„Mäcki“


Veröffentlicht am 24. Oktober 2013

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Reinhard Lauck (DDR)

Reinhard Lauck

Ein Fußballer aus der Lausitz

Auf den Straßen Berlins ein sterbender Olympiasieger. Manches Leben erweist sich in seinem Ende als Katastrophe von biblischem Ausmaß. Das Jahr 1997 neigte sich, der Oktober war nicht goldig, eher kühl und abweisend. Sprache der Ämter fröstelt, wenn sie uns Menschen greift. Lapidar heißt es im Polizeibericht „eine hilflose Person mit schweren Kopfverletzungen auf der Straße“. Gefunden in einer Häuserecke, sehr viel Alkohol im Blut und kein erwachen aus dem Koma. Eine Notoperation konnte dieses Leben nicht mehr retten, wenige Tage nach Einlieferung in die Klinik war Reinhard Lauck tot.

Die Erinnerung verblasst, einiges wird bleiben. Bei Union Berlin erinnern Sie auf der Vereins-Homepage mit freundlichen Worten an ihren einstigen Spieler, eine glänzende Wegmarke in Cottbus ehrt den Olympiasieger. Eine Gedenktafel im Geburtsort Sielow, bei deren Enthüllung viele dankbare Weggefährten zur Stelle, lässt den Menschen nicht vergessen. Das Leben des Reinhard Lauck begann am 16. September 1946 in der Lausitz. Die Kindheit liegt im dunkel, wie bei vielen dieser Generation und Zeit. Viel hatten die Menschen nicht, Fußball hatten sie immer. Diesen Fußball, den beherrschte der kleine Reinhard, der schon bald zu „Mäcki“ wurde, wie nur wenige, ob auf der Straße oder dem Platz, an ihm kam keiner vorbei. Was man heute eine Kariere nennt, nahm dann 1958 bei seinem Heimatverein – der SG Sielow – einen guten Lauf. Man wurde aufmerksam auf das Talent, Reinhard wechselte zu Vorwärts Cottbus in die größere Stadt, da war „Mäcki“ gerade 17.

Gedenktafel für Reinhard Lauck auf dem Walk of Fame der olympischen Medaillengewinner der Stadt Cottbus

Gedenktafel auf dem Walk of Fame der olympischen Medaillengewinner der Stadt Cottbus

Sein Weg führte ihn in die 2. Liga des DDR-Fußballs, der dort spielende Verein Vorwärts Cottbus wurde 1966 zu Energie Cottbus und als eine „Betriebssportgemeinschaft“ vom einheimischen Braunkohlekombinat unterstützt. 1967 dann der Sprung in seine Schicksalsstadt, sein Fußballtalent und sein Können waren der Provinz längst entwachsen. Lauck schloss sich in Berlin dem 1. FC Union an. Das erste Spiel, er war mitten in der Saison gewechselt, das Pokalfinale. Union besiegte dort den haushohen Favoriten FC Carl Zeiss Jena. „Mäcki“ hatte nicht nur Glück sondern auch bärenstarke Leistung mitgebracht, Union gewann den einzigen Titel der Clubgeschichte. Schnell wurde Lauck ein echter Unioner, die Fans schlossen ihn ins Herz, sie spürten und sagten es oft: „einer von uns“. Bis 1973 spielte und rackerte er im Mittelfeld für Union, war Stammspieler und Herz der Mannschaft. Dort wurde er auch zum Nationalspieler. Mit dem Abstieg der Unioner 1973 ging Lauck zum BFC Dynamo, dem verhassten und staatsnahen Lokalrivalen. Eiserne Union-Fans streiten bis heute ob er freiwillig, wegen seiner Nationalmannschaftskarriere, oder gezwungen durch Funktionäre, den Verein wechselte oder wechseln musste. Ehre den Union-Fans, sie nahmen nicht übel, „Mäcki“ blieb in ihren Herzen.

1974 der Traum eines jeden Fußballers, die Weltmeisterschaft. Die DDR schaffte ihre einzige WM-Teilnahme, dazu noch die WM in der Bundesrepublik, als Krönung das Bruderduell in der Elbmetropole Hamburg. Das legendäre Spiel, längst ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt, fand in Mäcki Lauck einen Hauptakteur. Wer kennt wohl nicht Sparwasser und sein berühmtes Tor? Aber Mann des Spiels und des 1:0 Sieges war eigentlich Mäcki Lauck. Der Mann lief, schoss, flankte und kämpfte auf jedem Meter des Platzes und meldete ganz nebenbei noch den großen Wolfgang Overath völlig ab. Als dieser entnervt vom Platz ging und durch Günter Netzer ersetzt wurde ging es dem Borussen/Real-Star nicht besser, auch er sah keinen Stich gegen Lauck. Am Ende dieses Spiels hatte Lauck wohl die beste Partie seiner Karriere abgeliefert, Aufhebens machte er darum nicht. Reporterfragen ängstigten ihn, Gespräche waren ihm ein Graus, Worte keine Partner seines freundlichen Wesens. Sein Universum war der Platz, dort lag für ihn nicht nur die Wahrheit sondern auch sein Leben. Mehr war nun aber in einem DDR-Fußballleben auch nicht zu erreichen. Es kam noch eine glanzvolle Gelegenheit, die nutzte Lauck mit seinem Team, man wurde 1976 in Montreal Fußballolympiasieger. Mäcki kehrte mit der Goldmedaille nach Berlin zurück. Es folgten noch Meistertitel mit dem BFC Dynamo und 1981 dann das Ende der Fußballzeit, Alter und eine Knieverletzung zwangen ihn die Schuhe an den Nagel zu hängen. In 262 Spielen hatte er 46 Tore geschossen, dazu kamen noch 40 Länderspiele mit 3 Toren.

Reinhard Lauck (re., DDR) - Freistoß gegen Zweimannmauer - DDR-Polen 3:1, Endspiel Olympia 1976

Reinhard Lauck, Endspiel Olympia 1976

Ende vom Fußball als Beginn eines neuen Leben? Nicht bei Mäcki Lauck, ein Abstieg in die Alltäglichkeit und ein Versinken in Problemwelten nahm seinen Lauf. In seinem Beruf als Schlosser versuchte er den Neuanfang, es klappte nicht. Bald verdingte er sich als Bauarbeiter, der Alkohol wurde ihm nicht nur Tröster sondern teuflischer Wegbegleiter, führte ihn zu Jobs als Kohlenträger und „Mädchen für alles“. Der Fusel verhinderte 1994 auch sein Auflaufen beim Erinnerungsspiel des WM-Klassikers von Hamburg, er war einfach zu betrunken um zu spielen, seine Mitspieler waren ihm nicht Gram, böse konnte man dem freundlichen Mäckie nie sein, aber helfen konnten sie ihm auch nicht. Dann verliert sich langsam die Spur. Mit Trinkkumpanen und Tippelbrüdern teilt er die Straße, auch im Abstieg und Elend soll er nie laut gewesen sein, seine entwaffnende Nettigkeit behielt er bis zum Ende. An kalten Feuern wärmen oft nur der Schnaps und die trügerische Lüge einer nicht mehr vorhandenen Hoffnung. Wenn „Mäcki“ von Hamburg erzählte, vom Olympiasieg, von Reisen und seinen Toren, der großen und kleinen Fußballwelt, dann hielten sie den freundlichen Gesellen für einen Spinner aber sie hörten ihm gerne zu, er wärmte ihr Herz und ließ sie von schönen Dingen träumen. Reinhard „Mäcki“ Lauck starb am 22. Oktober 1997 in Berlin.

Redaktion Magath & Fußball

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