Halbzeit – Serie A


Veröffentlicht am 17. Januar 2014

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Der leise Niedergang einer Großmacht

Auch mit 34 Jahren verkörpert Andrea Pirlo weiterhin absolute Weltklasse, Arturo Vidal tut es ihm gleich. Der Calcio aber verliert zunehmend an Qualität.

Auch mit 34 Jahren verkörpert Andrea Pirlo weiterhin absolute Weltklasse, Arturo Vidal tut es ihm gleich. Der Calcio aber verliert zunehmend an Qualität.

Kein Fortschritt ohne Rückschritt, so heißt es. Möchte man diesem Sprichwort Glauben schenken, dann ist zumindest dem fußballerischen Status-Quo am Apennin gegenwärtig tatsächlich auch etwas Positives abzugewinnen: es kann nur besser werden! Die Serie A, einst eines der Flaggschiffe Fußball-Europas, dümpelt – man muss es so klar sagen – nur noch vor sich hin. Premier League, Bundesliga und Primera División sind längst Lichtjahre entfernt, schlimmer noch, Italiens höchste Spielklasse droht der Absturz in die relative Bedeutungslosigkeit. Mehr und mehr verschwindet ein Riese vom Radar internationaler Fußballfans. Kaum noch Spuren vom Glanz vergangener Tage, Zuschauerschwund und ein Damoklesschwert leidlicher, immer wiederkehrender Korruptionsvorwürfe inklusive.

Die Dominanz von Juventus Turin im Ligaalltag gleicht vor diesem Hintergrund einem Trauerspiel. Sah es zu Saisonbeginn noch danach aus, als erwüchse der „Alten Dame“ in der Hauptstadt ein veritabler Widersacher, so kann inzwischen von Spannung im Titelkampf rein gar keine Rede mehr sein. Während die Roma nach sensationellem Start – die ersten zehn Partien wurden allesamt gewonnen – zuletzt Unentschieden an Unentschieden reihte und im direkten Duell zu Jahresbeginn im Juventus Stadium mit 0:3 unter die Räder kam, auch aufgrund zweier Feldverweise die erste Saisonniederlage hinnehmen musste, zeigte der italienische Rekordmeister zuletzt rein gar keine Schwäche mehr. Elf Siege am Stück sind eine ganz klare Ansage an die Konkurrenz, dass der 30. Scudetto wohl kaum noch zu verhindern sein wird, acht Punkte Vorsprung auf den AS Rom dienen als komfortables Polster, ja fast schon gemütliches Ruhekissen. Am Piemont greift ganz offensichtlich ein Rädchen ins andere: Der Problem-Argentinier Carlos Tévez (elf Saisontore) schlug ein wie eine Bombe und Arturo Vidal ist in der Mittelfeldzentrale zu einem echten Anführer von Weltniveau gereift. Einziger Makel bleibt auf unbestimmte Zeit der Manipulationsskandal. Dieser allerdings ein gewaltiger, auch Antonio Conte wird ihn nicht abstreifen können.

Ein Blick nach Europa führt unterdessen ganz deutlich vor Augen, dass die Italiener international, zumindest auf Club-Ebene, allmählich den Anschluss verlieren. Zwar hielten die „Bianconeri“ im Vorjahr im Champions League Viertelfinale als einziger verbliebener Vertreter die Fahne der Republik in die Höhe, waren in der Runde der letzten Acht dem FC Bayern allerdings in allen Belangen weit unterlegen. Fast ein Klassenunterschied wurde sichtbar. Schlimmer nur noch die gegenwärtige CL-Bilanz der Serie A: Lediglich der AC Mailand ist im Achtelfinale der Königsklasse verblieben, gegen das starke Atlético Madrid füllt Milan dort allerdings auch nur die Außenseiterrolle. Mickrige sechs Punkte sammelte derweil Juve in einer Gruppe mit Real, Galatasaray Istanbul und dem FC Kopenhagen – das letzte verbliebene Spitzenteam Italiens musste nach der Vorrunde die Segel streichen. Gleiches Los ward den Neapolitanern beschieden, auch wenn sich der SSC ungleich teurer verkaufte und kurioserweise trotz der doppelten Ausbeute bei vier Siegen und nur zwei Niederlagen hinter Borussia Dortmund und dem FC Arsenal auf Gruppenplatz drei einlief. Europa League, nicht das Konzert der ganz Großen. Resterampe statt Spitzenfußball, zumindest in der allgemeinen Wahrnehmung und vor allem, wenn es um die Größe der Fleischtöpfe geht.

Gonzalo Higuaín (links) zählt zu den weltbesten Angreifern und traf in dieser Saison in Liga (neun) und Champions League (vier) bereits 13-mal. Lorenzo Insigne (rechts) ist derweil die große Zukunftshoffnung der Neapolitaner.

Gonzalo Higuaín (links) zählt zu den weltbesten Angreifern und traf in dieser Saison in Liga (neun) und Champions League (vier) bereits 13-mal. Lorenzo Insigne (rechts) ist derweil die große Zukunftshoffnung der Neapolitaner.

In der Liga dagegen haben sich die „Azzurri“ aus dem Süden langsam aber sicher zur zweiten Kraft des Landes aufgeschwungen, man darf durchaus davon ausgehen, dass Trainerfuchs Rafael Benítez am Saisonende auf Platz zwei stehen wird, der Rückstand auf den AS Rom beträgt nur noch zwei Pünktchen. Insbesondere offensiv ist Napoli herausragend gut besetzt: Gonzalo Higuaín und José Callejón, vormalige „Königliche“, dazu Dries Mertens und der hochbegabte Freistoßspezialist Lorenzo Insigne können an guten Tagen jeden Gegner an die Wand spielen. Individuelle Klasse, die in der Summe den Unterschied ausmachen könnte. Die Römer indes funktionieren unter Rudi Garcia vor allem als Mannschaft. Angeführt vom Vorzeige-Lokalpatrioten Francesco Totti, der auch mit 37 noch Tore schießt, ist „la magica“ nur sehr schwer beizukommen, nicht mehr als zehn Gegentreffer mussten bislang verdaut werden. Ein Spitzenwert – wer hätte dies nach Rang sechs im Vorjahr und deren 56 für möglich gehalten?

Dahinter schon ein kleines Loch. Die Fiorentina konnte die hohen Erwartungen nach der Verpflichtung von Mario Gomez im Sommer nur in Ansätzen erfüllen. Über Nacht wurde ein Europa League Teilnehmer zum Titelaspiranten gestempelt, immerhin stellt der AC Florenz mit Giuseppe Rossi (14 Tore) den bislang besten Schützen der Serie A. Dieser nun aber verletzt, ebenso Gomez, der bislang auf drei Einsätze kommt. Sein ärgster Rivale im DFB-Team, Miroslav Klose, tut auch im fortgeschrittenen Fußballalter noch das, was er am besten kann: Tore schießen. Nach seinen 15 aus der Vorsaison sind es jetzt immerhin schon wieder fünf in zwölf Ligaspielen für Lazio. Der amtierende Coppa-Gewinner hat als Tabellenneunter indes bereits stolze 20 (!) Zähler Rückstand auf den zweitplatzierten Stadtrivalen. Dazwischen steht mit Aufsteiger Hellas Verona eine echte Überraschungsmannschaft auf Platz sechs, punktgleich mit dem FC Internazionale.

Ach ja richtig, Inter Mailand! Auch unter Walter Mazzarri wirkt der dreifache Champions League Sieger wie ein Schatten seiner selbst. Und überhaupt stehen die stolzen Mailänder Clubs dieser Tage sinnbildlich für den Niedergang der Serie A. Bis auf Platz elf gar hat es Berlusconis AC verschlagen, und als wäre das nicht schon schlimm genug, ließen sich die „Rossoneri“ zuletzt auch noch von einem 19-jährigen Bengel vorführen. Nicht weniger als vier Treffer schenkte Domenico Berardi dem geschichtsträchtigen Krösus beim sensationellen 4:3-Erfolg des Liga-Neulings Sassuolo Calcio ein. Vier empfindliche Stiche ins treue Fußballherz der „Milanista“ – Prost Neujahr! – eine Schmach sondergleichen, die natürlich nach einem Opfer verlangte. In Massimiliano Allegri wurde man im Handumdrehen fündig. Logisch auch, dass mit Clarence Seedorf ein langjähriger Weggefährte des Besitzers sofort zur Nachfolge bereitstand. Berlusconi indes wird von Tochter Barbara, die als Marketing-Geschäftsführerin mehr und mehr an Einfluss gewinnt, würdig vertreten. Öffentlich verkündete die aufstrebende, 29 Jahre junge Dame Allegri’s Ende noch bevor dieser von der sportlichen Leitung in Kenntnis gesetzt wurde. Ganz der Papa, möchte man meinen!

Welch ein Auftritt von Domenico Berardi! Vier Treffer gegen Milan waren noch nicht vielen vergönnt, hier kommt Urby Emanuelsson (links) den entscheidenden Schritt zu spät.

Welch ein Auftritt von Domenico Berardi! Vier Treffer gegen Milan waren noch nicht vielen vergönnt, hier kommt Urby Emanuelsson (links) den entscheidenden Schritt zu spät.

Und sonst so? Im Friaul geht die Abstiegsangst um. Vier Punkte Vorsprung auf den FC Bologna, deren sieben auf Livorno und Catania am Tabellenende, lassen in Udinese die Alarmglocken schrillen. Das offenbar bevorstehende Karriereende von Antonio di Natale – nach Messi und Cristiano Ronaldo in den letzten fünf Jahren der zuverlässigste und konstanteste Torjäger in Europas Topligen – macht es kaum besser. Auch hier verblassen Glanz und Glorie allmählich, Mittelmaß macht sich breit. Nur einer macht unbeirrt immer weiter: Der ewig geniale Juve-Spielmacher Andrea Pirlo steht dem Vernehmen nach kurz vor seiner nächsten Vertragsverlängerung.

Redaktion Magath & Fußball

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