Brasilien WM 2014 (II) – „Wir sind dabei!“


Veröffentlicht am 16. Oktober 2013

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Aber: Wie aussagekräftig war die deutsche Dominanz in der WM-Qualifikation?

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Ja, man kann über Joachim Löw denken, was man möchte. Stefan Kießling hin, Mats Hummels her – nicht alle Personalentscheidungen, die der Bundestrainer in der jüngeren Vergangenheit traf, gingen geräuschlos über die Bühne. Man darf da durchaus auch anderer Meinung sein, muss nicht zwingend nachvollziehen können, warum beispielsweise mit Roman Weidenfeller der statistisch gesehen konstanteste deutsche Torhüter der letzten fünf Jahre noch immer auf eine Länderspiel-Einladung wartet (auch wenn sich das möglicherweise bald ändert). Eines muss man dem 53-Jährigen mit dem markanten schwäbischen Akzent aber lassen: Erneut hat sich die deutsche Fußballnationalmannschaft in äußerst souveräner Manier für ein großes Turnier qualifiziert. Unter dem Strich stehen neun Siege und ein Unentschieden. Das ist Fakt.

Zugegebenermaßen hielt die WM-Qualifikationsgruppe C dabei einmal mehr keine allzu großen Schwergewichte bereit. In einer Gruppe mit Schweden, Österreich, Irland, Kasachstan und den Faröern sollte für den Weltranglistendritten der Gruppensieg keine große Sache sein. Ist er ja auch nicht. „Die Reise, die wir vor 13 Monaten begonnen haben, haben wir jetzt zu Ende gebracht“, so nüchtern klingt das bei Löw. Längst hat nicht nur der Bundestrainer den Fokus auf den kommenden Sommer gerichtet. Einmal mehr geht es dann darum, die Ernte einzufahren. Doch genau da liegt das Problem.

Schon die Qualifikationsrunden zum EM-Turnier 2008 in Österreich und der Schweiz, zur WM 2010 in Südafrika und zuletzt auch zur EM 2012 in Polen und der Ukraine wurden in ähnlicher Form mit größtenteils beeindruckenden Zahlen über die Bühne gebracht. Doch was haben all die offensiv-berauschten Auftritte gegen international allenfalls zweitklassige Kaliber letztendlich genützt? Diese Frage muss erlaubt sein. Sicher, die Plätze zwei und drei 2008 und 2010 können sich sehen lassen, das Aus kam jeweils gegen die übermächtigen Spanier von Vicente del Bosque. 2012 aber sollte der Turnaround gelingen, die Zeit schien reif für einen Sieg über die rote Furie. Allein, zum mit Spannung erwarteten Duell der beiden europäischen Spitzen kam es nicht. Der DFB scheiterte bekanntlich – mit viel Pech zwar – im Halbfinale an Italien. Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass dieses 0:2 trotz einer bis dahin souveränen Turnierleistung mit Siegen über Portugal und die Niederlande ungeheure Nachwirkungen entfachte. Von Versagern war da schon die Rede. Auch das ist eben Fußball. Und was wäre gewesen, hätten die cleveren Italiener diesen Hummels-Kopfball nicht noch irgendwie von der Torlinie bugsieren können…Leider hilft auch hier kein Wenn und erst recht kein Aber. In knapp acht Monaten wird am Zuckerhut ein nächstes WM-Großereignis angepfiffen. Der letzte große Titel einer deutschen Mannschaft liegt dann bereits 18 Jahre zurück. Auch das ist Fakt.

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Was bleibt also zu tun für den DFB und vor allem für „Jogi“ Löw? Die Qualifikationsrunde mit einem Trefferverhältnis von 36:10 – acht dieser Gegentore gingen auf das Konto der Schweden – wird niemand überbewerten, wenngleich keine andere europäische Nation während der Qualifikation derart viele Treffer erzielte. Wichtiger erscheinen da schon die Testspiele gegen mitunter namhafte und formstarke Mannschaften anderer Breitengrade. Im Kalenderjahr 2013 gab es da neben dem 2:1-Erfolg über Frankreich im Februar während der umstrittenen Amerika-Reise einen Sieg gegen Ecuador (4:2) und Anfang Juni eine knappe Niederlage gegen die USA (3:4). Hinzu kam im August ein weiteres Torfestival gegen Paraguay (3:3). Die hohen Trefferzahlen lassen es schon erahnen: Der begeisternde Offensivfußball unserer Nationalelf wurde leider hin und wieder von groben Fahrlässigkeiten in der Defensive konterkariert. Fragen bleiben. „Ich glaube schon, dass wir als Mannschaft die Lücke zur Weltspitze geschlossen haben“, sucht DFB-Mittelfeldmotor Sami Khedira nach Antworten und betont: „Wir sind enger zusammengerückt. Meine Beobachtung ist, dass sich der Teamgeist extrem gefestigt hat im Vergleich zum Vorjahr.“

So weit, so gut. Ob dem so ist, wird sich spätestens im kommenden Sommer zeigen. Nicht nur Khedira aber weiß: „Wenn wir die Nationalmannschaft als Gesamtpaket sehen, dann könnten und müssten wir bei der WM in Brasilien unser Top-Level erreichen. Wir stehen körperlich voll im Saft und haben doch schon sehr viel internationale Erfahrung.“ Heißt auch: Die Zeit der Ausreden ist dann definitiv vorbei. Nach Möglichkeit soll der Titel her, auch wenn das aufgrund der für europäische Verhältnisse schwierigen klimatischen Bedingungen an der Copacabana nicht nur aus fußballerischer Sicht ein kompliziertes Unterfangen werden dürfte.

Möglicherweise wird schon der nächste Härtetest im November – ausgerechnet gegen Italien – Aufschlüsse darüber geben können, ob sich das deutsche Team in den vergangenen anderthalb Jahren tatsächlich weiter entwickelt hat. So oder so aber ist die Begegnung mit dem Angstgegner für den Bundestrainer eine besondere. Joachim Löw wird in Mailand zum 100. Mal als Chefcoach der deutschen Nationalmannschaft auf der Trainerbank sitzen. Und das ist dann wieder ein durchaus beeindruckender Fakt.

Redaktion Magath & Fußball

Die deutschen WM-Qualifikationspartien in der Übersicht

(1) DFB – Faröer 3:0 (1:0) | Götze, Özil, Özil

(2) Österreich – DFB 1:2 (0:1) | Reus, Özil

(3) Irland – DFB 1:6 (0:2) | Reus, Reus, Özil, Klose, Kroos, Kroos

(4) DFB – Schweden 4:4 (3:0) | Klose, Klose, Mertesacker, Özil

(5) Kasachstan – DFB 0:3 (0:2) | Müller, Götze, Müller

(6) DFB – Kasachstan 4:1 (3:0) | Reus, Götze, Gündogan, Reus

(7) DFB – Österreich 3:0 (1:0) | Klose, Kroos, Müller

(8) Faröer – DFB 0:3 (0:1) | Mertesacker, Özil, Müller

(9) DFB – Irland 3:0 (1:0) | Khedira, Schürrle, Özil

(10) Schweden – DFB 3:5 (2:1) | Özil, Götze, Schürrle, Schürrle, Schürrle

Die deutschen Torschützen in der WM-Qualifikation

8 Mesut Özil, 5 Marco Reus, 4 Mario Götze, 4 Miroslav Klose, 4 Thomas Müller, 4 André Schürrle, 3 Toni Kroos, 2 Per Mertesacker, 1 Ilkay Gündogan, 1 Sami Khedira

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