Ach was!


Veröffentlicht am 13. Februar 2014

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Vico von Bülow machte sich auch über den Fußball Gedanken

„Schon vor Hunderttausenden von Jahren hatte der Mensch Freude daran, Gegenstände mit Fußtritten in rasche Bewegung zu versetzen. Allerdings ging man seinerzeit noch auf allen vieren, so dass ein Schuss aufs Tor sich meist schon in den eigenen Vorderbeinen verfing. Da begriff der Mensch, er müsse sich, wenn er erfolgreich Fußball spielen wollte, in den aufrechten Gang erheben. Und diese Erkenntnis führte, wie wir wissen, zu Tempo und Eleganz des Fußballspiels und damit auf den Weg in die Zivilisation. Politiker, Wissenschaftler und Kulturschaffende folgten Jahrtausende später. Leider gewöhnen sich seither viele Menschen an den aufrechten Gang, die gar nicht vorhaben, Fußball zu spielen. Als Erste empfanden sportinteressierte Studenten die Leistung ihrer Mittelfinger als unbefriedigend und wandten sich einem damals hier zu Lande noch weithin unbekannten Rasenspiel zu, dem Fußball, einem Spiel, bei dem der Mittelfinger nie oder nur in kritischen Situationen zum Einsatz kommt. Das Spiel stammte, wie die meisten Sportarten, bei denen es gilt, Leib und Leben zu riskieren, aus englischen, für ihre Fairness bekannten Akademikerkreisen. Seither ist es auch bei uns üblich, ein beabsichtigtes Foul dem Gegner anzukündigen mit den Worten: „Gestatten Sie, Sir . . .“ Aber da seit längerem keine Fouls mehr gespielt werden, ist dieser Vorgang kaum noch zu beobachten.“

„Ende des 19. Jahrhunderts verließen die Studenten den aktiven Fußball, um sich als Gymnasiallehrer, Zahnärzte oder Juristen zu profilieren. Das war bedauerlich, weil so mancher begabter Spieler, statt sinnvoll über den Rasen zu stürmen, nun als Verteidiger am Oberlandesgericht seine schlappe Karriere machte! Hinzu kam, dass im Deutschen Reich die ernsthafte turnerische Leibesübung moralischen Vorrang besaß. Des deutschen Mannes Heimat war sein Turnverein. Dort sprang er mehrfach pro Woche in die Grätsche, beugte den Rumpf zur Ehre des kaiserlichen Landesherrn und stärkte den Leib für Familie, Volk und Vaterland. Nicht so die Fußballer. Als verspieltes Anhängsel des Männerturnvereins fehlten sie dort häufig unentschuldigt, vergaßen Frauen, Fürst und Vordermann, um sich dem Fußball zu widmen, ihrem eigentlichen Lebenszweck. Das heißt, sie ruinierten ihre Schuhe, schlugen sich die Knie auf und kamen zu spät zum Abendessen . . . aber es war der Weg in die Unsterblichkeit! Wie Sie vielleicht bemerken, erlaube ich mir, diese Vorgänge etwas gerafft vorzutragen, da sie ohnehin zur Allgemeinbildung gehören. Sollten sich in meine Ausführungen Fehler oder Ungenauigkeiten einschleichen, dürfen Sie leere Bierdosen auf die Bühne werfen.“

Loriot, „Sehr verehrte Damen und Herren . . .“, Diogenes Verlag, 2005

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