Mailänder Zwillinge


Veröffentlicht am 30. September 2013

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Das Giuseppe-Meazza-Stadion brodelt bei der Partie Inter - Milan

Das Giuseppe-Meazza-Stadion brodelt bei der Partie Inter – Milan

Inter und AC in einem Stadion vereint

„Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!“ („Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“). Gastmannschaften sollen sich an diesem Ort sehr wohl an Dantes Höllentor erinnern, die Aussicht auf Siege und die Hoffnung auf Punkte schon bei Ankunft begraben. Der Ort: eine Fußballfestung. Wenn da nur nicht der Mitbewohner wäre. Brüder im stolzen Geist, doch erzwungene Zwillinge am gemeinsamen Ort. Was die Fußballheimat anbelangt hadern Fans von Milan und Inter mit dem ungeliebten Nachbarn in der eigenen guten Stube, dass Leid ist wechselseitig. 

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das 1925 erbaute und 1935 erweiterte „San Siro Stadion“, einst Stadion nur des AC Milan, für beide Mailänder Mannschaften zur Heimspielstätte. Die ungeliebte Ehe begann. 1955 wurde das Stadion bautechnisch erweitert, ein zweiter Ring über die Tribüne gebaut, eine Zuschauerzahl von 85.000 war die Folge. 1957 kam die Flutlichtanlage hinzu, ab sofort gab es Fußballspektakel auch des Nachts. Anlässlich der Weltmeisterschaft 1990 wurde das Fußballstadion komplett saniert und umgebaut, ein dritter Ring kam hinzu. Heute umfasst „San Siro / Giuseppe Meazza“ stolze 82.000 Zuschauerplätze.

Mailänder Zoff geht schon beim Namen los. „San Siro“ ging für beide Parteien in Ordnung, kein Italiener zweifelt einen Heiligen und Schutzpatron an, die Wahl galt als gut und gesegnet. Dann kam das Jahr 1980 und seither läuft den Milan-Fans die Galle ins Herz. Wurde das „San Siro Stadion“ doch in „Giuseppe Meazza –Stadion“ umbenannt! Ehre für einen großen italienischen Fußballer und Sporthelden, Giuseppe Meazza (1910-1979), der bei beiden Clubs spielte. Er wurde zweimal Weltmeister, absolvierte jedoch 365 Spiel für Inter, in denen er 249 Tore schoss, bei AC stehen dagegen nur 37 Spiele mit 9 Toren zu Buche. Grandios dieser Mann, doch so sieht für einen Milan-Fan keine Gerechtigkeit aus. Stur behaupten die AC Anhänger seither sie gingen ins „San Siro“, der Begriff „Meazza“ geht ihnen selten über die Lippen.

Außenansicht des Stadio Giuseppe Meazza, Heimspielstätte von Inter und dem AC Mailand

Außenansicht des Stadio Giuseppe Meazza, Heimspielstätte von Inter und dem AC Mailand

Riesige spiralförmige Türme, wie eine Fußballmannschaft 11 an der Zahl, wirken von außen nicht gerade einladend, haben aber wichtige Funktionen, sie tragen die oberen Ränge und das Dach, dienen als Zugang und im Innern befinden sich dutzende Serviceeinrichtungen für Fans und Besucher. Beton soweit das Auge reicht. Diese kühle Ausstrahlung und etwas erdrückende Architektur erinnert an einen überdimensionierten Bunker oder ein riesiges Parkhaus, lässt den vorübergehenden Außenbetrachter nichts von der inneren Fußballhölle erahnen, die sich hier Woche für Woche im Kern des Klotzes abspielt. Hat man das Stadion erst betreten wird man sofort in den Fußballhimmel gezogen, Atmosphäre und Fußball verschmelzen zur Leidenschaft, erobern jedes Fußballherz im Sturm. Ein Ort für die Glückseligkeit. Für die Mailänder ist dieses Stadion der Mittelpunkt des Fußballuniversums. Ob Inter oder AC, jeder hält seinen Club für den größten der Welt. Metropolen in der ganzen Welt hätten gern solch große Vereine, auf diesem Top-Niveau, mit solch einer Aura, in ihren Mauern. Der Fußball elektrisiert schließlich nicht nur Massen, er bringt Geld in die Stadtkassen. Das große London besitzt mehr Erstligaclubs aber an Titeln kommen diese auch gemeinsam den Mailändern nicht nach. Mailand, die Titelhauptstadt der Fußballwelt.

Die Crème de la Crème des Weltfußballs gab sich bei beiden Vereinen stets die Klinke in die Hand, berühmte Spieler und Trainer. Sie alle aufzuzählen, hieße einen neuen Beitrag aufmachen. Stellvertretend soll hier nur einer zu Wort kommen, der Gentleman und Virtuose unter den italienischen Fußballern, Gianni Rivera. „San Siro sei für ihn immer Heimat gewesen, mehr als ein Stadion“, so Rivera in einem Interview nach seiner Karriere: „Wir Spieler konnten förmlich die Hitze spüren, die die Zuschauer ausstrahlten, die ganz nah am Spielfeld saßen und deren Temperament und Hoffnungen uns immer wieder nach vorne peitschten.“

Gianni Rivera (li., Milan) gegen Giacinto Facchetti (Inter); Serie A 1971/1972

Gianni Rivera (li., Milan) gegen Giacinto Facchetti (Inter); Serie A 1971/1972

Von den Kabinen führt der Weg die Spieler zu einem eher schmalen Tunnel. Dieser endet direkt im Hexenkessel, der sich vor ihnen entfaltet und bis in den Himmel ragt. In diesem pochenden Fußballherz hat auch vieles an Fankultur wie Unkultur des modernen Fußballs seinen Ursprung. Hier liegt die Wurzel der italienischen „Ultras”, erstmals wurden ab Mitte der 60iger Jahre an diesem Ort Choreografien geboten, Schlachtgesänge eingeführt und später auch Pyrotechnik in die Fußballwelt gesetzt. Heiße und aufgeladene Atmosphäre ist in „San Siro / Giuseppe Meazza“ seither Alltag an Spieltagen. Mittlerweile gibt es im „Meazza” 103 Überwachungskameras um die Auswüchse einer ausufernden Ultrakultur in den Griff zu bekommen und den Stadionbesuch sicher zu machen.

Immer wieder denken Clubverantwortliche auf beiden Seiten über den Bau jeweils eigener Stadien nach, des Öfteren beteiligen sich auch die Stadtverantwortlichen in Mailand an solchen Gedankenspielen. Konkretes kam dabei bisher selten zu Tage, oft sind angedachte Pläne so lodernd verglüht wie Pyrotechnik auf dem Rang. Es gibt aber auch Stimmen die diese Rivalität an einem gemeinsamen Ort bis zum Ende ihrer seligen Tage gern behalten würden, bei allem Zwist. Wie Philemon und Baucis sind beide Vereine und ihre Vertreter stets gute Gastgeber, lassen bei solchen Gelegenheiten natürlich kein gutes Haar am Nachbarn. Es ist schon etwas ganz Besonderes, wenn sich Milan und Inter an diesem Ort gegenüber stehen. Im Selbstverständnis der Mailänder ist dann in der Herzkammer des Weltfußballs der Teufel los. So mögen sie es und so wollen sie es. Warum etwas ändern? Soll es so bleiben! Die „Milanisti“ vom AC gehen also eisern weiter ins „San Siro“, die „Interisti“ von Inter führt der Weg wie immer in ihr „Meazza“. Den Fußballheiligen von Mailand sei Dank.

Redaktion Magath & Fußball

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