Luis Suárez


Veröffentlicht am 18. Dezember 2013

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Genie und Dämon eines Torjägers

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Messi und Ronaldo, dieses Mal vervollständigt Ribéry das Trio. Egal, wer sich im Januar 2014 den „Ballon d’Or“ für den Weltfußballer in den Koffer packt, einen wird der Sieger dabei längst im Nacken spüren, verstecken muss dieser sich vor niemandem: Luis Suárez. Im Punktspiel seines FC Liverpool, gegen Tottenham am 15. Dezember 2013 in London, trug er erstmals die Kapitänsbinde der Reds, führte sein Team auf den Platz und zu einem triumphalen 5:0-Auswärtssieg. Die bis dato beste Saisonleistung der Mannschaft von der Anfield Road – ohne ihren etatmäßigen Kapitän Steven Gerrard. Von diesem steht ein Saisonziel im Raum: „Luis Suárez muss Champions League spielen.“

An der White Hart Lane wurde es dem mächtigen Spurs-Boss Daniel Levy blass um die Nase, blasser waren an diesem Tag nur noch Spurs-Manager André Villas-Boas und Englands Nationalcoach Roy Hodgson. Der weiß um das WM-Spiel England gegen Uruguay und wird sich die Frage stellen, wie man diesen Suaréz in den Griff bekommt. Sein Gesicht sah bei Abpfiff nicht nach einer Antwort aus. Beim Vorrundenaus, immerhin warten in der Gruppe noch die Italiener, könnte ihn das Schicksal von Villas-Boas ereilen, der einen Tag nach der Niederlage entlassen wurde.

Mit nach London war Reds-Legende Kenny Dalglish gereist, der auf der Tribüne Freude an dem Mann hatte, der seine Nr. 7 trug und zentraler Aktivposten dieses glanzvollen Sieges war, zwei Tore zum Debakel der Spurs beitrug. Zu schreiben, dieser Spieler habe den richtigen Biss, wäre zu platt, seine Beißattacken sollen aber nicht zugedeckt werden, sind die dunkleren Flecken auf der Karriereweste, die Vorwürfe wegen rassistischer Beleidigungen wiegen schwerer. Diese Schattenseite gehört zum Fußballer Luis Suárez, der oft einem lodernden Flammenmeer gleicht, wenn er im roten Trikot seines Teams gegnerische Strafräume als sein Hoheitsgebiet okkupiert und die dort ansässigen Abwehrspieler wie Betreiber einer Hobbysportart aussehen lässt. Das Torjäger-Gen brachte Suárez überall mit hin, in 110 Ajax-Spielen zwischen 2007 und 2011 waren es 81 Treffer.

Keiner hat den am 24. Januar 1987 geborenen Luis Alberto Suárez Díaz so geprägt und geformt wie sein Nationaltrainer Óscar Tabárez. Den Schliff zur Weltklasse und ein Auge für die Spielsituation verpasste ihm Tabárez mit einer Mischung aus Verantwortung und Strenge aber auch mit väterlicher Zuwendung. Dieser mit preußischer Strenge und großer Bildung ausgestattete Trainer hat Uruguay nach Jahren der Trostlosigkeit wieder an die Tafel der Großen des Weltfußballs geführt. Tabarez sieht in Suárez einen zentralen Baustein für die WM in Brasilien. Auf einen ähnlichen Trainer traf Suárez dann 2011 in seinem ersten Premier League Jahr in Liverpool. Kenny Dalglish ist nicht nur klassische Fußballschule, er war auch ein Weltklassestürmer der Superlative, in Suárez sah er den Torhunger, der ihn einst auszeichnete. Den sofortigen Einschlag in der Premier League verdankt Luis Suárez zu großen Teilen diesem Bruder im Geiste. Suárez dankte es Dalglish, dessen Nachfolger Rodgers und den Reds wie er es Tabarez dankte: mit Toren, Toren, Toren…

Mit jeder Faser seines Körpers saugt er das Spiel auf, schenkt sich und dem Gegner nichts. Ob der Teufel in ihn fährt oder der leidenschaftliche Fußballer mit ihm durchgeht, wer Luis Suárez bei einem seiner Ausbrüche auf dem Platz beobachtet ist sich bei der Beantwortung der Frage nicht mehr so sicher. Bändigen tun ihn definitiv keine Exorzisten, sondern Schiedsrichter mit Karten und Verbandsfunktionäre mit drakonischen Strafen. Erwischen tut ihn übrigens selten der Moment, als Vereinsspieler ist er noch nie vom Platz geflogen, obwohl er oft „rot sah“… Es sind die unbestechlichen Augen der TV-Technik, die ihm nach Spielende zum Verhängnis werden und natürlich die Zeugenaussagen von Gegenspielern vor diversen Schieds- und Sportgerichten. Dieser dunkle Schatten hängt über der Karriere des Luis Suárez.

Wie Felix Magath, für den Suárez „ein absoluter Vollblutfußballer“ ist, kommt auch sein Kollege Arsène Wenger ins Schwärmen, wenn er über den Uruguayer spricht. Jüngst im französischen TV redete er mit gewisser Faszination auch vom diabolischen Teil des Spielers Suárez: „I think that every defender in England hates playing against him. He has a strong, provocative personality. From the information I gathered on him it appears that on a day-to-day level he is really easy to work with. Also that he’s respectful, he loves training, he’s an angel. He turns into a demon when he’s on the pitch. We all dream about having players like that.“ Wenger hätte Suárez gerne in seinen Reihen, ein früherer Versuch scheiterte, den Wettstreit gegen Real wird er wohl auch verlieren.

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In bisher elf Saisonspielen 2013/2014 knallte Suárez dem Gegner 17 Tore ins Netz. Fünf Saisonspiele fehlte er, mal wieder eine lange Disziplinarstrafe. Dennoch ist dieser Mann gereift, seine tollen Auftritte bei der WM 2010 und seine Leistungen bei der Copa América 2011 – die Uruguay auch dank Suárez gewann – sind bisherige Karrierehöhepunkte, es werden nicht die letzten sein. Er ist längst Rekordtorschütze seines kleinen Landes, hat darin den langjährigen Freund und sein Vorbild Diego Forlan überflügelt, in der Südamerika-Qualifikation für Brasilien mit elf Treffern auch Lionel Messi hinter sich gelassen, der es „nur“ auf zehn Tore brachte. Es muss nicht lange gerätselt werden, Luis Suárez gehört zu den begehrten Objekten des Weltfußballs, in jeder Transferperiode wird es einen Tanz um ihn geben. Wenn es bald Ronaldo, Bale und Suárez in einem Team gibt, wäre dies keine Überraschung.

Suárez arbeitet und spielt Fußball, man findet ihn überall auf dem Platz. Bei der WM half er mit regelwidrigem Torwartspiel seinem Team eine Runde weiter, tat es für sein Land, mehr gibt’s für ihn nicht zu sagen. Ob er im Defensivbereich ackert oder den Strafraum des Gegners durchpflügt, es gibt keinen Ort, wo man dieses Energiebündel nicht findet. Er scheint in der Form seines Lebens, hat aber den Höhepunkt offensichtlich noch nicht erreicht. Luis Suárez wird weiter von sich hören lassen. Hoffen wir, es geht dabei um Fußball, nicht um Bisswunden, Entgleisungen und andere Ausbrüche. Bleibt es beim Sport, dann kann eines nicht so fernen Tages auch in seinem Koffer der „Ballon d’Or“ landen, in die Nähe von dessen Glanz ist er längst vorgedrungen. Er hat phantastische Argumente: Tore, Tore, Tore…

Redaktion Magath & Fußball

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