Zivilcourage oder vom tätigen Leben


Veröffentlicht am 31. Januar 2014

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Die filmische Geschichte von Fußballern, die Vorbilder wurden

„Tapfer sind solche, die Taten vollbringen, an die ihr Mut nicht heranreicht“ hat der Komponist Arnold Schönberg einst gesagt. Wie mutig die Protagonisten des ARTE-Dokumentarfilms von Éric Cantona, Gilles Rof und Gilles Perez „Rebellen am Ball“ sind, wissen wir nicht, aber wir nehmen rückblickend teil an ihrer Tapferkeit. Natürlich kann man sich auf YouTube köstlich an Delikatessen aus der Fußballwelt delektieren und sich an phantastischen Clips berauschen, dabei das eigene Fußballherz höher schlagen lassen. Wer hat nicht seinen Lieblingsclip, der werfe bitte den ersten Stein. Aber auch für die Schärfung von Verstand und Alltagstauglichkeit, den Moment des reflektierten Nachdenkens außerhalb des grünen Rasens, bietet der Fußball einiges, man muss nur hinsehen wollen.  Ein Beispiel in Sachen Zivilcourage und Anstand bietet diese spannungsreiche ARTE-Produktion aus dem Sommer 2012. In der Hauptrolle: Fußballer. Wir erleben pures wie ungeschöntes Leben, haben teil an menschlicher Größe. Fußball, längst ein durchgeplantes Event, welches keine Schatten in der bonbonfarbenen Traumwelt duldet und des Öfteren mit der Lebenswirklichkeit auf diesem Planeten nicht korrespondiert, hier von einer ganz anderen Seite.

Eric Cantona

Eric Cantona

Die im Film vorgestellten Spieler sind keine geborenen Helden oder gar Engel, auf dem Platz konnten Sie austeilen und den eigenen Vorteil schamlos, wie eisern nutzen. Der die Dokumentation tragende Moderator ist beileibe auch kein Unbekannter. Éric Cantona ist eine Legende bei Manchester United und eine Größe des Weltfußballs, Alex Ferguson hatte nie einen besesseneren Spieler trainiert. Der Mann schonte weder Freund, Gegner noch Publikum, schon gar nicht sich selbst. Sein exzentrischer Egoismus brachte ihn um den WM Titel 1998, er flog schon vor dem Turnier aus der französischen Nationalmannschaft. Ein ganz Großer war er da schon, auch ohne die Krone des Weltfußballs. Im Film nimmt er sich klug zurück, stellt sich in den Dienst der informativen Sache und wächst mit dieser Aufgabe, zollt den verehrten Ex-Kollegen gebührenden, wie liebevollen Respekt.

Didier Drogba

Didier Drogba

Als gefürchteter Stoßstürmer des FC Chelsea glich Didier Drogba einer verlässlichen Torfabrik, mit Kultstatus bei den Fans an der Stamford Bridge, ähnlich wie Thierry Henry bei Arsenal oder Ruud van Nistelrooy bei Manchester United. Der Film lehrt uns nicht den eitlen und überdrehten Drogba, er zeigt uns einen politisch denkenden Menschen mit einem tiefen Gefühl der Heimatverbundenheit im Einsatz für den Frieden in seinem Land und das Leben seiner Mitmenschen. Irgendwann wurde ihm klar, etwas tun zu müssen, er tat es im Jahr 2005 auf beeindruckende Weise auf dem Boden des afrikanischen Kontinents. Dem andauernden Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste setzte er ein persönliches Friedenssignal entgegen, erwarb sich Verdienste um seine Heimat und gab den Menschen ein Licht in tiefer Dunkelheit. Sein Kniefall „vergebt einander“ und der Satz aus den Tiefen einer Umkleidekabine „ich flehe euch an: lasst nicht zu, dass unser Land durch einen Krieg zerstört wird“ wurde eben nicht nur in seinem Land sondern in ganz Afrika gehört.

Rachid Mekhloufi, kein Name, an den sich heute noch jemand erinnert,  verließ Frankreich 1958 als Nationalspieler, wollte ein Zeichen setzen und wurde Mitglied der algerischen Nationalelf, die für die Unabhängigkeit von Frankreich stritt. Seine große Karriere war damit vorbei, sein Einsatz um die Unabhängigkeit Algeriens war von Erfolg gekrönt, 1962 war es soweit.

Carlos Caszely

Carlos Caszely

Immerhin flog Carlos Caszely bei der WM 1974 wegen eines Fouls an Berti Vogts vom Patz, eine äußerst bemerkenswerte Fußnote des Weltfußballs. Der Chilene Caszely spielte in Spanien bei Levante und Espanyol Barcelona, war Teilnehmer dieser besagten WM 1974 in Deutschland und weigerte sich zuvor, seinem Staatspräsidenten Augusto Pinochet, einem Diktator und Putschisten, bei dessen Empfang für die WM Flieger die Hand zu schütteln. Caszely bot dem Menschenverächter mit dieser Verweigerung öffentlich die Stirn, setzte ein Zeichen des Widerstandes. Ein lebensgefährliches Unterfangen im Chile der Generäle. Der kleine Stürmer musste für diese mutige Geste des Anstandes bis heute sehr büßen, bereut hat er sie nie.

Der aus der Bundesliga bekannte Predrag Pašic geht über den Fußballplatz seiner Kindheit, der heute ein Friedhof für seine vom Krieg gemordeten Mitbürger ist. Seine Antwort im Angesicht des Entsetzens ist die Gründung eine Fußballschule für Kinder, mitten im Gebiet des alten Hasses. Kein Blick im Zorn sondern Aufbruch nach vorn.

Dr. Socrates

Dr. Socrates

Der kluge Doktor Socrates ließ nichts unversucht, um seine brasilianischen Landsleute gegen die in seiner Heimat regierende Militärjunta aufzurütteln, für Freiheit, Demokratie und Wahlen zu kämpfen, oft von Mitspielern und Vereinsfunktionären allein gelassen. Mit schlauen Kampagnen, wie gewitzten Aktionen unter Nutzung seiner enormen Beliebtheit wurde er Teil und Motor einer immer hörbarer werdenden Demokratiebewegung. Am Ende gehörte er zu den Siegern, man zwang die Militärs zurück in die Kasernen, Socrates war dies bis ans Ende seiner Tage immer kostbarer als jeder Titel.

Allen Helden des Films war dies nicht in die Wiege gelegt, auch sie genossen den Elfenbeinturm der Branche Fußball, das sorglose Leben gutsituierter Profis. In einem entscheidenden Moment ihres Lebens haben sie allerdings entschlossen und mutig gehandelt, ohne sich hinter dem salonfähigen Opportunismus der Marke „ich kann ja nichts tun“ zu verstecken. Sie wussten, was ein Mensch tun kann, und sie taten es. Nicht auf der Höhe der feigen Zeit waren sie vor fremder Not nicht gefeit und glauben sogar daran, dass man etwas ändern kann. Sie setzten sich ein, begaben sich in persönliche Gefahr. Ein Hoch auf die Taten dieser Fußballer. Es gibt noch Vorbilder. Ein beachtlicher, wie sehenswerter Film zum Nachdenken. Wie sagte Hannah Arendt: „Nicht-Denken ist noch viel gefährlicher als Denken.“

Redaktion Magath & Fußball

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