Die Wüste lebt


Veröffentlicht am 17. November 2013

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Stadionplanung in Katar schreitet voran

Unglaublich aber wahr: In Lusail soll bis 2022 eine gigantische und hochmoderne Fußballarena entstehen, die nach ihrer Fertigstellung Platz bieten wird für 86.250 Zuschauer. Doch was passiert, wenn das WM-Scheinwerferlicht eines Tages weiterzieht?

Unglaublich aber wahr: In Lusail soll bis 2022 eine gigantische und hochmoderne Fußballarena entstehen, die nach ihrer Fertigstellung Platz bieten wird für 86.250 Zuschauer. Doch was passiert, wenn das WM-Scheinwerferlicht eines Tages weiterzieht?

Winter, or not winter, that is the question. Und genau diese Frage ist noch nicht entschieden. Mühlen von hohen Fußballfunktionären und den Gremien, worin diese sich oft und gern aufhalten, malen sehr langsam. Da kann noch mancher Sommer ins Land gehen. Ob der Sommer in Katar zu heiß oder der Winter an gleicher Stätte kalendarisch zu unwirklich, daran reibt sich von FIFA bis UEFA die maßgebende Fußballwelt. Der Fan kommt aus dem Staunen nicht heraus und schaut von Ferne verblüfft auf die Szenerie. Ganz nebenher gestalten sich in Katar Stadionpläne, die in ihrer Dimension und in den futuristischen Planungen an den Weltendesigner Slartibartfaß erinnern, der in „Anhalter durch die Galaxis“ die abhanden gekommene Welt erneut erschafft.

In einem epochalen Werk der Kinogeschichte, weit ab von fernen Galaxien aber mitten in der Wüste, lässt Regisseur David Lean seinen Darsteller Alec Guinness in der Figur des Prinzen Feisal sagen: „Kein Araber liebt die Wüste. Wir lieben Wasser und grüne Bäume. In der Wüste ist nichts. Kein Mann braucht nichts.“ Ob Drehbuchfreiheit oder Originalzitat, dazu müsste man wohl T. E. Lawrence „Die sieben Säulen der Weisheit“ lesen. Mit einiger Weisheit und noch mehr Geld wird im Moment auf einem großen Stück von diesem „Nichts“ die Phantasie der Menschen animiert, damit diese sich dort das Finalstadion der WM 2022 vorstellen können. Wer die Finanzkraft der Golfstaaten kennt, wird aber schon jetzt an der baulichen Umsetzung keinerlei Zweifel hegen. Das „Lusail Iconic Stadium“ soll Prachtstück dieser WM im Orient werden. Geplant wird der Spektakelbau von einem Architekturbüro der Weltklasse, keine Geringeren als das Team von Norman Foster machten sich ans Werk. Wo es berühmt, teuer und grandios, wo Architektur in eine neue Dimension vorstößt, dabei auch ein bisschen Geschichte schreibt und sogar die Ewigkeit streift, da sind Sir Norman und seine Partner nicht weit. Reichstag Berlin, Britisches Museum London oder Trust Tower Abu Dhabi sind Prestigeprojekte des Stararchitekten. Aber auch im Sport gibt es hervorragende Referenzen, diese reichen vom neuen Wembley-Stadion bis zum Umbau des Camp Nou in Barcelona. Die 1,7 Millionen Einwohner von Katar bekommen also einen Fußballtempel mit dem Fassungsvermögen von 86.250 Zuschauern. Dazu noch acht weitere Stadionneubauten mit einem Fassungsvermögen von 40.000 bis 60.000 Zuschauern. Manche Fußballnation wird wohl vor Neid noch erblassen. Ob mehr wegen der architektonischen Pracht oder dem unerschöpflichen finanziellen Reservoir sei an dieser Stelle dahin gestellt.

Das gigantische Endspiel-Stadion, bisher nur auf dem Reißbrett und in Planungsstäben lebendig, schlägt schon erste mediale Wellen, genährt aus vielen Spekulationen und Verlautbarungen. Die Extremhitze soll „eingefangen“ werden und das Stadion mit Solarstrom und Solartechnik versorgen, dabei durch energieeffiziente Technologie klimatische Bedingungen schaffen, die den Sommer für jeden Besucher vergessen machen. Man darf gespannt sein, wie viel Sonnenenergie in kühle Luft umgewandelt werden kann, um nicht nur den Fans, sondern auch den Akteuren auf dem Rasen eine kühle Brise zu verschaffen. Auf einer nahezu kreisförmigen Grundfläche soll sich der Stadionbau befinden, umgeben von einer Wasseranlage, die Zuschauer überqueren diese über sechs Brücken. Das Dach soll den Eindruck eines frei über den Plätzen schwebenden Deckels vermitteln. Nach der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft soll das Stadion dann für andere spektakuläre sportliche und kulturelle Veranstaltungen genutzt werden. Man fragt sich: Für welche? Ähnliches sagte man ja auch über das „Cape Town Stadium“ in Kapstadt Südafrika, die eindrucksvollste Spielstätte der WM 2010. Heute wird in Südafrika bereits unverhohlen über den Abriss dieses Fußballtempels am Kap fabuliert. Die Kosten für den Unterhalt sind kaum noch zu stemmen. Daran wird es allerdings in Katar auch nach der WM sicher nicht scheitern.

Sheikh Mohammed bin Hamad bin Khalifa Al Thani, Vorsitzender des Organisationskomitees der Fußball-WM 2022 in Katar (links), und FIFA-Präsident Joseph S. Blatter.

Sheikh Mohammed bin Hamad bin Khalifa Al Thani, Vorsitzender des Organisationskomitees der Fußball-WM 2022 in Katar (links), und FIFA-Präsident Joseph S. Blatter.

Der Vorsitzende des WM-OK 2022, Sheikh Mohammed bin Hamad bin Khalifa Al Thani, sagte über den gigantischen Neubau: „Das Lusail Iconic Stadium wird der perfekte Veranstaltungsort für die Eröffnungsfeier und das Finale der WM. Dieses Stadion wird mit seinem Design und der Technologie eine neue Generation von regionalen und internationalen Sportstätten inspirieren. Umweltfreundliche Kühltechnologie, die ideale Bedingungen für Spieler und Zuschauer gewährleistet, bietet den Fans eine erfrischende und komfortable Umgebung.“

Eines ist Katar, den Architekten und vor allem der regionalen Hitze schon jetzt gelungen. Alles redet von Brasilien 2014 und kommt dann sofort auf die WM 2022, als gäbe es Russland 2018 nicht. In Sachen PR – beabsichtigt oder nicht – ein Punktsieg für Katar, dieser aber schnell verspielt. Monatelange Recherchen des Guardian ergaben ein verheerendes Baustellenbild in Katar. Auch deutsche Medien berichteten nach den ersten Meldungen ausführlich. Bei den Bauprojekten für die WM werden offensichtlich sogar Zwangsarbeiter beschäftigt. Arbeitern wurde monatelang Lohn vorenthalten, Arbeitgeber hätten Pässe einbehalten, damit die Arbeiter zu rechtlosen Illegalen gemacht. Es soll sogar Trinkwasser verweigert worden sein. Einige wurden zur Arbeit gezwungen, ohne Geld zu erhalten, mussten um Nahrung betteln. Das WM Organisationskomitee Katars zeigte sich nach den vorgelegten Recherchen „zutiefst besorgt“. Funktionäre der FIFA und deren Gremien wollen ebenfalls Auskunft und den Vorgang prüfen. In Deutschland haben DFB und DGB schon Protest formuliert. Auf den weiteren Verlauf der Angelegenheit darf man gespannt sein, der Guardian wird hinsehen. Solche Dinge lassen jeden Stadionglanz verblassen – Sommer hin, Winter her.

Redaktion Magath & Fußball

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