Mitten ins Herz


Veröffentlicht am 18. Oktober 2013

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WDR-Dokumentation nähert sich der Dortmunder „Gelben Wand“

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Der moderne Sportreporter – zumal Fußballberichterstatter – krampft sich gern lautstark zu überbordenden Gigantenausdrücken, möchte damit Emotionen vermitteln, seine Sicht auf Dinge und Atmosphäre rüberbringen. Mit den ihm zu Gebote stehenden sprachlichen Mitteln landet er dann allzu bald im kollektiven Branchensatz: „Die Stimmung ist unbeschreiblich.“ Was soll uns das nun aber sagen? Liegt darin nicht der Beruf des Reporters, ist es nicht seine Aufgabe, uns eben genau diese Stimmung zu beschreiben? Wenn sich ein dem Journalismus verpflichteter Autor dieser Stimmung im Stadion annimmt, dann kann etwas Großartiges entstehen. Der WDR-Redakteur Klaus Martens hat den Beweis angetreten, trifft ins Herz. Mit der WDR-Produktion „Wir die Wand“ hat er ein dokumentarisches Licht auf den Fußballzirkus geworfen, diesen hautnah im Kreis von Fans erlebt und beleuchtet. Als Platz seiner Dokumentation wählte er einen der heißesten Orte des Fußballs, die legendäre „Gelbe Wand“, die Stehplatztribüne „Südkurve“ von Borussia Dortmund.

Wer an das Champions-League-Viertelfinale Borussia vs. Malaga denkt, wird sich erinnern, auch durch die Wucht der Dortmunder Südkurve ist der schon entrissene Halbfinaleinzug zurückgewonnen worden. Der WDR-Dokumentarfilm „Wir die Wand“ zeigt, was während eines Heimspiels auf Europas größter Stehplatztribüne im Stadion von Borussia Dortmund abgeht. Sage und schreibe 25.000 Menschen kommen für einen Fußballnachmittag auf dieser einen Tribüne zusammen, verwachsen zu einem emotionalen Kreis, sind für mindestens 90 Minuten ein zerbrechliches soziales Gefüge. Eine verschworene Gemeinschaft, die sich nach dem Abpfiff auflöst, um sich dann 14 Tage später für ein paar Stunden immer wieder neu zu bilden. Was fußballtypische und bauliche Gegebenheiten, Architektur und Zweckmäßigkeit anbelangt, ist die Südkurve in Dortmund wohl etwas Einmaliges in Fußballeuropa. Die Stimmung, die von dort auf den Rasen prallt, ab und an auch den Dortmunder Trainer so mitreißt, dass es ihn in Abgründe treibt, ist lebendiger und purer Fußball. Hier haben (noch) nicht aalglatte Marketingfatzkes das Wort, hier regiert der Fan. Die Filmemacher gaben ihnen Stimme und Gesicht.

Ein buntes Gemisch, manchmal auch klischeehaft, bevölkert Alt und Jung die angenehme und spannende Szene der Dokumentation. Der unvermeidliche Stadionsprecher Norbert Dickel, in fußballtypischer Koseform längst zum ewigen „Nobby“ mutiert, hält mit seinem Funktionsteam als eine Art bindende Klammer und Hauptdarsteller das Filmwerk zusammen, bringt es auch über einige Längen. Neben ihm agieren natürlich der klassische „Otto Normalverbraucher“, der noch klassischere Bergmann, natürlich ein Ultra, natürlich eine Rentnerin, natürlich ein Homosexueller und es darf auch, last but not least, nicht der Intellektuelle fehlen, dafür steht ein Mathematikprofessor. An der Zahl Elf orientiert, durchweg sympathische Zeitgenossen, haben sich die Redakteure für ihren Film eine Art Mannschaft im unendlichen Dortmunder Fanmeer gesucht, mit der sie die menschliche und soziale Spannbreite der 90-Minuten-Gesellschaft „Gelbe Wand“ aufzeigen wollen. Es ist ihnen in weiten Teilen eindrucksvoll und gut gelungen.

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Für Fans der Dortmunder Borussia wohl eine Pflicht, für neutrale Fans ein beachtlicher Filmstreifen über treue Fußballleidenschaft und für Leute, die wenig oder nicht mit Fußball zu tun haben eine durchaus gelungene Sozialstudie über Fußballfans und Spieltage der Bundesliga. Der Kinobesuch oder die DVD lohnt. 90 unterhaltsame Minuten, in Teilen besser als so manches Spiel. Am Ende bleiben ein Gefühl der Wärme und eine Art familiäres Fußballglück zurück, das Fußballherz ist getroffen. Der 59-jährige Frührentner Heinz, für den die Fußballkumpel nur mit Bergleuten vergleichbar, fasst es in Worte: „Die Solidarität, die ich in der Wand erlebe, habe ich sonst nur unter Tage kennen gelernt.“

Redaktion Magath & Fußball

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