Ernst Happel (IV) – Bondscoach


Veröffentlicht am 12. Oktober 2013

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Ein Österreicher führt Holland zur WM 1978

Jan Zwartkruis (links) war erst Vorgänger, dann Co-Trainer und schließlich auch Nachfolger Ernst Happels (Mitte) als Niederländischer Nationaltrainer. In Argentinien glückte den beiden 1978 beinahe der ganz große Wurf.

Jan Zwartkruis (links) war erst Vorgänger, dann Co-Trainer und schließlich auch Nachfolger Ernst Happels (Mitte) als Niederländischer Nationaltrainer. In Argentinien glückte den beiden 1978 beinahe der ganz große Wurf.

Die Sache mit dem Bondscoach macht er nebenher aber natürlich wieder richtiger als andere, er kann so etwas, deshalb bleibt er auch Trainer beim FC Brügge. Die Holländer vertrauen ihm in Fußballdingen und als Mensch. Es hagelt auch Vorwürfe, die Journaille. Kritikaster schreien Wettbewerbsverzerrung, die Holländer haben in ihrer Qualifikations-Gruppe schließlich Belgien als Gegner und die sind mit Spielern vom FC Brügge gespickt. Happel lernt neue Facetten journalistischer Spekulationsblasen kennen, seine Abneigung gegen den Berufszweig wächst weiter. Ungerührt vom Gekreische macht er sich ans Werk. Die Qualifikation wird souverän bewältigt. Die Mannschaft spielt gut, man findet zu alter Stärke, Happels Handschrift gewinnt schnell Kontur. Mit Johan Cruyff und Wim van Hanegem sagen allerdings seine besten Spieler das WM Turnier aus unterschiedlichen Gründen ab. Die Garanten für unbedingten Siegeswillen und Spielkultur waren abhandengekommen. So etwas störte Happel nicht, er setzte trotz dieses Verlustes auf Offensivfußball, das vorhandene Personal und Pressing.

Auf nach Argentinien. Dort warten ganz andere Probleme auf die Holländer. Es herrscht Diktatur, an der Macht eine Militärjunta unter Führung des Generals Jorge Videla. Der Mann, skrupellos wie abgefeimt, wird zehn Jahre nach der WM, die Militärdiktatur ist Geschichte, für diverse Morde, Verbrechen und Menschrechtsvergehen angeklagt und verurteilt. Noch ist er aber der Machthaber über ein Land, dessen Menschen und über den Fußball. Diese WM soll Reputation, Ruhm und Ehre für das Regime bringen, koste es was es wolle. Kein gutes Klima für fairen Wettkampf und weltoffene Holländer, die sich vom ersten Tag an erdrückt fühlen. Schwerbewaffnete Soldaten begleiten jeden Schritt. Der Auftakt gegen den Iran gelingt trotzdem mit einem ungefährdeten 3:0. Kein Maßstab für die Leistungsstärke von Happels Team. Das zweite Gruppenspiel gegen Peru läuft schlecht, das 0:0 ist schmeichelhaft für die Holländer. Im dritten Spiel geht es um den Einzug in die Finalrunde. Die Schotten haben ihren Auftakt gegen Peru vermasselt, müssen gewinnen, um weiter im Turnier zu bleiben. Ein unangenehmer Gegner wartet auf die Elftal. Mitte der ersten Halbzeit geht Holland in Führung. Zwei Legenden des schottischen Fußballs, Kenny Dalglish vor dem Pausenpfiff und Archie Gemmill direkt nach Wiederanpfiff, bescheren den Schotten eine 2:1-Führung. Mitte der zweiten Halbzeit schlug Gemmill wieder zu, 3:1. Noch ein Tor für Schottland und Oranje muss die Heimreise antreten. In die Schlussoffensive der Schotten gelingt den Holländern der Nadelstich, Rep macht das 2:3 und sichert die Finalrunde. Dank des besseren Torverhältnisses bleibt man vor den Schotten. Souverän geht anders. Es herrscht miese Stimmung. Happel behält die Nerven, baut sein Team wieder auf.

Gegen Ernst Happels Landsleute gewann Oranje in Runde zwei deutlich mit 5:1. Hier umspielt Angreifer Rob Rensenbrink den am Boden liegenden Österreicher Erich Obermayer. Elf Tage später war für Rensenbrink und die Elftal die WM-Trophäe greifbar – es fehlten wenige Zentimeter...

Gegen Ernst Happels Landsleute gewann Oranje in Runde zwei deutlich mit 5:1. Hier umspielt Angreifer Rob Rensenbrink den am Boden liegenden Österreicher Erich Obermayer. Elf Tage später war für Rensenbrink und die Elftal die WM-Trophäe greifbar – es fehlten wenige Zentimeter…

Die Finalrunde wird in zwei Gruppen ausgetragen und ein holländisch-happelsches Meisterstück. Mit einem 5:1 gegen Österreich, Happel kennt kein Erbarmen, gelingt ein Start nach Maß, nun wartet der amtierende Weltmeister Deutschland. In einem Spiel gleicher Kräfte trennt man sich am Ende 2:2, die hohe Tordifferenz gegen Österreich lässt Holland bessere Chancen. Im abschließenden Spiel gegen Italien machen die Männer von Happel mit einem 2:1 die Finalteilnahme klar. Wie 1974 wartet dort wieder der Gastgeber. Der polyglotte Trainer der Argentinier, César Luis Menotti, der sich gern als Intellektueller des Fußballs vermarktet und weltweit sehr viele dankbare Abnehmer für diese Sichtweise findet, lässt aus der Tiefe des Raumes offensiven Fußball spielen, erinnert an den Stil von Hennes Weisweiler und Borussia Mönchengladbach. Für das Endspiel, auch wegen des Heimvorteils, gelten Menottis Argentinier als Favorit. Happel erkennt das größte Manko in Menottis Team, die Schwäche der argentinischen Außenstürmer. Dadurch würde es seinen sehr guten Defensivspielern ermöglicht, eine Überzahl im Mittelfeld herzustellen, um sich auch erfolgreich an Angriffsbemühungen zu beteiligen. Sein Plan steht.

Die Fahrt ins Stadion eine Tortur, eine Stunde schleicht der Bus durch ein Menschenspalier, welches mit Fäusten gegen das Blech trommelt und „Argentina!, Argentina!“ skandiert. Drinnen spielt Ernst Happel Karten und raucht, seine Spieler lassen sich von seiner Ruhe gern anstecken. Vor Anpfiff das nächste Störmanöver. Argentinien protestiert gegen eine Armmanschette von van de Kerkhof, dieser soll vom Spiel ausgeschlossen werden. Happel reagiert schlau. „Er sei dazu bereit, gern. Allerdings brauche er dann eine Stunde Zeit, um die Mannschaft neu einzustellen. Die Leute müssten halt warten.“ Die Argentinier ziehen ihren Protest umgehend zurück. Später sagte Happel: „In diesem Spiel wollte ich das Glück zwingen, es ließ sich nicht ein.“ Die Argentinier hatten davon allerdings eine Menge. Die 1:0-Halbzeitführung der Gastgeber ist verdient. Holland spielte mit, blieb im Angriff noch blass. Zur zweiten Halbzeit schickt Happel sein Team mit Offensivorder auf den Platz. „Hemmungslos“ nennen neutrale Beobachter später diese Angriffswucht, Argentinien wankt. imago01505364m_cDas Tor will nicht fallen, Happel wirft den Sturmriesen Dick Nanninga in die Schlacht, dessen Kopf macht in der 82. Minute den hochverdienten Ausgleichstreffer, das Stadion verstummt zur Beerdigungshalle, Oranje hat die Verlängerung vor Augen. Aber es sind noch einige Minuten zu spielen, Holland will den Sieg. Als in der vorletzten Minute Rob Rensenbrink freistehend zum Schuss kommt, geht der Ball nicht ins leere Tor, er knallt an den Innenpfosten und von dort zurück ins Feld. Fast Weltmeister. In der Verlängerung zahlen die Holländer Tribut für Angriffswirbel und Sturmlauf der zweiten Halbzeit, Argentinien macht zwei Tore und wird Weltmeister. Ein unfairer Gastgeber, ein nicht wirklich unparteiischer Schiedsrichter und vor allem sehr viele liegengelassene Torchancen waren zu viel. Es sollte nicht sein. Also nur „Wödmasta“.

Happel geht nicht zur Abschlusspressekonferenz, seine Spieler und er nehmen auch nicht die Medaillen aus den blutigen Händen der Junta-Generale entgegen, setzen als Mannschaft auch ein moralisches Zeichen. Happel interessiert diese WM nicht mehr. Nun ab ins Casino, eine gute Belga und eine Rum-Cola, es gilt durchzupusten, die nächsten Aufgaben warten. Tage später zieht er in der Heimat sein Fazit und das war es dann: „Nach dem Ausgleich war ich noch optimistisch, der Pfostenschuss von Rensenbrink kurz vor Schluss war natürlich großes Pech. Ich bin enttäuscht, aber für die Niederlande ist es ein Erfolg, dass die Mannschaft überhaupt ins Endspiel gekommen ist. Dafür muss ich den Spielern ein großes Kompliment machen. Zur Leistung des Schiedsrichters möchte ich mich nicht äußern.“

Redaktion Magath & Fußball

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