Alex & Harry


Veröffentlicht am 30. Oktober 2013

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Zwei Legenden greifen zur Feder

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„Ich würde den Verantwortlichen der FA nicht einmal dann zutrauen, einen guten Trainer zu finden, wenn ihr eigenes Leben davon abhinge. Der englische Fußball wird von Leuten geführt, die keine Ahnung haben. Und die sollen allen Ernstes den Nationaltrainer auswählen!“ So etwas sitzt und verkauft sich. Harry Redknapp macht aus seiner Abneigung gegen Verbandsbosse und Funktionäre keinen Hehl, besonders wenn diese der englischen Football Association angehören. So nachzulesen in seiner Autobiographie, in typischer Redknapp-Art in einem Vorabdruck der Daily Mail veröffentlicht. Das bei Ebury Press erscheinende Werk umfasst 432 Seiten und trägt den schlichten Titel „Harry“, Fußball-England weiß wer gemeint. An Seitenzahl unterlegen, er bringt es „nur“ auf 416, aber an Titeln um Lichtjahre entfernt und auch noch sechs Lebensjahre mehr auf dem Kreuz, wirft Britanniens berühmtester Pensionär zeitgleich mit Redknapp seine Erinnerungen auf den Markt.

Der Schotte Sir Alex Ferguson geht dabei würdevoll ans Werk, seine Buchpräsentation gleicht einer Audienz, die Kleiderordnung stilvoll, das Ambiente nobel. Und was er zu sagen hat, interessiert über Fußballengland hinaus. Ferguson ist längst eine unantastbare Instanz des Fußballs, sein Wort hat bleibendes Gewicht. Im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts hat Ferguson Manchester United epochal verändert und umgebaut. Als der größte Manager in der Geschichte des britischen Fußballs hat er etwas zu erzählen. In einigen Buchpassagen sausen seine Sätze wie ein Dampfhammer auf Zuhörer und Leser, Rücksichtnahmen kennt er keine. Einer Werbefigur wie David Beckham kann er einfach nicht die gleiche Zuneigung erweisen wie den loyalen Musterprofis der Sorte Giggs und Scholes. Der Autor Ferguson bleibt darin dem Trainer Ferguson treu. Manchester United fand er 1986 in der Gosse der Mittelmäßigkeit und hat diesem Verein seither eine neue Krone aufgesetzt, ManU dann zu einer der unantastbaren Topadressen des Weltfußballs geschmiedet. Schmieden kann dieser Mann, er hat es auf einer Werft in Glasgow gelernt. Diese Zeit hat ihn geformt, seine Begriffe von Arbeit und Loyalität geprägt. Mit diesen Werten begegnete er später einer Phalanx von Weltstars – darunter sogar richtig gute Fußballer – und einer Menge Egozentriker. Vom tollen Spieler bis zum Egomanen, Ferguson hat sie alle in den Griff bekommen, wer sich über ihn oder den Verein stellte war verloren und musste gehen. Auch die Geschichten von deren Aufstieg und Fall liest man in seinem Buch. Vor allem liest man aber die Geschichte seines Weges, der einst als Arbeiterkind im Glasgower Stadtteil Govan begann und bis zum Ritterschlag vor den Thron der Queen führte.

Der hart arbeitende Ferguson entwickelte auf seiner Wegstrecke eine so große Liebe zum Fußball, dass die gut für drei Leben reicht. Von dieser Leidenschaft und einem Leben für den Fußball erzählt uns nun die bei Hodder & Stoughton erschienene Biografie mit dem Titel „Alex Ferguson“. Sir Alex schaffte es in die ganz große Welt, dabei hat er niemals die Heimat vergessen. Über das Amt eines englischen Nationaltrainers dachte er keine Sekunde nach: „In einer Million Jahren hätte ich England nicht trainieren dürfen. Ich hätte mich nie mehr in Schottland blicken lassen können.“ Solche Sätze klingen bei ihm nicht wehmütig, sondern einfach nur stolz.

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Ein anderer war schon (fast) englischer Nationaltrainer, in den Herzen der Fans und in den Schlagzeilen der Medien, auch in seiner eigenen Gewissheit. Nach dem Capello-Rücktritt in 2012 konnte es eigentlich nur einen geben, Harry Redknapp. So dachte und empfahl übrigens auch ein gewisser Herr Ferguson. Von wegen! Das Amt bekam der gemütliche wie geschätzte Roy Hodgson, England spielte mit diesem dann mal wieder ein erfolgloses EM-Turnier. Die Öffentlichkeit staunte, Harry war sichtlich sauer. Hatte der damalige Spurs-Manager Redknapp doch gerade ein unangenehmes Gerichtsverfahren in Steuersachen doch noch als freier Mann hinter sich gebracht, die Tottenham Hotspurs mit attraktivem Fußball in die Spitze der Premier League und zur erstmaligen Champions League Teilnahme geführt. Damit aus seiner Sicht den Weg zur Ernennung geebnet. Aber Funktionäre ticken anders, auch in England. Dieser Abschnitt gehört zu den spannendsten in Harry Redknapps durchaus humorvollen Erinnerungen, die nicht ohne Eitelkeit.

Den geborenen Londoner Redknapp zeichnet ein harter Cockney Akzent aus, er ist auch keine internationale Größe wie Alex Ferguson, eher ein typisches Kind des englischen Fußballs. Lange Zeit war Redknapp der einzige englische Trainer, der sich im Meer von Schotten, Iren, Walisern und europäischen Trainern in der höchsten englischen Spielklasse behaupten konnte. Harry Redknapp nimmt seine Leser mit auf eine lange Reise durch die Geschichte des englischen Fußballs in den letzten fünf Jahrzehnten. Ausländische Trainer prägten immer stärker den Fußball und die Liga, Harry blieb der Junge aus London, etwas altmodisch, ein bisschen stur und selbstverliebt, doch immer am Puls seiner Spieler und der Zeit. Redknapp ist wohl der Letzte seiner Art.

Der heutige QPR-Manager Redknapp liefert dem Leser wundervollen Gossip, immer auch etwas indiskret und manchmal fies, seine ganz persönliche Sicht auf die Geschichte, dabei Höhen und Tiefen nicht auslassend. Wir lesen vom ersten Gang mit dem Vater ins Stadion zu West Ham United und hören von den großen Fußballträumen des kleinen Londoner Jungen. Später sollte dieser Junge bei West Ham ein  geachteter Spieler und geschätzter Trainer werden. Wir erfahren vom großen Bobby Moore, nehmen Teil an harten Abstiegskämpfen und tollen Tagen in der Champions League. Redknapp schüttet ein großes Füllhorn über die Leser, ist dabei ein guter Unterhalter und nimmt sich selbst nicht zu wichtig.

Beide Bücher, Ferguson wie Redknapp, kommen als blendende Unterhaltung für Fußballfans, Fußballfreunde und Interessierte am englischen Fußball daher. An manchen Stellen lassen beide Autoren das Fallbeil vernehmlich sausen. Man weiß, sich zu verkaufen und dafür in Szene zu setzen. Es wird nie langweilig, nichts ist durchschnittlich oder enttäuschend, dem Lesevergnügen steht wenig im Weg. Demnächst wird ein Buch von José Mourinho erwartet, man darf gespannt sein. Die Trauben hängen hoch. Eine Herausforderung ganz nach dem Geschmack von The Special One. Diese drei Haudegen pflegen angeblich ein gutes Verhältnis zueinander, man schätzt und achtet sich. Es soll wohl auch ab und an ein Treffen bei gutem Wein geben. Vielleicht demnächst noch mit guten Büchern. Irgendwann werden wir darüber lesen…

Redaktion Magath & Fußball

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