Der schwarze Panther


Veröffentlicht am 27. September 2013

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Torwart Lew Jaschin (Dynamo Moskau) neben Bobby Charlton (Manchester United)

Torwart Lew Jaschin (Dynamo Moskau) neben Bobby Charlton (Manchester United)

Torwartlegende um Lew Jaschin lebt weiter

Anglerlatein? Angeblich hat er in seiner aktiven Karriere 150 Elfmeter gehalten, nichts Genaues weiß man nicht, die Zahl steht in der Welt. Zuzutrauen war es ihm allemal. Wenn einer, dann er! Als dem großen Unumstrittenen des Weltfußballs kommen ihm wohl nur Pele, Stanley Matthews und Alfredo di Stefano gleich. Gegenspieler und Konkurrenten aller Nationen banden ihm den Lorbeerkranz schon zu Lebzeiten.

Als der lebenslang starke Raucher Lew Jaschin 1990 in seiner Heimatstadt Moskau starb, nachdem ihm sechs Jahre zuvor beide Beine amputiert worden waren, konnte der Tod seiner Legende längst nichts mehr anhaben. Werden Experten aus früheren oder heutigen Tagen konsultiert, wer denn nun der beste Torwart aller Zeiten, dann liegt dieser Russe vor allen anderen. Ob Gordon Banks, Sepp Meier und Dino Zoff aus früherer oder Iker Casillas, Peter Schmeichel, Oliver Kahn und Luigi Buffon aus näherer Generation, keiner kommt dem schwarzen Panther gleich. Ob in der damals noch sowjetischen Nationalmannschaft oder bei seinem Heimatklub Dynamo Moskau, ganz in Schwarz gekleidet stand er zwischen den Pfosten, unerschütterlich und spielbeherrschend, mit katzenartigen Reflexen und einem Abschlag wie einem Kanonenschuss, war er der Ruhe- und Leistungspol seiner Teams.

Lew Jaschin - Der schwarze Panther

Lew Jaschin – Der schwarze Panther

Am 22. Oktober 1929 in der Nähe von Moskau zur Welt gekommen, zeigte sich der junge Jaschin nicht nur als kluger wie gewitzter Schüler, er hatte auch frühzeitig sportliche Ambitionen, benötigtes Talent war ihm in die Wiege gelegt. Auf Talent berief er sich allerdings nie, er verbuchte jeden Erfolg als Resultat harter wie ehrlicher Arbeit. Jaschin hütete in seinen Sportanfängen gern das Eishockey-Tor und brachte es dort zu staunenswerten Leistungen. Ins Fußballtor trug es ihn erst später. Seine große Liebe galt früh dem Schach, er hätte gern dem genialen Schachweltmeister Michail Botwinnik nachgeeifert, daran war aber nicht zu denken.

Seine ersten Fußballschritte begann Jaschin, noch weit entfernt vom eigenen Tor, als Stürmer. Bei Dynamo Moskau dann endlich der Weg ins Fußballtor, nicht enthusiastisch sondern auf der harten Ersatzbank begann diese Karriere. Fast drei Jahre verbrachte er dort als Nr. 2. Um sich über das Training hinaus fit zu halten hütete er in den fußballlosen Phasen weiter das Eishockey-Tor. Als er endlich zwischen den Pfosten ankam, wurde Dynamo Pokalsieger und 1954 Sowjetischer Fußball-Meister. 1954 dann die erste Berufung ins Tor der Fußballnationalmannschaft. Im Olympiajahr 1956 holte er mit seinem Land die Goldmedaille bei den Spielen in Melbourne. 1958 folgte die erste WM-Teilnahme. Am 15. Juni 1958 wurde im Spiel Brasilien – Sowjetunion ein gewisser Pelé auf diesen Jaschin aufmerksam, der reihenweise dessen beste Torchancen zunichtemachte. Vavá sprang ein und rette mit zwei Toren der Seleção das 2:0. Jaschin erklärte nach dem Spiel, „von diesem 17jährigen Pelé werden wir wohl noch hören“. Die Russen schieden eine Runde später im Viertelfinale gegen Gastgeber Schweden aus, Jaschin wurde aber zum besten Torhüter des Turniers gewählt.

Auf europäischer Ebene standen die Sterne besser. Im Endspiel der ersten Europameisterschaft 1960, zu damaligen Tagen noch „Europapokal der Länder“ genannt, besiegte die Sowjetunion die Mannschaft Jugoslawiens in Paris mit 2:1. Für viele Zeitzeugen machte Jaschin dort das Spiel seines Lebens. Im Spielbericht der „L’Equipe“ war nächsten Tages zu lesen: „Dieser Jaschin hätte vermutlich jeden Angriff und Stürmer dieser Welt zur Verzweiflung gebracht. Ein Hexer auf der Linie, ein König des Strafraumes.“ Die Jugoslawen schossen aus allen Lagen, vergebens. Immer wieder Jaschin. Zuschauer und Mitspieler rieben sich die Augen, „unfassbar“ raunte das Rund.

Uwe Seeler per Kopf gegen Lew Jaschin

Uwe Seeler per Kopf gegen Lew Jaschin

Ob er Bälle aus Nahdistanz von der Linie kratzte, alles aus dem Dreiangel fischte oder frei durchgelaufenen Gegnern den Schneid abkaufte, er war einfach nicht zu bezwingen. Beim Tor der Jugoslawen mußte Jaschins Mannschaftskamerad und Kapitän Igor Netto „helfen“, dessen grober Fehler ermöglichte den einzigen Gegentreffer.

Aus Unzufriedenheit mit manch Vorderleuten entwickelte Jaschin sich vor und während der WM 1962 in Chile zu einem „mitspielenden Torwart“, damit Vorläufer und Erfinder des modernen Torwartspiels unserer Tage. Beim heißblütigen südamerikanischen Publikum wurde dieser kühle Typ zum Liebling und bei jeder Ballberührung enthusiastisch gefeiert. Am Ende des Turniers wieder die Wahl zum besten Torwart. Die 60er Jahre waren der Karrierehöhepunkt des schwarzen Panthers. 1963 wurde Jaschin zu Europas Fußballer des Jahres gewählt, damit der einzige Torhüter dem diese Auszeichnung zuteil.

Jaschin spielte „vorausschauend“ und wurde „Organisator“ seiner Abwehr bevor diese Begriffe überhaupt mit einem Torwart in Zusammenhang gebracht wurden. Gegnerische Trainer, wie z. B. Sir Alf Ramsey, sahen in ihm einen zusätzlichen verteidigenden Feldspieler und zweiten Libero. Er nahm wie eine Art Trainer am Spiel teil, konnte ganze Spielzüge bis zum Abschluss vorhersehen und stand dann goldrichtig. Bei seiner dritten WM trauten viele Fans den Russen nur wegen dieses Torwarts sogar die Endspielteilnahme zu. Dieser Traum endete für Jaschin und seine Mitspieler tatsächlich erst im Halbfinale. Die 1:2 Niederlage gegen Deutschland konnten auch Jaschins Paraden nicht verhindern. Er nahm noch an der WM 1970 teil, seiner vierten, wurde aber nicht mehr eingesetzt. Als eine Art guter Geist war er für Spieler, Trainer und Funktionäre da, ein Botschafter des Fußballs. Vor 100.000 Zuschauern feierte er schließlich 1971 den endgültigen Abschied vom Tor und dem aktiven Fußball. Er wurde später sogar noch Vorsitzender seines Clubs Dynamo Moskau und Vizepräsident des Fußballverbands.

Lew Yaschin und die Spieler des FC Dynamo Moskau 1971 nach seinem Abschiedsspiel

Lew Yaschin und die Spieler des FC Dynamo Moskau 1971 nach seinem Abschiedsspiel

Im Jahr 2000 wurde von der „International Federation of Football History & Statistics“ eine Wahl zum Welttorhüter des Jahrhunderts durchgeführt. Platz 2 ging an die englische Torwartlegende Gordon Banks, Platz 3 belegte Dino „Nationale“ Zoff. Beide meinten einmütig wie uneitel: „Natürlich könne es für Platz 1 nur den Einen geben, Lew.“ Dabei zollten sie ihren Respekt in einer Art sportlicher Liebeserklärung. Der Ausgezeichnete weilte da schon nicht mehr unter den Lebenden, aber seine Witwe nahm die Auszeichnung mit Rührung und Stolz entgegen. An Lew erinnert im Moskauer Lushniki-Sportpark mittlerweile ein Denkmal. Der Mythos lebt. Lew Jaschin ging sehr gern Angeln, ein guter Fang galt ihm stets als positives Omen für das kommende Spiel, die Ruhe am Fluss oder auf dem See war ihm Ausgleich zur Aufgeregtheit des Sports. Zwischen den Pfosten hat es wohl nie einen größeren Fisch als ihn gegeben. An den Haken bekam ihn keiner.

Redaktion Magath & Fußball

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