Rasenschach und Titelkampf


Veröffentlicht am 9. November 2013

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Fußballbegeisterter Norweger greift nach der Schachkrone

Viswanathan Anand (links) und Magnus Carlsen kämpfen im indischen Chennai um die Schachkrone. Hier sitzen sich die beiden bei den Chess Classics 2008 in Mainz gegenüber.

Viswanathan Anand (links) und Magnus Carlsen kämpfen im indischen Chennai um die Schachkrone. Hier sitzen sich die beiden bei den Chess Classics 2008 in Mainz gegenüber.

In der Branche Fußball wird sich leidenschaftlich und leutselig fast „zu Tode geduzt“, wer nicht mitmacht, der gehört nicht zur Familie. Solche Usancen sind im Schach eher unüblich, eine Ausnahme ist der amtierende Weltmeister, der Inder Viswanathan Anand. Diesen nennt jeder nur „Vishy“, mittlerweile Marken- und Spitzname des indischen Ausnahmespielers. Im Zusammenhang mit „Vishy“ gibt es noch ein zweites, ständig wiederholtes Wort: „nett“. Ein netter Weltmeister. Schachlegende Viktor Kortschnoi sagte vor Jahren über die Schachgeneration von Anand: „Die mögen sich alle – entsetzlich. Zu meiner Zeit hat man die Gegenüber noch gehasst.“ Nicht umsonst trägt Kortschnoi sein ganzes Schachleben den Beinamen „Viktor, der Schreckliche“.

Der „Schreckliche“ mit dem kämpferischen Schachherz saß am 29. Dezember 2004 im stolzen Alter von 73 Jahren – während eine Turniers in der Nähe von Oslo – einem 14-jährigen Norweger gegenüber, den er nach 40 Zügen mit der Tarrasch-Verteidigung im Damengambit besiegte. Der Junge auf der anderen Seite des Bretts hieß Magnus Carlsen und hatte sich gegen die Schachlegende bravourös geschlagen. Kortschnoi war sich nach dem Spiel sicher, „dieser Knabe wird uns eines Tages fressen“. Er sollte Recht behalten – nun ist angerichtet. Magnus Carlsen ist inzwischen 22 und hat in den acht Jahren nach dieser Begegnung die Schachwelt verändert wie vor ihm wohl nur noch Bobby Fischer und Gari Kasparow. Jetzt geht er in den finalen Kampf um den WM-Titel. Viele Schachfreunde, unter ihnen auch Helmut Schmidt, Otto Schily, Matthias Deutschmann und Felix Magath, erwarten gespannt und neugierig die Partien.

Nach den Leistungsdaten des Schach-Weltverbandes FIDE und seinen Ratingzahlen, ist Magnus Carlsen der höchstbewertete Schachspieler der Schachgeschichte, liegt damit auch vor Fischer und Kasparow oder dem sagenumwobenen Michail Tal. Der aus der norwegischen Provinz Vestfold stammende Carlsen hat in den letzten Jahren die Weltelite vom Brett gefegt, allesamt Statisten auf dem Weg nach oben. Sein Schach trägt das ständige Zeichen der Genialität, ohne dabei seinen nüchternen Pragmatismus zu verlieren, darin und in der eisernen Willensstärke dem Ex-Weltmeister der Fünfziger und Sechziger Jahre, Michail Botwinnik, nicht unähnlich. Magnus Carlsen ist nicht mit Schachbüchern, sondern mit dem Schachcomputer und elektronischen Datenbanken groß geworden, ein Spieler der anderen Art, Bote eines neuen Zeitalters. Laut eigener Aussage spielt er aber nie gegen den Computer, immer nur gegen Menschen. Kaum jemand zweifelt an seinem Sieg gegen den freundlichen Herrn Anand, den auch Carlsen „Vishy“ nennt. Der Heimvorteil für Anand, man spielt an dessen Wohnort im indischen Chennai einen Zweikampf über zwölf Partien um 2,5 Millionen Dollar Preisgeld, wird diesem wohl nicht viel nützen. Die Chancen, Carlsens Griff nach der Krone zu verhindern, scheinen gering für den 43-jährigen Inder, der diese Krone seit 2007 trägt. Aber wie im Fußball ist auch im Schach eine Menge möglich und manche vorschnelle Prognose zerfällt zu Staub. Anand ist ein ganz Großer seines Fachs, ein würdiger Weltmeister, ein Genie der 64 Felder, wie Alexander Aljechin, Bobby Fischer oder eben Magnus Carlsen ist er nicht. Aber schon auf dem Schlachtfeld zu Waterloo siegte die kühle Berechnung über das gleißende Genie. Der Verlierer von Waterloo galt als guter und leidenschaftlicher Schachspieler…

Magnus Carlsen beim Fußball

Magnus Carlsen beim Fußball

An Magnus Carlsen fasziniert über den brillanten Schachverstand hinaus auch seine unbändige Lust auf Fußball. Wenn es die Zeit erlaubt, verlässt er auch mal die 64 Felder und begibt sich auf das Feld mit den zwei Toren. Gemeinsam mit seinem Vater und Gleichgesinnten spielt er dann mit Ehrgeiz Fußball. Oft mit dem Vater in einem Team. Beide beleben das Wort Rasenschach in seiner schönsten Bedeutung. An Turnierorten der Schachwelt reizt Carlsen die Möglichkeit, dort Fußball spielen zu können fast so stark wie das ausgelobte Preisgeld und der Turniersieg. Eben ein echter Sportler und bald wohl auch ein großer Weltmeister. Haupttäter in Sachen Fußballleidenschaft von Magnus Carlsen ist wohl dessen Trainer Simen Agdestein. Dieser gilt als einzige Sport-Doppelbegabung in der Schachgeschichte. Im Fußball brachte es der für SFK Lyn Oslo stürmende Agdestein auf acht Spiele in der norwegischen Fußballnationalmannschaft. Sogar ein Auslandsangebot lag ihm vor, Beşiktaş Istanbul wollte ihn 1989 verpflichten. Da betrieb Agdestein aber schon „nebenher“ seine Schachkarriere, seit 1985 gehörte er dem elitären Kreis der Schachgroßmeister an, der höchsten im Schach zu vergebenden Würde, und spielte regelmäßig auf Weltklasseebene.

Noch heute, trotz Weltruhm und einem kleinen Vermögen, lebt Magnus Carlsen bei seinen Eltern. Sein Vater war ihm ständiger Begleiter, Helfer und Trainer beim Aufstieg in den Schacholymp, ist ihm guter Freund und ehrlicher Berater. Über den Vater sagt Carlsen „er ist intelligenter als ich“ und teilt dessen Fußballleidenschaft. Auch diese Familiensymbiose machte die Karriere des Magnus Carlsen möglich und sorgte für dauernde Bodenhaftung beim neuen Weltstar des Schachs. Magnus ist dankbar für die Unterstützung, viele Jahrzehnte nach Bobby Fischer ist Carlsen immerhin wieder ein Schachspieler, der auch außerhalb der Schachszene für Furore und einen riesigen Medienhype sorgt. Dieser Trubel nervt ihn allerdings. Interviews von ihm lesen sich sehr analytisch und strukturiert, ähnlich seinem Partieaufbau. Wohl fühlt er sich in solchen Gesprächen nicht, er akzeptiert aber ihre teilweise Notwendigkeit und das Interesse.

Magnus Carlsen redet nicht gern, er spielt lieber und will dabei immer gewinnen. Remis sind ihm ein Graus, darin gleicht er „Viktor dem Schrecklichen“, für den jedes Remis eine Art Verrat am Spiel war. Wenn Carlsen den Titel aus Indien mitbringen sollte, wird er in Begleitung des Vaters nach Norwegen zurückkehren. Kenner und Freunde halten es für gut möglich, dass dann kein Champagner in Gläser fließt, sondern nach dem Abstellen der Koffer erst einmal ein bisschen Fußball hinter dem Haus gespielt wird. Skål!

Redaktion Magath & Fußball

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