Hans „Joan“ Gamper – Vater des FC Barcelona


Veröffentlicht am 23. Januar 2014

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Ein Mann aus Winterthur beschenkte Katalonien

Joan Gamper an seinem Schreibtisch – eine historische Nachbildung des Gründungsmitglieds im Museum des FC Barcelona.

Joan Gamper an seinem Schreibtisch – eine historische Nachbildung des Gründungsmitglieds im Museum des FC Barcelona.

„Wer hat’s erfunden? Die Schweizer!“ Wer kennt ihn nicht, den Werbeslogan eines Pastillenherstellers. In Barcelona braucht man witterungsbedingt wenig Halsbonbons, ein Eidgenosse hat dort aber einen besonders guten Ruf, er erfand den Katalanen ihren FC Barcelona: Hans „Joan“ Gamper. Der lebenskluge Gamper war, was es angeblich nicht gibt, eine Art „eierlegende Wollmilchsau“. Wenige Dinge, in denen dieser Mann nicht zu Hause, wenige Hürden die ihn schreckten. Sieht man heute seine Silhouette im Vereinsmuseum des FC Barcelona, gleicht diese Peter Ustinov in dessen Paraderolle von Agatha Christies Superdetektiv Hercule Poirot. Gezwirbelter Schnurrbart und stilvoller Kneifer, Gamper scheint dem Großschauspieler wie aus dem Gesicht geschnitten.

Hans-Max Gamper wurde am 22. November 1877 in Winterthur geboren, landete früh in Zürich. Ärmliche Verhältnisse gaben wenig her, Hans wurde früh zum wissbegierigen Autodidakten und begeisterten Sportler, besonders der Fußball hatte es ihm angetan. Sah er später aus wie ein distinguierter Meisterdetektiv, wirkte er auf Jugendfotos wie ein Adonis, die Damen lagen ihm zu Füßen, die Sportwelt staunte. Er gewann Laufwettbewerbe in der Leichtathletik, siegte bei Radrennen, war ein guter Tennis- und Golfspieler, wusste sich beim Rugby zu behaupten. Für Gamper kam immer erst die Anstrengung, dann der Spaß. Keine Sache vermochte ihn so wie der Fußball zu begeistern. Weil ihn Widrigkeiten bei seinem Verein FC Excelsior nervten, gründete Hans Gamper eben einen neuen Verein. So schuf er 1896 per Vereinssatzung und Statut den FC Zürich, wurde auch gleich dessen erster Kapitän, nebenher bester Spieler und Rekordtorschütze. Da war Hans Gamper, 19 Jahre!

Ende 1898 verlegte der 21-jährige Hans Gamper, eingeladen von einem Verwandten, seinen Lebensmittelpunkt nach Spanien, Barcelona wurde neue Heimat. Zur damaligen Zeit ein großes wie gewagtes Abenteuer. Aus Hans wurde schnell Joan. Wovon aber leben? Gamper konnte gut rechnen, landete als Buchhalter bei einer bedeutenden Bank, wurde dann durch berufliches Können Chefbuchhalter einer nationalen Eisenbahngesellschaft, arbeitete nebenher als Reporter für Sport- und Lokalzeitungen, verdingte sich im Lebensmittelhandel und eignete sich Sprache, Gewohnheiten wie Lebensart der neuen Heimat an. Sein Sportdrang führte ihn zu einer evangelischen Gemeinde, die ein gutes Fußball-Team hatte, er konnte endlich wieder kicken. Fußball mit der Kirchengemeinde entsprach allerdings weder seinem Temperamt noch seinem Wunsch nach Wettkampf. Was in Zürich ging musste auch in Barcelona gehen, so überzeugte er schnell einige Mitspieler seiner Truppe und gründete im hohen Alter von 22 Jahren den FC Barcelona. Ein von Protestanten aus der Taufe gehobener Verein im tiefkatholischen Spanien!

Den Mut für Herausforderungen hatte Joan Gamper mit nach Katalonien gebracht. Die heute berühmten Vereinsfarben legte natürlich auch Joan fest. Die Legende Barca war geboren. Mit 22 Jahren ist man eher Fußballer denn Funktionär. So wurde Joan Gamper Gründer, Trainer, natürlich Kapitän und führte als solcher seinen FC Barcelona auf den Platz. Als Mittelstürmer schoss er in vier Jahren bei statistisch belegten 51 Spielen sensationelle 120 Tore, vor Messi und Neymar müsste seine Nase nicht erblassen. Er schaffte in mindestens drei Spielen jeweils neun Tore, ein weiterer Rekord dem die beiden Ausnahmestürmer hinterherspielen können. Gamper war einer der besten Fußballer seiner Ära. Da der Sport noch ohne Rummel auskam, wurden Begriffe wie Star und Weltklasse noch nicht gebraucht.

Die Sache mit den protestantischen Gründern des FC Barcelona ließ der spanische Katholizismus nicht auf sich sitzen und hob den Knüppel des Verbotes, man schloss mit staatlicher Hilfe die protestantischen Barca-Spieler vom Vereinsfußball aus. Die Spieler-Karriere von Joan Gamper endete nicht mit einem Happy End. Aber die Gegner hatten ihre Rechnung ohne Joan Gamper gemacht. 1908 stand der nun 31-jährige Gründer und Ex-Spieler vor den Toren des FC Barcelona, in der Absicht, sich zum Präsidenten wählen zu lassen. Er hatte in eine katholische Familie eingeheiratet, damit waren alle vorgeschobenen Ausschlussgründe vom Tisch. Der Sieger hieß Joan Gamper, wurde zum Präsidenten gewählt und hatte sich gegen mächtige Autoritäten durchgesetzt, die ihn vom ersten Tag mit Intrigen begleiteten. Nach elf Monaten zog er seine Konsequenzen, legte das Amt nieder, musste sich außerdem um eine berufliche Perspektive kümmern, immerhin galt es als Kaufmann in unsicherer Zeit eine Familie zu versorgen.

Er schaffte haltbare Strukturen und hinterließ ein bestelltes Haus. Mit unbändiger Energie und gegen vielfältigen Widerstand hatte Gamper seine Ziele durchgesetzt, die ausschließlich dem Verein und keinen Gruppeninteressen dienten. Solch Konsequenz macht Freunde und noch mehr Feinde. Seine Nachfolger trieben den Verein oft an die Existenzgrenze, wussten in höchster Not stets nach Joan Gamper zu rufen. Bis 1925 übernahm Gamper noch viermal das Präsidentenamt, um den jeweiligen Schaden zu reparieren, vernachlässigte dabei Gesundheit und Familie. 1922 galt der FC Barcelona als erledigt, Pleite und Abmeldung vom Spielbetreib nicht ausgeschlossen. Gegner rieben sich die Hände. Wieder wurde Joan Gamper unterschätzt. Der Schweizer lieferte eine Million Peseten aus seinem Privatvermögen, tilgte die Schulden und ermöglichte dem Club einen Stadionneubau für 25.000 Zuschauer. Bis zum Umzug des FC Barcelona ins Camp Nou im Jahr 1957 dessen ständige Spielstätte. imago01305336m_cDer „Dank“ des Vaterlandes ließ nicht auf sich warten. Als im Sommer 1925 fast 15.000 katalanische Zuschauer vor Anpfiff die spanische Hymne ausbuhten, musste Joan Gamper den Kopf hinhalten. Gegner hielten ihre Stunde für gekommen, ein komplexes Politikum wurde konstruiert, man sperrte die Sportanlagen des FC Barcelona für sechs Monate, jagte Gamper für einige Monate aus dem Land und verbot dem Vereinsgründer lebenslang jeden Kontakt zum FC Barcelona. Nun verzweifelte auch Hans „Joan“ Gamper, einmal wird auch der stärkste Kämpfer müde, schulterklopfende Freunde wie auch Profiteure seiner Arbeit hatten sich feige abgewandt. Gamper hätte sicher auch dieser Verzweiflung die Stirn geboten, aber die weltweite Wirtschaftskrise hatte ihn sein Vermögen gekostet, es ging jetzt ums Überleben. Ein gebrochener wie stolzer Mann, der um sein Lebenswerk betrogen, sah seine letzten Kräfte schwinden. Mit 52 Jahren richtete er einen Revolver gegen sich und erschoss sich am 30. Juli 1930 in seiner Wohnung. Nun erstarrte Barcelona, diese Schüsse plagten die Stadt. Zuneigung, ein schlechtes Gewissen und tiefe Dankbarkeit ließen einen riesigen Trauerzug entstehen, der ihn mit großer Anteilnahme zu seinem Grab geleitete. Der Lebenskreis des Hans „Joan“ Gamper hatte sich geschlossen und wurde unvergesslich. Sein Lebenswerk FC Barcelona machte sich derweil auf in die Unsterblichkeit. Alljährlich trägt der FC Barcelona zu Ehren seines Gründervaters das „Torneig Joan Gamper“ aus.

Redaktion Magath & Fußball

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