Árpád Weisz


Veröffentlicht am 8. November 2013

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Der Ungar mit den drei Scudetto

Gedenktafel für Árpád Weisz in Mailand

Gedenktafel für Árpád Weisz in Mailand

Das Gegenteil von Gleichgültigkeit ist Erinnerung. Jahrzehnte nach seinem Tod attestierte man ihm, er wäre seiner Zeit voraus gewesen. Erfolgreiche italienische Trainer beriefen sich lange auf seine Methoden. Árpád Weisz sah und behandelte den Fußball ganzheitlich, überließ nichts dem Zufall. Heute ist der Mann außerhalb von Mailand und Bologna fast vergessen, dort wird inzwischen ehrend an ihn gedacht. Die Vereine Inter Mailand und der FC Bologna zollen Respekt. Weisz Schicksal ist in anderen Fußballkreisen dagegen kaum noch bekannt, nur Insidern oder Historikern ein Begriff. Mit drei gewonnenen Meisterschafen zählt Weisz bis heute zu den erfolgreichsten Trainern der Serie A Geschichte.

Árpád Weisz wurde am 16. April 1896 im k.u.k. Österreich in der kleinen ungarischen Stadt Solt geboren. Wie alle Kinder dieser Zeit spielte auch er Fußball. Das Spielgerät oft eine Kugel Stofflumpen, ein Ball war eher Rarität. Mit beidem konnte Árpád besser umgehen als der Rest seiner Freunde. Der Fußball wurde sein Schicksal. Späher aus Budapest entdeckten den Könner vom Land und holten ihn zu Törekvés SC, dem Eisenbahnclub der Hauptstadt. Dort wurde Weisz Teil einer berühmten Flügelzange, gemeinsam mit seinem Freund Ferenc Hirzer. Beide hatten großen Anteil an den Leistungen des kleinen Vereins, wurden in die ungarische Nationalmannschaft berufen. 1922 gab Weisz dort sein Debüt, brachte es auf 7 Länderspiele. Das Nationalteam verhalf ihm auch zur ersten großen Reise, er nahm an der Olympiade 1924 in Paris teil. Dort zwar nicht eingesetzt aber voller Erlebnisse, von denen er noch in seinen späteren Trainertagen erzählte. In der Saison 1923/24 verließ Weisz Ungarn, heuerte in der Tschechoslowakei bei Makkabi Brünn an. Auch dort zeigte er Spielstärke, wurde Publikumsliebling. Allerdings wanderte er ein Jahr später nach Italien aus, verliebte sich umgehend in das mediterrane Land.

Im Norden Italiens verschlug es ihn nach Padua zu Calcio Padova. Dort nutzte er seine Freizeit für Ausflüge in das nahe Venedig. Padua hatte eine Saison Freude an dem hochintelligenten Spieler, der US Alessandria verpflichtete Weisz als Spieler und Co-Trainer. Weisz verstand etwas vom Spiel. Kaum bei Alessandria, wurde man in Mailand bei Inter aufmerksam, verpflichtete Weisz zur nächsten Spielzeit. In seiner ersten Inter Saison erzielte er in 11 Einsätzen 3 Tore. Weil er Spiel und Gegner jederzeit analysierte, wurde er zur nächsten Saison sofort Trainer von Inter, beendete damit seine aktive Spielerlaufbahn. Sein erstes Trainerjahr endete auf einem Mittelplatz. Weisz wollte mehr und sich aus diesem Grunde fortbilden, eine Rarität im damaligen Fußballuniversum. Er ging nach Südamerika, die Spielweise der Südamerikaner faszinierte ihn. In Mailand übernahm derweil sein ungarischer Landsmann József Viola das Training, mit dem er schon gemeinsam bei Törekvés spielte.

FC Bologna und AC Milan erinnern an Meistertrainer Weisz

FC Bologna und Inter Mailand erinnern an Meistertrainer Weisz

Nach seiner Rückkehr wurde Weisz bald wieder Cheftrainer bei Inter. Der Club hatte inzwischen – auf Druck des Faschistenführers Mussolini – mit anderen Vereinen fusionieren und sich in AS Ambrosiana umbenennen müssen. Grandiose Spieler der Mannschaft waren der legendäre Giuseppe Meazza und sein kongenialer Partner Luigi Allemandi. Ihr Trainer Weisz setzte sie mannschaftsdienlich ein. Spieler und Team schöpften ihr Leistungsvermögen aus, holten hervorragende Ergebnisse und gewannen den Meistertitel der Serie A. Damit wurde Árpád Weisz der jüngste Trainer, der jemals eine italienische Meisterschaft geholt hat. Weil Inter 1930 im einzigen europäischen Wettbewerb (Mitropapokal) dieser Epoche im Halbfinale scheiterte und in der Meisterschaft nur auf dem fünften Platz einlief, wurde Weisz entlassen. Schon damals waren Mailänder Klubs ehrgeizig, Trainer schnell verabschiedet. Zu dieser Zeit brachte Weisz auch ein Fußball-Lehrbuch mit dem Titel „Il Giuoco del Calcio“ heraus. Jahrelang begehrte Lektüre angehender Übungsleiter in Italien.

Der gefragte Fachmann Weisz übernahm den Aufsteiger AS Bari, schaffte mit dem Team aus dem Süden den Ligaerhalt, was viele Experten der Mannschaft nicht zugetraut hatten. Inter spielte dagegen nach Weisz unansehnlich und erfolglos, deshalb setzten die Vereinsoberen alles daran Weisz zurückzuholen, was ein Jahr später auch gelang. Mit Weisz wurden die Mailänder zweimal Vizemeister hinter Juventus. Außerdem gelangte man ins Finale des Messepokals, wo man Austria Wien in Hin- und Rückspiel unterlag. 1934 verließ Weisz Inter endgültig, machte Zwischenstation beim Zweitligisten Novara Calcio und heuerte im Verlauf der Saison 1934/35 bei AGC Bologna an. Den Club führte er aus dem Tabellenkeller auf einen Mittelfeldplatz und dann in den beiden darauf folgenden Spielzeiten zu zwei umjubelten Meisterschaften. Der Trainer der Bologneser galt zu dieser Zeit als bester Fußballfachmann Italiens, von Fans und Spielern gemocht wie geschätzt. Diese Sympathie nutzte dem ungarischen Juden Weisz nichts, der Rassenwahn der deutschen Nazis war inzwischen auch Politik der italienischen Faschisten. Für Weisz wurden das Leben und die Arbeit schwer, mit schlimmem Ausgang war zu rechnen. Árpád Weisz musste – wie viele andere Verfolgte – Italien verlassen. Von Protesten in  Stadien oder bei Vereinen ist nichts bekannt, die schweigende Mehrheit sah gleichgültig weg, ließ Zivilcourage vermissen. Das geschichtliche Unglück und das Wirken der Verbrecher konnten einen ungehinderten Lauf nehmen.

Im Frühjahr 1939 ging Weisz nach Holland, übernahm dort den kleinen FC Dordrecht. Er sicherte den Klassenerhalt, schaffte in den nächsten beiden Jahren jeweils einen fünften Platz, beachtlich für diesen kleinen Club. Es wurde still um Weisz, Holland war nicht die große Fußballbühne. Allerdings war Fußball auch unbedeutend geworden, es ging nur noch ums pure Leben. Mit der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht 1940 griff latente Lebensgefahr in die Welt von Árpád Weisz. Er hatte Arbeitsverbot, die Lebensbedingungen seiner Familie wurden unhaltbar. Dann griff die Mordmaschinerie der Nazis nach ihm und seiner Familie. Als Jude wurden er und seine Lieben 1942 verhaftet und schließlich in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Die Spur verliert sich schnell, die Völkermörder löschten auch diese Existenzen aus. Seine Frau und seine zwei Kinder wurden laut Archiven am 5. Oktober 1942 in Birkenau ermordet, Árpád Weisz überlebte als Arbeitssklave in den Händen seiner Mörder etwas länger, wobei „überleben“ nur zynisch klingen kann. Im Januar 1944 wurde Weisz in Auschwitz umgebracht. Frühes Trainergenie, sportliche Erfolge, große Titel und ein grausames Schicksal in finsterer Zeit. Ehre dem Andenken von Árpád Weisz. Das Gegenteil von Gleichgültigkeit ist Erinnerung.

Mahnmal Auschwitz-Birkenau

Mahnmal für die Opfer im ehemailigen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau

Redaktion Magath & Fußball

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