Das komplette Paket


Veröffentlicht am 3. Oktober 2013

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Von der „teuersten Nürnberger Bratwurst“ zum Bundesliga-Torschützenkönig

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Stefan Kießling ist als Torgarant und Führungsfigur in Leverkusen über jedweden Zweifel erhaben. Mehr noch, der 29-jährige aus Lichtenfels in Oberfranken stammende Angreifer hat sich zum unverzichtbaren Fixpunkt im Spiel der Werkself entwickelt. Mit vorbildlichem Auftreten und konstant starken Leistungen hat er jenen Vertrauensvorschuss, der Bayer 04 im Sommer 2006 immerhin dazu bewog, stattliche fünfeinhalb Millionen Euro nach Nürnberg zu überweisen, längst schon zurückgezahlt. 103 Tore in 237 Bundesliga-Einsätzen für Bayer sprechen eine deutliche Sprache, die kaum Spielraum für Interpretationen lässt. Nur der Bundestrainer erweist sich bislang als äußerst kreativ darin, sich dessen zu verschließen.

Den Geschmähten selbst ficht es schon seit einiger Zeit nicht mehr wirklich an, dass Joachim Löw in schöner Regelmäßigkeit neue Argumente findet, die gegen eine Nominierung von Deutschlands treffsicherstem Stürmer der letzten Jahre sprechen könnten. „Das ist feuchter Käse, das Thema ist durch“, beschied Kießling zuletzt höchstpersönlich all jene nimmermüden Fragensteller, die diese zugegebenermaßen sonderbare Personalie im Wochenrhythmus umtreibt. Dazu gebe es schließlich nichts mehr zu sagen. So selbstbewusst kann einer sein, der mit keinem noch so deutlichen Wort die Gesetze der Fußball-Logik übertönen könnte. Denn die Nationalmannschaft sollte doch bitteschön die besten Einzelkönner eines Landes auf ihren unterschiedlichen Positionen zu einem Team vereinen. Daran kann eigentlich auch unser „Bundes-Jogi“ nicht vorbei. Und was sollte Stefan Kießling da sonst noch für Länderspiel Nummer sieben tun, anstatt als Stürmer Tore am Fließband zu produzieren und sich dabei auch noch voll und ganz in den Dienst der Mannschaft zu stellen?

Bundesliga-Anfänge im Frankenland

Der zu Nürnberger Zeiten dann und wann noch für sein Milchbuben-Gesicht und eine gewisse Schlaksigkeit in seinen Aktionen Belächelte, hat in den zurückliegenden Jahren eine in dieser Form kaum vorhersehbare Entwicklung genommen. Heute liefert Kießling nicht nur als Torschütze, sondern vor allem auch als Wegbereiter und Anspielstation, Kopfballspezialist und spielintelligenter „Turm in der Schlacht“ das komplette Paket. „Für diese Verpflichtung sind wir damals nicht nur bejubelt worden“, erinnert sich Bayers scheidender Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser an jenen WM-Sommer zurück, als sich die Leverkusener von einer starken Kießling-Saison beim Club (31 Spiele, zehn Tore, vier Torvorlagen) überzeugen ließen. Für diesen Mut zum Risiko darf man sich im Rheinland durchaus auf die Schultern klopfen – ein verschmitztes Lächeln sei Holzhäuser wirklich gegönnt: „Dass Stefan Kießling einst als teuerste Nürnberger Bratwurst bezeichnet wurde und heute von denselben Leuten als Bundesliga-Torschützenkönig in der Nationalmannschaft gefordert wird, gibt uns eine gewisse Art der Genugtuung.“

imago01930767m_cIhren Anfang nahm Kießlings Karriere im oberfränkischen Bamberg. Beim TSV Eintracht, sein Großvater war dort einer der Vereins-Begründer, jagte er schon im zarten Alter von vier Jahren den Bällen hinterher, durchlief später in der traditionsreichen Universitätsstadt sämtliche Nachwuchsabteilungen. Von der Eintracht-U17 schaffte er schließlich im Jahr 2001 den Sprung in die A-Jugend des 1. FC Nürnberg, die ersten Profi-Auftritte des Sturmtalents sollten da schon nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. In der Partie gegen den Hamburger SV feierte Kießling am 26. März 2003 schließlich sein Bundesliga-Debüt. Anschließend musste er mit dem FCN zwar den Umweg über die zweite Liga gehen, erzielte dort jedoch ausgerechnet im Franken-Derby mit der Spielvereinigung aus Fürth sein ganz persönliches Premierentor. Zurück im Oberhaus gelang fast auf Anhieb der Durchbruch: Die ohnehin schon beachtlichen vier Treffer und drei Vorlagen im ersten Bundesliga-Jahr übertraf der Vollblutstürmer in der Saison 2005/2006 noch einmal deutlich und brachte es auf zehn Tore und vier Assists. Diese Quote rief umgehend den Werksclub auf den Plan.

Hoher Wohlfühlfaktor am Rhein

Seither hat sich Stefan Kießling in Leverkusen stetig gesteigert, dabei nicht nur seine eigene Treffermarken immer wieder pulverisiert, sondern mit viel Engagement und großem Einsatz schlichtweg die Herzen der Zuschauer für sich gewonnen. „Kies“, so nennen ihn die Kollegen, ist bei Bayer 04 nicht mehr wegzudenken und hat am Rhein mit seiner Frau und seinen beiden Kindern mittlerweile auch sein privates Glück gefunden. „Ich bin ein Typ, der sich wohlfühlen muss, und das tue ich“, liefert der gelernte Lagerist und Hobby-Koch – im vorigen Jahr erschien unter dem Titel „Erfolgsrezepte“ sein eigenes Kochbuch, der Gewinn soll an soziale Einrichtungen gehen – den Hauptgrund für seine seit Monaten anhaltende Gala-Form. An seine 25 Tore und zehn direkten Vorlagen, mit denen Kießling 2012/2013 sowohl Bundesliga-Torschützenkönig als auch Liga-Topscorer wurde, knüpft er in der laufenden Runde bislang nahtlos an. Nach sieben Spieltagen rangiert Kießling in derlei Statistiken mit fünf Treffern und drei Torvorbereitungen schon wieder ganz weit oben.

Und die dieser Tage mehr denn je heiß gehandelte Rückkehr in die DFB-Elf? Die gehe er ganz entspannt an, versicherte der notorisch Übersehene: „Ich habe ja immer wieder gesagt, dass ich die Meinung des Bundestrainers zu meiner Person akzeptiere und mit dieser Situation super umgehen kann. Ich werde mich deshalb nicht jedes Mal verrückt machen.“ Abseits der Diskussionen um falsche Neuner und hängende Spitzen sucht die gesamte deutsche Fußball-Welt vor den abschließenden WM-Qualifikationsspielen gegen Irland und Schweden einmal mehr nach Gründen, warum Stefan Kießling nicht zumindest in den Kader berufen werden sollte. Und findet sie doch nicht.

Seine letzten beiden Kurzeinsätze im DFB-Trikot hatte Stefan Kießling bei der WM 2010 in Südafrika. Beim 4:1-Sieg gegen England (hier: Matthew Upson) wurde er ebenso eingewechselt wie beim 3:2-Erfolg im Spiel um Platz drei gegen Uruguay.

Seine letzten beiden Kurzeinsätze im DFB-Trikot hatte Stefan Kießling bei der WM 2010 in Südafrika. Beim 4:1-Sieg gegen England (hier: Matthew Upson) wurde er ebenso eingewechselt wie beim 3:2-Erfolg im Spiel um Platz drei gegen Uruguay.

Möglicherweise aber hat sich Joachim Löw durch sein Gebaren der letzten Monate nun selbst in eine schwierige Situation hineinmanövriert. Angesichts der verletzungsbedingten Ausfälle von Miroslav Klose und Mario Gomez scheint eine Nominierung Kießlings logischer und unumgänglicher denn je. Die Bundeskanzlerin würde für einen solchen Fall womöglich ihr Lieblingswort gebrauchen: Eine Berücksichtigung erscheint „alternativlos“.

Zur Person Stefan Kießling

geboren am 25. Januar 1984 in Lichtenfels

vorherige Vereine: 1. FC Nürnberg, Eintracht Bamberg

bei Bayer 04 Leverkusen seit: 2006

Bundesliga-Debüt: 26. März 2003 für den 1. FC Nürnberg

Bundesliga-Statistik: 286 Spiele | 117 Tore | 42 Vorlagen

Europapokal-Statistik: 44 Spiele | 9 Tore | 9 Vorlagen

Länderspiel-Statistik: 6 Spiele | 0 Tore | 1 Vorlage

Redaktion Magath & Fußball

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