Aus voller Kehle


Veröffentlicht am 12. September 2013

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Fußballgesänge sind längst kulturelles Gut unserer Tage

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Geld, Liebe, Fußball und Musik haben etwas gemeinsam: Sie bewegen die Menschen. Der Fußball nimmt da keine Auszeit vom Leben und hält kräftig mit. Die Töne aus voller Kehle sind allerdings – was Intensität und Lautstärke anbelangt – von Land zu Land unterschiedlich geprägt. Wer das Absingen der brasiliansichen Nationalhymne beim Confed Cup noch im Gehörgang hat, der wird auch an die Kraft des emotionalen Liedes glauben und sich schon auf die WM 2014 freuen.

In englischen, irischen oder schottischen Stadien werden Hymnen und Hits intoniert als gelte es, die Eroberung der Welt anzugehen. Im Mutterland des Fußballs gehört der schlagkräftige Gesang zum Fußball wie der Ball. Wer kennt nicht das berühmte „You’ll Never Walk Alone“ der Fans des FC Liverpool? In Deutschlands Stadien hinkt die Liebe zum Lied und die Natürlichkeit des Gesangs noch etwas hinterher, elektronische Berieselung liegt vorn, aber es gibt Zeichen der Besserung. Borussia Dortmund ist ein lautstarker Vorreiter. Wenn nach Siegen der Queen-Klassiker „We Are the Champions“ gesungen wird, ist dies eher hausbacken und die Gänsehaut wirkt bestellt. Zu abgedroschen die Nummer. Die Stehplatzfans haben allerdings schon längst selbst zur stimmlichen Tat gegriffen und eigene Gesangskultur als Teil der großen Inszenierung Borussia für sich entdeckt. Das gebotene Repertoire sorgt national wie international für Aufsehen und erreicht Premier-League-Niveau. Fußball pur, Gänsehaut inklusive. Gänsehaut bekommt man auch eine Liga tiefer beim FC St. Pauli. Die Gesangskunst war dort schon immer erstklassig und für die große Bundesligabühne gemacht.

Gesänge der speziellen Fußballart zeigen die Spannbreite von Zuneigung und Liebe zum Verein wie wohl kein anderes Ausdrucksmittel der Fußballgegenwart. Und was Gesang vermag, „singe wem Gesang gegeben, wer nicht kann soll einen heben“ dichtete einst Heinz Erhardt, zeigten die irischen Fans bei der EM 2012 auf beeindruckende Weise. Spielerisch und vom Ergebnis lag die irische Nationalmannschaft hoffnungslos mit 0:4 zurück, da begann das eigentliche Spektakel, der spanischen Fußballkunst nahezu ebenbürtig. Irland flog aus dem Turnier aber 20.000 irische Kehlen setzten einen der Turnierhöhepunkte. Man sang die düstere aber doch sehr zu Herzen gehende Ballade „The Fields of Athenry“. Profan kommt der irische Fan nie daher, er bietet hohe Kunst und immer auch ein Stück Geschichte. Da können Fans von Hamburg bis München noch einiges lernen, mit und ohne Gesangsunterricht. Dem irischen Team wurde Trost zuteil, neutrale Fans genossen den wohligen Schauer der Emotionen. Irischen Turniergesang wird es in Brasilien 2014 nicht geben, Irland scheiterte an der Qualifikation. Giovanni Trapattoni kostete es sein Amt, Italiener wissen sich in solchen Momenten mit Verdi zu trösten.

Wo gesungen wird mögen die Kehlen auch künftig nie ruhen, wo immer mehr berieselt wird, kann sich hoffentlich die menschliche Stimme der elektronischen Beschallung widersetzen und dieser den Rang ablaufen. Wie Johann Gottfried Seume einst dichtete: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder: Böse Menschen haben keine Lieder.“

Redaktion Magath & Fußball

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