Raymond, der Hexenmeister


Veröffentlicht am 5. November 2013

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Belgischer Trainer holt ersten Champions League Titel

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Wegen seines leidenschaftlichen Konsums von Zigaretten und einem lebenslangen Faible für Trenchcoats hätte man ihn mit Humphrey Bogart verwechseln können. In Belgien nannten sie ihn auch „Raymond, der Anarchist“ oder „Raymond, der Magier“. Wegen seines zerknautschten Auftretens hatte er früh den Spitznamen Columbo weg. Der Vergleich mit dem legendären TV-Inspektor amüsierte ihn ein Leben lang. Einer der am Ende jeden Fall aufklärt und noch als Gewinner die Szene verlässt war nach seinem Geschmack. Der Belgier Raymond Goethals, geboren am 7. Oktober 1921 in Brüssel und dort am 6. Dezember 2004 auch gestorben, gewann als erster Trainer die neu geschaffene Champions League, da war er bereit 72 Jahre. Im ersten Endspiel dieser Art, nach Abschaffung des Europapokals der Landesmeister, besiegte Goethals Team Olympique Marseille 1993 im Münchner Olympiastadion den AC Milan mit 1:0. Das Ereignis inzwischen historisch.

Bis Anfang der Fünfziger Jahre war Goethals Torwart, wenig gibt es über die Spielerkarriere zu sagen. Die Trainerbank lockte, 1956 bis 1958 RFC Hannutois und RS Waremme. 1959 dann Sint-Truidense, dort 1965 die Vizemeisterschaft. Der belgische Verband suchte in dieser Zeit einen Trainer, 1966 wurde Goethals Assistent von Nationaltrainer Stock, 1968 dessen Nachfolger. Goethals reformierte die Trainingsarbeit, wurde mit Rinus Michels und Ernst Happel verglichen. Seine Arbeit trug Früchte, er führte Belgien zur WM 1970 nach Mexiko. 1972 scheiterte man im EM-Halbfinale an der Übermannschaft der deutschen Fußballgeschichte, dem DFB-Team um Netzer und Beckenbauer. In der WM-Qualifikation für die WM 1974 bekamen es die Belgier mit anderen Überfliegern zu tun, den Holländern um Cruyff, Krol und van Hanegem. Gegen den späteren Vizeweltmeister blieben die Belgier in Hin- und Rückspiel ungeschlagen, kassierten kein Gegentor. Man scheiterte bei gleicher Punktzahl nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz. 1976 zog Belgien ins Viertelfinale der Europameisterschaft, scheiterte diesmal klar an Holland, Goethals nahm danach seinen Abschied. Es war eine große und glanzvolle Zeit für den Fußball im kleinen Belgien.

Goethals wollte Titel, heuerte beim RSC Anderlecht an, Belgiens Spitzenclub, in dieser Zeit auch europäischer Top-Club, hatte gerade in einem mitreißenden Fight das Finale im Europapokal der Pokalsieger gegen West Ham United in Brüssel gewonnen. Die Meisterschaft gelang Goethals nicht, aber die erneute Endspielteilnahme im Europapokal der Pokalsieger, also eine mögliche Titelverteidigung. Das Endspiel stieg in Amsterdam, der dortige Gegner hieß Hamburger SV. Goethals Männer mussten sich dem HSV beugen, Felix Magath besorgte in der Schlussminute den 2:0-Endstand, Titel und Pokal gingen an die Elbe. Ein Jahr später sah man sich wieder, Anderlecht schaltete den HSV im Achtelfinale aus, zog dann bis ins Endspiel und konnte dieses souverän gegen Austria Wien in Paris gewinnen. Goethals erster europäischer Titel. Nur mit der Meisterschaft klappt es weiterhin nicht, Happel und der FC Brügge dominierten den belgischen Fußball. Goethals wechselte nach Frankreich zu Girondins Bordeaux, ein beidseitiges Missverständnis. Dann ein gewagter Schritt, Goethals ging nach Brasilien. Mit dem FC São Paulo holte er 1981 die hart umkämpfe Staatsmeisterschaft. Bis zum heutigen Tag bleibt er damit der einzige europäische Trainer, der einen Titel in Brasilien gewinnen konnte.

Von 1981 bis 1984 wieder Heimat, dort Trainer von Standard Lüttich. In seiner ersten Saison endlich die ersehnte Meisterschaft, gleichzeitig der Einzug ins europäische Pokalsiegerfinale, die dritte Finalteilnahme für Goethals in diesem Wettbewerb. Lüttich unterlag im Nou Camp dem FC Barcelona achtbar mit 1:2. Das Endspiel sollte in Belgien ein böses Nachspiel finden. Ermittler fanden eine Einflussnahme von Goethals und Standard Lüttich auf Spieler des THOR Waterschei heraus. In einem entscheidenden Meisterschaftsspiel der Saison 1981/1982 wollte Goethals angeblich die Verletzung seiner Spieler vor dem Cupendspiel in Barcelona verhindern und den Spielern von Waterschei eine gewisse Zurückhaltung auferlegen. Unter dem Namen des Ermittlers „Bellemann“ zog dieser Skandal weite Kreise, Goethals musste den Club verlassen, ging für die Saison 1984/1985 zum portugiesischen Provinzclub Vitória Guimarães. Nach Aufarbeitung der „Bellemann-Affäre“ kehrte Goethals 1985 nach Belgien zurück, trainierte bis 1987 Racing Jet Brüssel und dann erneut den RSC Anderlecht. Goethals musste seinen Ruf in der Heimat aufbessern, sportlich gelang ihm dies, er gewann zweimal in Folge den Pokal. Nun wollte es auch Girondins Bordeaux nochmals wissen, wagte 1989 einen zweiten Versuch mit dem Belgier. Mit ansehnlichem Fußball gewann Girondins die Vizemeisterschaft. Goethals nahm dies zum Anlass, in den Ruhestand zu gehen.

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Zur Weihnachtszeit 1990 stand der schillernde Bernard Tapie vor Goethals Tür. Der Präsident von Olympique Marseille, umtriebiger Geschäftsmann, Freund der Mächtigen und in allen Feldern der Wirtschaft, Politik und des Entertainments heimisch, wollte Goethals als Trainer. Tapies damaliger Lebenstraum war der europäische Titel. Goethals schlug sofort ein, verteidigte den französischen Meistertitel, zog tatsächlich in das Finale des Europapokals der Landesmeister 1990/1991. Roter Stern Belgrad war dort die glücklichere Mannschaft, „OM“ verlor erst im Elfmeterschießen. Zwei Jahre später ein erneuter Anlauf. Der Landesmeistercup wurde in die edle Champions League verwandelt, 1993 galt es den ersten Titel gleichen Namens zu vergeben. Im Endspiel zu München krönte Goethals mit Spielern wie Marcel Desailly, Alen Bokšić, Didier Deschamps und Rudi Völler seine Trainerlaufbahn. Der einzige Treffer, ein Kopfball von Abwehrspieler Basile Boli kurz vor dem Halbzeitpfiff, schickte den AC Milan geschlagen vom Feld. Auch der französische Meistertitel wurde erneut errungen. Ein Hattrick für Goethals. Dieser Titel wurde Olympique Marseille wegen Bestechlichkeit später aberkannt. Der Verein wurde zu Zwangsabstieg, Präsident Tapie zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Während der Verfahren wurden nie Vorwürfe gegen Raymond Goethals erhoben. Dieser ließ seine Karriere in Belgien als Sportdirektor beim RSC Anderlecht ausklingen, kehrte dort 1995/1996 nochmals als Feuerwehrmann auf die Bank zurück, beendete im Alter von 75 Jahren seine Trainerkarriere. Belgische TV-Zuschauer konnten sich von da an bis zu seinem Tod über treffende und spitze Kommentare in Sachen Fußball erfreuen, Qualm inklusive.

Raymond Goethals gehört längst zu den Ikonen des belgischen Fußballs. Nah bei den Fans, sich einer einfachen wie verständlichen Sprache bedienend, die nie ihren Brüsseler Akzent verleumdete, gilt er nachfolgenden Generationen als eine Art Übervater des belgischen Fußballs. Ehrfurchtsvoll und dankbar erinnert sich Belgien an „Raymond, den Hexenmeister“. Am derzeitigen Aufwind der belgischen Nationalmannschaft hätte dieser Zauberer seine Freude und würde sich genießend eine letzte Zigarette anzünden.

Redaktion Magath & Fußball

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