Jimmy Murphy – Sachverstand mit Herz


Veröffentlicht am 20. September 2013

1 Flares 1 Flares ×

Triumphe und Tragödien eines Fußballlebens

Sir Matt Busby (links) zusammen mit Jimmy Murphy (damals noch Co-Trainer) während einer FA-Cup-Begegung in der Saison 1957/1958.

Sir Matt Busby (links) zusammen mit Jimmy Murphy (damals noch Co-Trainer) während einer FA-Cup-Begegung in der Saison 1957/1958.

Es gab auch große Fußball-Waliser vor Gareth Bale. John Toshack, Ryan Giggs und Jimmy Murphy, dieser heute fast schon vergessen. James Patrick „Jimmy“ Murphy, geboren am 8. August 1910, war ein guter Fußballspieler, der schon mit 17 Jahren für West Bromwich Albion aktiv war und über 200 Spiele machte, dazu noch 15 Länderspiele für Wales. Murphy hatte ein Auge für Mitspieler, interessierte sich für jeden Mannschaftsteil und besaß enormes Spielverständnis sowie nimmermüde Leidenschaft auf dem Platz. Seine große Zeit sollte aber nach der Spielerkarriere kommen.

Während des Zweiten Weltkrieges sprach Murphy vor englischen Frontsoldaten über Fußball, anwesend Matt Busby, der sich anschickte, in Manchester bei United das Zepter zu übernehmen, um einen großen Club aufzubauen. Ohne Geld, nur mit dem Willen, es ganz nach oben zu schaffen, macht Busby sich auf den Weg. Er sucht Fußballer aus Leidenschaft, große Enthusiasten und Talente, die zu seiner Philosophie passen. Den ersten, den er findet, der ist ein Typ nach seinem Geschmack und hat nur einen Fehler, seine aktive Zeit ist vorbei. Nach seiner Ernennung zum Geschäftsführer und Manager bei Manchester United im Jahr 1946 macht Busby diesen Jimmy Murphy zum Cheftrainer, später zum Assistant-Manager. Murphy war eine Persönlichkeit auf Augenhöhe mit Matt Busby, ohne dessen Führungsrolle je anzuzweifeln. Busby benutzte später für den Ausdruck Loyalität nur den Namen „Jimmy“. Dieser „Jimmy“ leistete Busby und Manchester United unschätzbare Dienste als Co-Trainer, Cheftrainer, Reserve-Team-Manager, Nachwuchs-Chef und alleiniger Scout und Chefsekretär. Vor Arbeit scheute sich ein Jimmy Murphy nie, nur vor dem Rampenlicht. Murphy gewann bis 1955 drei Jugendpokale mit Manchester United, die Spieler dieser Nachwuchsrunden wurden wenig später die legendären „Busby Babes“. Er war entscheidend verantwortlich für die Entwicklung dieser jungen Spieler, die unter seiner Anleitung den Aufstieg in die Weltklasse begannen, darunter Duncan Edwards und Bobby Charlton. Ein ausgewiesener Fachmann, ein engagierter wie leidenschaftlicher Lehrer, so schildern Zeitgenossen Jimmy Murphy. Seine taktischen und technischen Lektionen halfen den Spielern, ihr Potenzial auszuschöpfen. Wenn ein junger Fußballer ihn überzeugte, verbrachte er Stunden mit diesem, auch außerhalb offizieller Trainingszeiten, um den Spieler schnell an die erste Mannschaft zu führen. Busby wurde exzellent versorgt von dieser Talentschmiede.

1956 übernimmt Murphy nebenbei die Nationalmannschaft seiner Heimat, ihm Herzenssache, und führt die Waliser 1958 zu deren einziger WM-Teilnahme. Dort ist erst im Viertelfinale Schluss, man unterliegt dem späteren Weltmeister Brasilien mit 0:1, ein 17-Jähriger namens Pelé schoss das goldene Tor. Ehrenvoller geht es nicht. Murphy ist ein Held, was ihm längst wieder zu laut und zu hochgegriffen, aber er ist glücklich, es könnte das schönste Jahr seiner Karriere sein, ist es aber nicht. Da war dieser Tag im Februar. Die englische FA hatte damals nichts übrig für Europapokalspiele, noch war die Gelddruckmaschine des Fußballs nicht angeworfen. Busby wollte sich immer international messen, kämpfte für Spiele und Teilnahme. Die Verbandsdrohung von Punktabzug, falls man zum nächsten Ligaspiel von dieser Europacup-Tour nicht pünktlich zurück sei, und die Verweigerung, das Ligaspiel auch nur um einen Tag zu verlegen, veranlassten Busby die Reiseplanung weg von Schiene und Fähre zu verlegen, ein verhängnisvoller Flug wurde gebucht. Am 6. Februar 1958 verunglückten acht Spieler von Manchester United bei einem Flugzeugabsturz in München tödlich. Die „Busby Babes“ kamen von ihrem Europacup-Spiel in Belgrad. Der Charterflug war auf dem Weg nach Manchester in München zwischengelandet und beim Start zum Weiterflug schwer verunglückt. Manchester United hatte sich zuvor durch ein 3:3 bei Roter Stern Belgrad für das Halbfinale des Europapokals qualifiziert.

Am 25. Februar 1960 enthüllte Sir Matt Busby im Old Trafford die „Munich Memorial Plaque“, die im „Theatre of Dreams“ bis heute den Opfern der Tragödie Ehre erweist.

Am 25. Februar 1960 enthüllte Sir Matt Busby im Old Trafford die „Munich Memorial Plaque“, die im „Theatre of Dreams“ bis heute den Opfern der Tragödie Ehre erweist.

Murphy war nicht mitgereist, saß beim Spiel Wales gegen Israel in Cardiff als Nationaltrainer auf der Bank. Eben dieser Sieg über Israel qualifizierte Wales für die FIFA Weltmeisterschaft 1958 in Schweden. Fröhlich und mit bester Laune betrat Jimmy Murphy am nächsten Tag das Old Trafford. In Zeiten ohne Internet und Nachrichten-App gab es noch unbeschwerte Ahnungslosigkeit. Eine Sekretärin, die nur ein „alle sind tot“ herausbrachte, offenbarte ihm langsam das gesamte Grauen: 23 Todesopfer, darunter Offizielle, Betreuer, Journalisten und acht Fußballspieler. Von diesem Schreckensmoment an erwuchs Jimmy Murphy zu übermenschlicher Größe. Sofort reiste er nach München, kümmerte sich um die Überlebenden. Er saß am Krankenbett des sterbenden Duncan Edwards, sprach mit seinem Chef Busby über letzte Dinge und riss Bobby Charlton aus seiner Selbstquälerei. Charlton sprach nur selten über den Absturz: „Wie konnte ich mich okay fühlen, völlig ganz, und meine Freunde waren tot? Darüber denke ich an jedem Tag meines Lebens nach.“

Wenige können ermessen, was damals für immer zerstört. Matt Busby hatte wegen fehlender Finanzmittel aus jungen Leuten die talentierteste und daraus die beste Mannschaft Englands geformt, die Hoffnung eines ganzen Landes. Nun war alles ausgelöscht. Dieses Unglück war aber auch die Geburtsstunde für die Legende und den Mythos Manchester United. Ohne Jimmy Murphy hätte es diese Legende vielleicht nie gegeben. Als er nach Manchester zurückkehrte, empfingen ihn Clubfunktionäre mit der Botschaft, den Verein vom Spielbetrieb abzumelden. Murphy begehrte auf, kämpfte den Kampf seines Lebens. Der Kraft seiner Worte hatten die Funktionäre nichts entgegenzusetzen, sein „wir werden spielen“ entschied diesen Kampf. Nach der Katastrophe übernahm er das Manager-Amt, schuf in wenigen Tagen ein Ersatzteam. Die Anteilnahme nach dem Unglück war überwältigend. Vor 60.000 Zuschauern spielte United mit einer aus ganz England und dem eigenen Nachwuchs zusammengewürfelten Mannschaft im FA-Cup gegen Sheffield Wednesday und siegte 3:0. Murphy führte das Team bis ins FA-Cup-Finale.

Als die Totenwachen gehalten, die Jungs in heimatlicher Erde begraben und Busby genesen, da schuf man bei United ein neues Team, brach erneut auf, um die Sterne zu erreichen. Am 29. Mai 1968 war es soweit, in Wembley wurde Benfica Lissabon im Endspiel des Europapokals der Landesmeister mit 4:1 besiegt. United, Busby und Murphy waren am Ziel. Den Titel widmeten sie den Opfern von München. Ein großer und ein tragischer Weg hatte sich vollendet. Jimmy Murphy bekam noch Angebote von Juventus und Arsenal, lehnte dankend ab. Niemand konnte seine Gemeinschaft mit Busby und Manchester United je in Worte kleiden. Als er am 14. November 1989 starb, war er Manchester United immer noch verbunden und soll ein glücklicher Mensch gewesen sein.

Redaktion Magath & Fußball

Tweet about this on TwitterShare on Google+Share on FacebookShare on LinkedInEmail this to someone

Schreibe einen Kommentar