Mit breiter Brust


Veröffentlicht am 20. November 2013

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Der Sport und seine Lautsprecher

Schachgenie Bobby Fischer

Schachgenie Bobby Fischer.

Während der Schacholympiade 1962 faszinierte der 19-jährige Bobby Fischer bereits die anwesende Weltelite, darunter Weltmeister wie Botwinnik und Tal sowie die internationale Fachpresse, war Magnet für viele Fans. Einer jungen Frau gelang es, zum introvertierten Fischer vorzudringen, dem Schachgenie das große Programmheft mit der Foto-Doppelseite aller teilnehmenden Großmeister entgegenzustrecken, verbunden mit der Bitte, doch ein Autogramm auf sein Bild zu setzen. Mit seinem vollen Schriftzug überflog und zeichnete Fischer die gesamte Doppelseite. Auf die empörte Frage der Autogrammjägerin, wo denn nun noch Platz für die anderen Teilnehmer sei, antworte Fischer: „Die anderen sind Quatsch.“

Muhammad Ali nannte sich selbst „The Greatest“, was für ihn völlig normal und stets mit der Frage begleitet: „Wer sonst?“. Ali war nicht nur der beste Schwergewichtsboxer aller Zeiten – gegen ihn wirken nachfolgende Boxgenerationen wie pubertierende Schläger – er wurde auch folgerichtig zum Sportler des Jahrhunderts gewählt. Bücher über ihn tragen Titel wie „Supermann“, „King oft he World“ oder „Mehr als ein Champion“. Pelé, stets von der Frage genervt, wer nun der beste Spieler aller Zeiten, ob er oder Messi, gar Maradona, antwortet in brasilianischer Bescheidenheit: „Wer einmal tausend Tore geschossen, der möge anklopfen.“

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In unserer Zeit betreibt José Mourinho nicht viel Verschleierung, wenn es darum geht, wer wohl die Nr. 1 in der Trainerwelt. Während bei Pep Guardiola eine Art kollektiver Chor der Verklärung im Gange, erledigt Mourinho so etwas im Alleingang. Ein Mourinho braucht keine Trommler, er ist grandioses Orchester seiner selbst, eben „the Special One“. Wer einen Erbauungskurs zur Findung und Stärkung der eigenen Persönlichkeit buchen möchte, sollte das Geld sparen, sich lieber eine Pressekonferenz von José Mourinho gönnen. Große Unterhaltungskunst, profundes Fachwissen, rhetorische Finesse, eine Menge einnehmender Charme und viel Selbstbewusstsein werden einem in Übermaß geboten, man verlässt den Ort immer etwas klüger. Nicht unbedingt klüger wird man bei Erklärungen und Interviews von Zlatan Ibrahimović oder Cristiano Ronaldo, aber wer lernen will, was „eine breite Brust“, der ist da auch an einer guten und richtigen Adresse. Würde man nun noch Mario Balotteli erwähnen, öffnete sich wohl eine Art mediale Büchse der Pandora – lassen wir sie also zu. Außerdem ist da ja auch noch dieser Schmerz, ein Halbfinale im Juni 2012 zu Warschau…

Möge uns Normalsterblichen so mancher Spruch auch zu dicke und so manche Tat zu schrill, was wäre Sport ohne die lauten Typen? Laue Typen, die an entlegenen Orten Woche für Woche einzeln, als Duo oder Trio vor Mikrofonen und Stiften schlafwandeln, haben wir doch im Übermaß, ihre beliebigen Worthülsen locken doch nicht hinterm Ofen hervor. Ertragen wir also ab und an den Krach einer überlauten Minderheit und genießen diesen auch ein wenig. Der Sport hat darin wahrlich kein Alleinstellungsmerkmal, an platzendem Selbstbewusstsein mangelte es auch anderen Gesellschaftsbereichen nie. Für Franz Josef Strauß waren politische Konkurrenten geistige Pygmäen, für Helmut Schmidt wartende Reporter einfach nur Wegelagerer. Churchill und de Gaulle hielten nichts von Politikern, sie selbst ausgenommen, aber auch herzlich wenig voneinander. Für den Schauspieler Oscar Werner bestand das Burgtheater nur aus Nieten, der berühmte Dirigent Toscanini bezeichnete den nicht minder berühmten Konkurrenten Furtwängler als „genialen Dilettanten“, Thomas Mann spottete über den erfolgreichen Lion Feuchtwanger und rümpfte die Nase über Remarque. Wer je ein Interview mit Fritz J. Raddatz gelesen oder eines mit Karl Lagerfeld gehört, weiß um die Eitelkeit dieser Welt. Alles nicht unter dem Siegel der Verschwiegenheit, sonderrn oft und gern im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Eben nicht nur Sportler tragen ihre persönliche Haut zu Markte. Viele Bereiche der Gesellschaft sollten den spitzen Finger Richtung Sport also tunlichst vermeiden, man sitzt oft im Glashaus.

In jedem Brunnen in Versailles gab es einen Hecht, der die Karpfen aktiv hielt, sonst würden sie zu fett und bequem werden. Wir alle kennen das Sprichwort. Genießen wir die Vielfalt der Karpfen und erfreuen uns der Anwesenheit einiger Hechte, die uns das trübe Wasser der Beliebigkeit ab und an aufklaren.

Redaktion Magath & Fußball

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