sich die Angriffsreihe der Belgier wie ein „Who-is-Who“ der europäischen Topstürmer-Gilde. Angeführt von Christian Benteke – im vergangenen Jahr für Aston Villa 19-facher Torschütze und in der laufenden Runde erneut schon dreimal erfolgreich – sind auch Romelu Lukaku (von Chelsea gerade bis Saisonende an den FC Everton ausgeliehen), Dries Mertens (SSC Neapel) oder Kevin Mirallas (FC Everton) wohlklingende Namen, die auf unterschiedliche Art und Weise schon ihre Spuren auf den großen Fußballbühnen hinterlassen haben.

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Belgiens Chancen, nach zwölf langen Jahren des Wartens im kommenden Sommer wieder bei einem großen Endrundenturnier vertreten zu sein, stehen also so gut wie selten zuvor. Fast schon kursiert ein weiterer Begriff, nämlich der des „Geheimtipps“. Drei Begegnungen sind in der Qualifikationsgruppe A für Brasilien 2014 aber zunächst noch zu absolvieren, drei Zähler auch der Vorsprung auf die zweitplatzierten Kroaten – Serbien, Wales, Schottland und Mazedonien längst nicht mehr in Schlagdistanz. Bevor es Mitte Oktober zum vorentscheidenden Duell um den Gruppensieg nach Kroatien geht, steht noch das Auswärtsspiel bei den Schotten an. Es bleibt spannend, wohl bis zum Schluss.

Mit der Spielstärke und dem Potenzial der neuen „Roten Teufel“ machten unlängst jedenfalls auch die Großen Bekanntschaft. Vor Jahresfrist erwischte es die Niederlande (2:4), mit dem gleichen Resultat unterlagen die ambitionierten Amerikaner Ende Mai, was vor allem deshalb so besonders anmutet, weil ebenjene US-Boys vier Tage später die DFB-Elf mit 4:3 schlugen. Vor kurzem erst war der Olympiasieger von 1920 gegen Frankreich, immerhin zweifacher Europameister und Weltmeister der „Neuzeit“, eindeutig tonangebend. Apropos: Frankreichs großer Staatsmann Charles de Gaulle bezeichnete das Land Belgien einst als „Abnormität der Historie“. Hätte er dessen jüngsten Auftritt gegen seine Landsleute noch erleben dürfen, aus der Fußball-Perspektive sähe er sich wohl zur Abbitte gezwungen.

Redaktion Magath & Fußball

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