Brasilien WM 2014 (IV) – „Mythos Maracanã“


Veröffentlicht am 11. November 2013

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Im „Maracanã“ Stadion findet das Endspiel der WM 2014 statt

Karneval in Rio

Wahrzeichen von Rio de Janeiro, ein historisches Monument inmitten der Millionenmetropole. Fußballer und Fans bekommen glasige Augen, wenn sie den Namen „Maracanã“ hören. Nirgendwo sonst ist die Atmosphäre so einzigartig wie dort. Helden und Legenden des brasilianischen Fußballs sind in der Arena allgegenwärtig. Erbaut wurde es für die WM 1950. 11.000 Arbeiter aus allen Ecken des großen Landes werkten an diesem Symbol der Nation. Der Stolz quoll den Brasilianern aus dem Herzen. „Seit heute hat Brasilien das größte und beste Stadion der Welt, und damit eine wahrhaft einzigartige Bühne, auf der es der Welt seine sportliche Erhabenheit und sein überlegenes Können demonstrieren kann“, titelte Brasiliens größte Sportzeitung in völliger Bescheidenheit. 

100.000 Zuschauer feuerten mit Enthusiasmus ihre Seleção im „Maracanã“ an. Am Ende des Turniers stellte sich dieser latente Temperamentsausbruch eines ganzen Volk als vergeblich heraus. Nicht Brasilien sondern der winzige Nachbar Uruguay gewann den WM-Titel 1950. Die große Wunde in Brasiliens Fußballseele bis zum heutigen Tag. Aber 2014 soll alles anders werden, eine Nation hofft auf die zweite Chance. Ein zentraler Ort für diese Hoffnung ist das „Maracanã“, eine Kathedrale des Weltfußballs. Selbst der sachliche und lebensnahe Kapitän der brasilianischen WM-Elf von 1970, Carlos Alberto, lebende Legende auch er, spricht vom „Maracanã“ als einem „Tempel, ein heiliger Ort für jeden Fan und Spieler in Brasilien“. In diesem Tempel will Brasilien am 13. Juli 2014 das Endspiel bestreiten und es auch gewinnen.

Altes Maracana

Das alte „Maracanã“ Stadion.

Die Fans liefen mit heißblütigen Rhythmen und Sambatrommeln schon vor dem Stadiontor zur Höchstform auf, das neue „Maracanã“ wurde nach drei Jahren Bauzeit und umfassender Totalrenovierung mit einer gigantischen Eröffnungsfeier der Öffentlichkeit vorgestellt. Man zeigte der ganzen Welt die Lebendigkeit der Legende. Am 20. Mai 2013 folgte das erste Spiel im neuen Stadion. Fußball-Mutterland England war zu Gast und spielte gegen Brasilien, man trennte sich 2:2. Der Mythos „Maracanã“ im neuen Licht. Das Stadion soll nun wieder nationales Symbol für das WM-Turnier 2014 sein. Nicht nur die Nationalmannschaft verlässt sich auf den besonderen Zauber. Hier geht auch seit Jahr und Tag das legendumwobene „Fla-Flu“ über die Bühne – der heiße Fußballtanz zwischen Flamengo und Fluminense, neben Boca Juniors gegen River Plate wohl das spektakulärste Stadtderby im südamerikanischen Fußball.

Die architektonisch phänomenalen 60 Dachsäulen wurden erhalten und erneuert, tragen nun aber ein hochmodernes Membrandach, geplant von einem Stuttgarter Architekturbüro. Der gesamte Unterrang wurde abgerissen, verschwunden sind die legendären Stehplätze. Dafür wurde eine neue Tribüne mit besseren Sichtverhältnissen errichtet und die Bestuhlung komplett erneuert. „Maracanã“ hat viel von der äußeren Form bewahrt, im Innern erinnert nichts mehr an die alte und große Zeit. Über das heutige Spielfeld und den Rasen schwärmt der etwas pummelig geworden Ronaldo: „Ein perfektes Feld, der Ball läuft schnell wie beim europäischen Fußball.“

Nicht nur Wehmut wegen des alten „Maracanã“ oder totale Vorfreude auf das neue „Maracanã“ bestimmt die Szene. Auch Ohnmacht wurde ein unschönes Symbol der Erneuerung. Eine beliebte Schule musste den Umfeldbauten weichen, die Kinder und deren Eltern sind bis heute fassungslos, die Umsiedlung hat sie getroffen. Dergleichen erging es einem Wohnviertel für Arme, es wurde abgerissen, Parkplatzanlagen finden darauf nun ihren Platz. Das älteste Indianermuseum Südamerikas fand ebenfalls keine Gnade vor den Augen der Bauherren, WM-Organisatoren und FIFA-Funktionären, es musste den Baukränen und Sicherheitsvorschriften weichen. Es bleibt viel Schmerz zurück. Den Ruf, eine Stätte für alle Brasilianer zu sein, hat das „Maracanã“ wohl längst für immer verloren. Die Fußballromantik stirbt nicht nur in Europa.

Garincha

Mané Garrincha (1933-1983) gilt in Brasilien bis heute neben Pelé als größter Fußballer aller Zeiten.

Was für Erinnerungen! Die größten Spieler Brasiliens, die auch zu den größten Sportlern des Weltfußballs gehörten, wie Pelé, Garrincha, Tostão oder Zico haben auf diesem Rasen große Spiele für die Ewigkeit gezeigt, wurden vor den Augen von 200.000 Zuschauern zu Legenden und mythisch verklärten Halbgöttern. Pelé, der wohl beste Fußballspieler aller Zeiten, schoss hier am 19. November 1969 das 1000. Tor seiner Karriere und nahm an diesem Ort am 18. Juli 1971 seinen Abschied aus der Seleção, wurde dabei von 180.000 Zuschauern tränenreich wie dankbar begleitet. Nur Garrincha kam dem großen Pelé gleich. Ihn liebten die Leute wegen seiner Schlichtheit. Er war arm wie sie, er liebte die Menschen und leidenschaftlich die Frauen, 14 Kinder hat er hinterlassen. Am Ende fiel er tief, Alkohol und Elend prägten seine letzten Lebensjahre. Vor seinem Fußballspiel und seiner Ballbehandlung verbeugt sich auch der große Pelé bis zum heutigen Tag in Ehrfurcht. Gegenspieler mussten sich an der Eckfahne festhalten, weil er sie gerade schwindelig und an den Rand einer Ohnmacht gespielt hatte. Gegen seine Dribblings wirken die eitlen Zauberstücke eines Cristiano Ronaldo infantil. Ein Garrincha diente nicht sich, sondern stets seinem Team. Selbstverklärende Eitelkeit war ihm fremd. Ein Volksheld in des Wortes größter Bedeutung. Am 20. Januar 1983 wurde sein Leichnam im Stadion aufgebahrt, tausende Fans zogen an seinem Sarg vorbei und erwiesen ihm die letzte Ehre. Auf dem Rasen seines „Maracanã“ war Garrincha da schon längst in die Unsterblichkeit eingezogen.

Trotz Pelé und des verehrten Garrincha, König des „Maracanã“ ist bis zum heutigen Tag Zico. Der Spieler von Flamengo – er ein Mittelfeldspieler und kein Stürmer – schoss hier in 435 Spielen sensationelle 333 Tore. Alle diese Spieler sind unvergessen und gehören zur ewigen Ruhmeshalle des brasilianischen Fußballs und des „Maracanã“. Den Einzug in diese Halle des Ruhmes erwartet ganz Brasilien im Jahr 2014 von einem gewissen Neymar da Silva Santos Júnior. Kann er die Last dieser Erwartung so glanzvoll tragen wie beim Confed-Cup im Jahr 2013, dann hat Brasilien eine große Chance, den Titel im Land zu behalten und Neymar die Möglichkeit, das „Maracanã“ in Ekstase zu versetzen.

Neues Maracana

Das „Maracanã“ Stadion nach seinem Umbau.

Beschäftigung mit dem „Maracanã“ ist für Brasilianer gleichermaßen Zeitreise in eine längst verklärte Vergangenheit und ein Ausblick in oft nicht erfüllbare Zukunftsträume. Der nächste große Traum heißt Weltmeister 2014. Im „Maracanã“ soll er in Erfüllung gehen. Ein letztes Wort sei Carlos Alberto gewährt: „Auch diese Weltmeisterschaft wird einmal beendet sein, die FIFA wird gehen. Die Menschen, der Fußball und das „Maracanã“ werden bleiben.“

Redaktion Magath & Fußball

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