Helden und Tomaten


Veröffentlicht am 17. September 2013

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Italien unterliegt bei der WM 1966 Nordkorea

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Wer möchte Fußball ohne Pathos? Englische Zeitungen machen da keine Ausnahme und sind in ihrer Arbeit meistens brillant, manchmal hämisch. „Der Untergang des römischen Reiches ist nichts dagegen“ titelten die Blätter am 20. Juli 1966 über ein Spiel, das einen Tag zuvor im Ayresome-Park zu Middlesbrough vor knapp 20.000 Zuschauern über die Bühne ging. Es war angesagt die Weltmeisterschaft im Mutterland des Fußballs. Wir richten unser Augenmerk nicht auf eine Torlinie in Wembley – der 30. Juli 1966 scheint noch fern – sondern auf die Gruppe D. 

Die Nordkoreaner hatten in ihren Vorrundenspielen recht ordentlich mitgespielt, gegen Russland 0:3 ohne Chance verloren, gegen Chile auf Augenhöhe ein sehr passables 1:1 erreicht. Nun wohl letzter Tag der WM 1966 für die nordkoreanische Delegation, es sei denn man schlägt Italien… Auf nach Middlesbrough und weiter den Staatsauftrag des Potentaten Kim Il Sung im Gepäck: „Gewinnt ein oder zwei Spiele.“ Darüber konnten die Italiener nur müde lächeln und machten auch so ihre Witzchen über diese Exoten. Italien hatte mal wieder den typischen Vorrundenminimalismus an den Tag gelegt. Ein müder 2:0-Sieg über Chile und eine Niederlage gegen die Russen – die da noch als Sowjetunion antraten – in einem sehr guten Spiel, bei dem der legendäre Lew Jaschin hundertprozentige Torchancen der Azzurri reihenweise zunichtemachte. Nun würde man also Nordkorea schlagen, um ins Viertelfinale zu kommen, von dort dann Anlauf auf den Titel nehmen. Die Engländer sollten sich noch wundern! Das taten die Engländer dann auch, allerdings anders als mit südländisch-sonnigem Gemüt gedacht.

Der zweimalige Weltmeister Italien schickte Weltklassespieler wie Albertosi, Rivera, Facchetti, und Mazzola aufs Feld, die Nordkoreaner hielten mit Namen dagegen, die niemand kannte oder gar aussprechen konnte. Es ging nur um die Höhe des italienischen Sieges und dann ab in die nächste Runde. Holzweg! Die Koreaner dachten nicht an Aufgabe. Die Italiener trauten ihren Augen nicht, die Koreaner besaßen doch die Frechheit, dagegen zu halten. Die erste Halbzeit war fast Geschichte, Italien verzweifelte an Torhüter Li Chan Myong, der sich als ein zweiter Lew Jaschin erwies und wohl das größte Spiel seines Lebens auf den Rasen und in die Luft brachte. Immer wieder hielt er jeden Schuss fangsicher oder ließ mit seiner starken Faustabwehr keine Gefahr zu. Die daraus resultierenden Befreiungsschläge zwangen die Italiener, mit großem Laufaufwand diese Bälle erneut in die Hälfte der Nordkoreaner zu tragen. So monoton ging es daher. Bis auf eine Ausnahme. Nordkoreas Mittelfeldspieler Pak Doo-Ik nahm vier Minuten vor dem Pausentee den Befreiungsschlag eines Mitspielers auf, marschierte aufs Tor, ließ mit einer kurzen Drehung den überraschten Abwehritaliener aussteigen und knallte den Ball von der Strafraumgrenze ins Tor, 1:0 Nordkorea. Was nun passierte war Staunen, Entsetzen und blindes Anrennen der Italiener, mit fortschreitender Spielzeit in Halbzeit zwei kamen Verzweiflung, Unglaube und pure Angst dazu. Die Zuschauer im Stadion waren komplett zu den Nordkoreanern übergelaufen, Italien fühlte sich wie auf einem anderen Stern und es war kein schöner Planet für die Männer vom Stiefel. Mit dem Schlusspfiff begannen die Nordkoreaner zu heulen wie die Schlosshunde, ihr 1:0-Sieg war nicht nur die größte bis dato verzeichnete Sensation des Weltfußballs, es war auch ihr Einzug ins Viertelfinale. Die Tränen der Italiener wichen bald dem puren Grauen vor den eigenen Fans und der Reaktion in der Heimat.

Nordkoreas leidenschaftliche Abwehrarbeit – wie hier durch Yung Kyoo Shin gegen Italiens Gianni Rivera – brachte die Squadra Azzurra zur Verzweiflung und der Fußballwelt eine ihrer größten Sensationen aller Zeiten.

Nordkoreas leidenschaftliche Abwehrarbeit – wie hier durch Yung Kyoo Shin gegen Italiens Gianni Rivera – brachte die Squadra Azzurra zur Verzweiflung und der Fußballwelt eine ihrer größten Sensationen aller Zeiten.

Sensation, Spiel, Tränen und selbiges Grauen hatten noch einige Nachspiele zu bieten. Italiens Trainer Fabbri warf es sofort aus dem Amt. Bei Ankunft auf heimischem Boden hagelte es in Italien am Flughafen und auf allen Heimatstationen der Spieler Tomaten. Allerdings nicht in eine leckere Bolognese, sondern an die tief gesenkten Köpfe. Inter-Ikone Sandro Mazzola sprach noch Jahrzehnte später von der bittersten Niederlage seiner Karriere, in deren Albträumen er noch oft schweißgebadet erwachte. Für die Nordkoreaner ging die WM-Reise weiter, man spielte im Viertelfinale unter dem tosende Beifall des englischen Publikums gegen Eusébios Portugal, führte schon mit 3:0, musste sich den spät erwachten Portugiesen dann aber mit 3:5 geschlagen geben. Wie die Nordkoreaner anschließend in der Heimat empfangen wurden, weiß man nicht so genau, schon damals eine undurchdringlich abgeschottete Diktatur, drang Freude so wenig in die Außenwelt wie Leid. Die Spur der Helden von Middlesbrough verliert sich in der Zeit und wurde langsam verweht. Bis zum Jahr 2005, als der britische Dokumentarfilmer David Gordon diesem Spiel mit seinem Film „The Game of Their Lives“ ein Denkmal setzte und das Ereignis dem Vergessen entriss. Er konnte nach aufwendiger wie mühsamer Recherche noch sieben Spieler aus der nordkoreanischen Elf auffinden, mit denen er auch die Stätte ihres Triumphes besuchte und einfühlsame Interviews führte, zu denen eine oberflächliche wie lautsprecherische Sportwelt nie fähig. Die Dokumentation hinterließ großen Eindruck und gehört seither zu den Juwelen des Sportfilms.

Die Tifosi ließen der Bitterkeit bald südländischen Pragmatismus folgen. Wer Hannibal vor den Toren überlebt, den kann auch kein nordkoreanisches Fußballtor besiegen. Jahrerlang wurde ein Zahnarztbesuch mit der Drohung „es ginge jetzt zu Pak Doo-Ik“ angekündigt, der Torschütze hieß in Italien – ob der Schmerzen die er bereitet – nur „der Zahnarzt“. Eines hat sich sogar bis in unsere heutige Zeit gehalten. Wenn sich einer in Italien besonders dumm anstellt oder etwas Beschämendes abliefert, gilt für das Wort Blamage immer noch das mittlerweile geflügelte Wort „una corea“. Ein 1:0 ist manchmal eben doch nicht nur ein 1:0.

Redaktion Magath & Fußball

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