Walter Frosch


Veröffentlicht am 3. Dezember 2013

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Mensch, Fußballer und Original

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Walter Frosch mit Bernd Hollerbach und Felix Magath

Diese Kerze brannte an zwei Enden, ist nun verglüht. Ein hanseatischer George Best. Aber nicht von der Elbe kam der St. Paulianer, sondern vom Rhein. Im Rückblick war Walter Frosch mehr als Fußballer, Original oder Füllhorn voller Anekdoten, er war ein Mensch. Keine Weltklasse auf dem Platz, kein Überflieger im Leben, aber ein aufrechter Freund seiner Freunde und gerader Typ mit Ecken und Kanten. Er konnte Fußball spielen, mit Einsatz und Herz. Nun hat wieder ein Charaktertyp die Fußballbühne und das Leben endgültig verlassen. Trauergäste in Ohlsdorf verbeugten sich vor Walter Frosch, um hanseatisch Tschüs zu sagen. Uwe Seeler, Felix Magath, Bernd Hollerbach und Horst Hrubesch, Jürgen Stars und Manfred Kaltz, natürlich viele St. Pauli Ex-Profis, auch Spieler aus dem heutigen Team, erwiesen Walter Frosch die letzte Ehre. Die Liste der Teilnehmer war lang. Uwe Seeler brachte es auf den Punkt: „Walter war ein Kämpfer.“

St. Pauli Kapitän Fabian Boll zollte Respekt: „Er hat immer seine Meinung gesagt. Auch, wenn er damit andere vor den Kopf gestoßen hat.“ An welchem Fußballstandort Walter Frosch heute immer auch auftauchte, die Fans würden ihn mögen. Gelegenheiten, um Leute „vor den Kopf zu stoßen“, wären reichlich gegeben. Mancher Herr Nichtig wandelt heute als Herr Wichtig in Vereinen. Der Fußball macht sie groß und sie den Fußball klein. Marketingvorstände beherrschen den Tagesbetrieb, machen den Fan zum Kunden, den Verein zum Unternehmen, das Spiel zum Event. Die Wahrheit liegt schon lange nicht mehr auf dem Platz, der Ursprung des Fußballs weicht elitärem Hochglanz. Eine neue Wahrheit kommt vermarktet daher. Auf den Fluren der Clubs erdenken Marken-Kräfte unsinnigen Krempel, dessen Erschaffung der Menschheit per Vereinsnewsletter mitgeteilt wird. Währenddessen fleischgewordene Weichspüler in vereinseigenen Medien die Fußballsprache glatt bügeln. Für Walter Frosch wäre da kein Gedeihen, sein Hang zum klaren Wort hat längst die Fußballheimat verloren. Er ließ sich zeitlebens nicht glätten, blieb Meister der deutlichen Ansage. Obrigkeit war ihm schnuppe. Bundestrainer Jupp Derwall „erfreute“ Frosch 1976 mit einer Berufung in die B-Nationalmannschaft und holte sich von diesem einen sagenumwobenen Satz ab, längst Hochkultur im Tempel der Fußballweisheiten: „Ein Walter Frosch spielt nur in der A-Mannschaft oder in der Weltauswahl.“

Geboren wurde der Charaktertyp Walter Frosch am 19. Dezember 1950 in Ludwigshafen am Rhein. Es ging hoch hinaus, eine Schornsteinfegerlehre brachte ihn auf die Dächer seiner Heimat. Dort herabsteigend ging er bei Arminia Ludwigshafen Fußball spielen. Der 19-Jährige wechselte in der Spielzeit 1969/70 in die Regionalliga Südwest zum legendären SV Alsenborn. Von 1970 bis 1974 war Walter Frosch in Alsenborn ein geachteter Abwehrspieler, der weder Tod noch Teufel, schon gar nicht Gegner oder Schiedsrichter fürchtete. Bald rissen und stritten sich der 1. FC Kaiserslautern mit dem FC Bayern um Walter Frosch, sein Defensivspiel hatte sich herumgesprochen. Frosch reiste dem Streit davon, ging nach Mallorca, wartete das Ergebnis ab. Er musste laut DFB-Urteil nach Kaiserslautern, wurde nebenher noch Opfer der Sportgerichtsbarkeit, vier Monate Sperre. Am 23. November 1974 – einst sein Todestag im Jahr 2013 – das Bundesligadebüt. In der Saison 1975/76 war er Stammspieler in Kaiserslautern, hatte großen Anteil am Erreichen des DFB-Pokalfinales, welches aber gegen den HSV 0:2 verloren ging.

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Walter Frosch (links)

Für Walter Frosch begann nicht etwa die große Kariere im Oberhaus, er ging bewusst zum FC St. Pauli in die 2. Bundesliga und machte sich auf in die Annalen des Weltfußballs. Frosch wurde international berühmt wie berüchtigt durch die Anzahl seiner Gelben Karten in der Zweitliga-Saison 1976/77. Die Zahl liegt im dunkel, Statistikfetischismus unserer Tage war in den Siebzigern noch keine Lebensphilosophie. 27 Karten sind offenkundig falsch, es sollen wohl realistisch 18 oder 19 mit der Postfarbe gewesen sein. So oder so ein Rekord. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es keine Sperren wegen der Anzahl Gelber Karten gegeben. Walter Frosch sorgte für eine Veränderung der Fußballgesetze. Der DFB führte bald nach dieser „Frosch-Saison“ die automatische Sperre nach vier gelben Karten ein.

Der Körpereinsatz hatte sich allerdings nicht nur für Fußballfolklore und Legendenbildung gelohnt. 27 Spiele wurden nicht verloren, die Abwehrleistung von Walter Frosch war ein Erfolgsgarant. Nach dieser Saison 1976/77 feierte er mit St. Pauli den Aufstieg in die Bundesliga. Die neue Bundesligasaison brachte Walter Frosch allerdings langwierige Ausfälle durch Verletzungen, damit konnte er nicht entscheidend helfen, den Abstieg zu verhindern. Als man St. Pauli Anfang der achtziger Jahre die Lizenz entzog, musste Walter Frosch in der Saison 1980/81 in der Amateuroberliga Nord antreten. Dort gewann er mit St. Pauli die Meisterschaft. 1982 wechselte er zum Altonaer FC, blieb der Stadt Hamburg treu und beendete nach der Saison 1984/85 seine aktive Laufbahn.

Als Kettenraucher und Kneipier hätte Frosch heute einen schweren Stand. An normalen Tagen kam er auf drei Schachteln, mit Alkohol auch auf vier. Vor Reportern, beim Training oder die Schachtel in den Stutzen, Walter Frosch mochte seine Zigaretten, stand auch dazu. Die Bekundung „Ich würde lieber eine rauchen als vögeln“, kam von Walter Frosch als dieser bereits schwer an Krebs erkrankt. Nach eigener Aussage hatte er nur einen schweren Gegner im Leben: „Die Kneipe.“ Mit einem Kater im Nacken und Schnäpsen im Blut, meldete er in einem Spiel gegen Schalke Nationalstürmer Erwin Kremers völlig ab. Die Hamburger mochten ihn auch deswegen, wählten Frosch in die „Jahrhundertelf“ des FC St. Pauli. In Zeiten inflationärer Gutmenschen erfreut man sich immer an den Unvollkommenen, die nicht heucheln, sondern leben und dabei glücklich scheinen.

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Fans auf St. Pauli nehmen Abschied von Walter Frosch

Walter Frosch lebte nach dem Fußball auch als Kneipenbesitzer. Seit 1996 bestimmte der Krebs seinen Lebenstakt. Operation auf Operation. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich ab 2008 rapide, raubte letzte Kräfte. Seinen Mutterwitz konnte ihm die Krankheit nicht nehmen. Am 23. November 2013 endete die Leidenszeit. Walter Frosch wurde 62 Jahre. Ein Kaliber seiner Sorte wäre im heutigen Fußballgeschäft undenkbar. Larmoyante Korrektheit ging Walter Frosch ab, er trug sein Herz auf flinker Zunge, sagte was er dachte, machte was er mochte. Deswegen wird er unvergessen bleiben. Ein ehrenvoller Nachruf dieser Tage sah ihn in der Weltauswahl im Himmel auflaufen. So soll es bitte sein. Dort wird er dann auf George Best treffen. Was sie sich wohl erzählen werden…

Redaktion Magath & Fußball

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