Brasilien WM 2014 (I) – „Land der Zukunft“


Veröffentlicht am 8. Oktober 2013

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Ein vergangen-literarischer Blick auf das WM-Gastgeberland

Brasilien: Das ist längst nicht nur Fußball, sondern auch und vor allem ein mitunter malerisches Naturschauspiel, wie diese Farbenpracht eines Amazonas-Deltas zeigt.

Brasilien: Das ist längst nicht nur Fußball, sondern auch und vor allem ein mitunter malerisches Naturschauspiel, wie diese Farbenpracht eines Amazonas-Deltas zeigt.

Wer sich sein WM-Land Brasilien nicht nur über das runde Leder, die Glotze und eventartige Schnellschussberichterstattung erobern möchte, dem empfiehlt sich ein Griff ins Bücherregal oder ein Gang in die nächste Buchhandlung, eine Bestellung online. Ein ziemlich „alter Schinken“ wird empfohlen. Der grandiose Schriftsteller Stefan Zweig widmete Brasilien eines seiner schönsten Bücher. Selber schon auf der Flucht vor den Nazis, um Existenz und Leben kämpfend, sich nach vielen Stationen auf das Exil in Brasilien festlegend, veröffentlichte er 1941 in London seinen Reise- und Erlebnisbericht „Brasilien. Ein Land der Zukunft.“ Das Buch gilt Kennern als pure Liebeserklärung eines Menschen aus dem „alten Europa“ an eine ihm fremde wie neue Welt.

Ein phantastisches Buch breitet sich vor dem Auge des Lesers aus. Der Blick des Autors gilt Land und Menschen gleichermaßen. Stefan Zweig fand in Brasilien ein „anderes Leben“ und zieht den Leser sofort in seinen sprachlichen Bann, öffnet die Augen für das Land Brasilien. „Der erste Eindruck von diesem Lande ist der einer verwirrenden Üppigkeit. Hier hat die Natur in einer einmaligen Laune von Verschwendung alles auf einen Raum gedrückt, was sie sonst auf mehrere Länder verteilt“, können wir dort lesen. Für den Geisteseuropäer Zweig hat Europa „mehr Tradition und weniger Zukunft, Brasilien weniger Vergangenheit und mehr Zukunft“. In Brasilien und bei seinen Menschen fühlte sich Zweig wohl und geborgen, einen Moment wohl auch sicher vor den Nazischergen. Der entwurzelte Österreicher schien sich eine neue Heimat zu erobern, die er literarisch durchwanderte, um sie zu verstehen und anzunehmen. Für soziale Probleme fehlen ihm etwas der Blick und das Gefühl, er schaute eher auf die Harmonie, weniger auf die Gegensätze: „Heller scheint dem Gast hier das Leben mit der helleren Sonne“. Für Stefan Zweig war Brasilien „wundervoll“, den heranbrechenden technischen Fortschritt bemerkte er kaum, kannte diesen aus Europa, betrachtete diese Form der Moderne immer skeptisch.

imago59715196m_cFür Stefan Zweig war Brasilien ein Land der Zukunft, weil sein altes wie geliebtes Europa unter den Stiefeln der Nazis diese Zukunft längst verspielt hatte. Seine Hoffnung lag in Südamerika. Geblieben ist ein Buch, welches sich in die Seele der Brasilianer hineinfühlt, den europäischen Blick dabei nicht hinter sich lassend und sich doch dem Land und seinen Menschen sehr verbunden zeigt. Noch heute fühlt man sich nach der Lektüre dieses 70 Jahre alten Buches gut auf eine Reise nach Brasilien vorbereitet. Für Stefan Zweig wurde Brasilien zum Schicksalsland. Ohne Hoffnung auf eine persönliche Zukunft und eine Heimkehr, ging er den Weg vieler verzweifelter Emigranten und nahm sich am 23. Februar 1942 in der brasilianischen Kleinstadt Petrópolis das Leben. Die Menschen in Brasilien trauerten, als wäre einer der ihren von ihnen gegangen. Sie kannten sein Buch „Brasilien. Land der Zukunft“ und sie mochten den stets freundlichen Nachbarn. Für seine Hommage an Brasilien und dessen Menschen sind ihm die Brasilianer vom Schüler bis zum Fußballfan bis heute dankbar, haben ihn nicht vergessen.

Das Buch ist in Antiquariaten aber auch als Neuerscheinung in mehreren Verlagen derzeit erhältlich. Wer dann doch an jüngerer Literatur und modernerer Ausdrucksweise interessiert, sich mit aktuelleren Eindrücken vertraut machen möchte, der wird bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse bestens bedient, Brasilien und seine Literatur sind dort Ehrengast und werden besonders heraus- und vorgestellt. Für lesemüde Zeitgenossen gibts als Alternative in dieser Woche auf ARTE die fünfteilige Reportage „Brasiliens Asphaltcowboys“, ein schonungsloser wie unromantischer Blick auf Lebens- und Arbeitswelt der Brasilianer. Abseits von Fußball, Samba und Naturschönheiten wird dem Zuschauer ein unverstellter Blick auf das Land geboten.

Redaktion Magath & Fußball

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