Brasilien WM 2014 (IX) – Tiger mit dem Goldfuß


Veröffentlicht am 14. Dezember 2013

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Arthur Friedenreich – Tore, Tore, Tore

Guter Recherche ist es zu verdanken, dass selbst Pelé heute noch leicht ins Stocken gerät, wenn von Arthur Friedenreich (rechts) die Rede ist. Auf 1.329 Tore soll dieser einst gekommen sein – hier leistet Südamerikakorrespondent Fritz Hack (links) wertvolle Aufklärungsarbeit.

Guter Recherche ist zu verdanken, dass selbst Pelé heute noch ins Stocken gerät, wenn von Arthur Friedenreich (rechts) die Rede. Der deutsche Journalist Fritz Hack (links) rechnet nach und liefert eine Zahl zum Staunen.

Pelé hebt den Finger – „1.000 Tore, dann möge man ihn ansprechen“. Mitleidig blickt er auf das Auditorium, wie oft soll er es eigentlich noch sagen! Gemeint sind vor allem Maradona und Messi und damit wohl alle Nachbarn aus Argentinien. Bester Spieler aller Zeiten, wie kann man daran zweifeln, Edson Edison Arantes do Nascimento schüttelt milde den Kopf. 1.281 Tore zieren immerhin die Krone auf dem Haupt von „O Rei do Futebol“. Sie werden es noch lernen! Altersmilde und mit sportlich federndem Gang geht der Mann davon, der als erster Profi die Fußballmassen um den ganzen Globus bewegte. Doch bei mancher Veranstaltung rufen ihm Reporter „Friedenreich“ nach, meistens sind es englische Journalisten, die immer etwas frecher und sowieso niemals Respekt vor einem Thron. Brasilianer wissen wer gemeint, Europäer stutzen und grübeln! Ein Runzeln der Stirn wischt dann für Augenblicke das legendäre Pelé-Lächeln weg, um sich sofort wieder einzufinden. Dann gibt’s auch von ihm gnädige Worte, ein „großer Mann“ oder „wunderbarer Spieler“ und Abgang von der Szene. Richtig böse bleibt er nicht, Leistung im Fußball hat er noch immer anerkannt. Diese sowieso – zumal noch ein Landsmann.

Dieser Landsmann behauptete bis an sein Lebensende, Brasilien hätte mit ihm noch einen Weltmeistertitel mehr auf der Kerbe. Umstehende, die nicht im brasilianischen Fußball beheimatet, befragen nochmals ihre Ohren, Blöcke und Aufzeichnungen. Friedenreich? Wer? Google bekommt schnellen Besuch. Im historischen Archiv der FIFA wird man staunend fündig. 1.329 Tore schoss dieser Mann, was auch für schlechte Mathematikschüler 49 mehr als beim großen Pelé. Nun erklärt sich wenigstens dessen kurzzeitige Stirnfalte. Arthur Friedenreich wurde am 18. Juli 1892 in São Paulo geboren, dort starb er auch am 6. September 1969. Zwischen 1909 und 1935 spielte sich bei Friedenreich offenbar ein aufregendes Fußballleben ab, dessen Geschichte nicht mehr ganz nachprüfbar, sich zwischen Legende und dem Vergessen bewegt, oft an Dichtung und Wahrheit gemahnt. Friedenreich spielte zu einer Zeit, wo das Radio die Menschen informierte, Spieler nur denen bekannt waren, die ins Stadion gingen oder einen Tag später eine Zeitung aufschlugen. Hype um Fußballer war in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts noch nicht angesagt. Ein Fußballer konnte ein großer Fußballer sein, von Fans geachtet und bewundert, ein Star war er nicht, die wurden im Fußball erst später erfunden.

Dem ewigen Vergessen entrissen wurde Arthur Friedenreich aber dankenswerterweise auch in unseren Breitengraden, „Der Spiegel“, „11 Freunde“ und mancher Artikel in Tageszeitungen haben in den letzten zehn Jahren an Arthur Friedenreich erinnert, last but not least gibt es noch den üblichen Wikipedia–Eintrag und einige Artikel in den Archiven von Tageszeitungen. Besonders verdient machte sich der junge Autor Martin Curi, der die Lebensgeschichte unter dem Titel „Friedenreich – Das vergessene Fußballgenie“ auf 140 Seiten erzählt. Das Buch – eine Meisterleistung der Recherche – erschien 2009 im Werkstatt Verlag. Friedenreich, nicht Legende wie Pelé oder Garrincha, auch durch dieses Buch dem Vergessen entkommen.

Wohl wirklich einer der ganz großen Ballzauberer Südamerikas, soll Friedenreich auch einer der größten Fußballer aller Zeiten gewesen sein. Die unvorstellbare Anzahl an Toren ist von Statistikern einigermaßen belegt, den Begriff „genialer Spieler“ findet man in uralten Archiven der Zeit. Dem Mann werden sogar „Erfindungen“ zugeschrieben, ein Begriff, mit dem man im Fußball als Alleinstellungsmerkmal immer etwas vorsichtig sein sollte. Körpertäuschung, angeschnittene Bälle und der Effet-Schuss seien angeblich vor allem von Arthur Friedenreich zum ständigen Stilmittel des Fußballs gemacht worden. Auch Fußballhistoriker widersprechen dieser Annahme nicht völlig. „Tiger mit dem Goldfuß“ nannten ihn seine Mitspieler, Freunde und Fans, bei 1.329 Toren durchaus angemessen. Sein Verein war der „Club Athletico Paulistano“, für den er von 1918 bis 1930 aktiv war und Tore wie am Fließband schoss. Weltruhm war damit aber nicht zu erlangen, so etwas gab es in diesen Zeiten nur für Charlie Chaplin oder Enrico Caruso.

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Friedenreich kam auf 17 Länderspiele, in denen schoss er acht Tore. Vom eigenen Nationalverband musste er als farbiger Spieler wie auch andere farbige Spieler rassistische Auswüchse ertragen, was einen weiteren Fleck auf die Fußballgeschichte dieser Zeit wirft. Dass er nicht an einer WM teilnahm, die erste Weltmeisterschaft 1930 im Nachbarland Uruguay lag ja auf der Hand für den besten Torjäger der Nation, hatte mit einer wahnwitzigen Entscheidung des brasilianischen Fußballverbandes zu tun. Wegen Querelen mit dem Stadtverband von São Paulo wurden Spieler aus dieser Stadt gesperrt. Brasilien scheiterte schon in der Vorrunde. Friedenreich war sich immer sicher, darin selbstbewusst wie Pelé, mit ihm im Team hätte man den Titel geholt. Immerhin gewann der Mann der vielen Tore 1919 und 1922 mit der Seleção die Südamerikameisterschaft.

Nach der Karriere ein unspektakuläres Leben. Arbeit ohne große Einkommen, auch einige Trainerjahre, eine schwere Krankheit und 1969 der Tod in ziemlicher Armut. Der brasilianische Fußball erinnert an Arthur Friedenreich mit einem Preis gleichen Namens. Der „Arthur Friedenreich-Preis“ geht jährlich an Spieler, die wettbewerbsübergreifend in einer Saison die meisten Tore erzielen. Ein gewisser Neymar erhielt den schon zweimal. In heutiger Zeit aktiv, wäre Arthur Friedenreich wohl dessen Mannschaftskamerad beim FC Barcelona, begehrtes Objekt der Begierde für Sportausrüster und Konkurrent auf den Thron des besten Spielers der Heim-WM 2014, eben ein Star.

Redaktion Magath & Fußball

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