Tiziano Crudeli – der lebendige Vesuv


Veröffentlicht am 5. März 2014

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Studiowände wackeln und Herzen schlagen höher

Seit Frank Sinatra weiß man was gutes Entertainment, es will gelernt sein. Dem Italiener liegt es im Blut, sei es auf der Bühne, einem Fußballplatz, dem Rednerpult oder einem TV-Studio. Pressesprecher italienischer Fußballvereine können in mehreren Sprachen Stakkato-Sätze abfeuern, wenn es gilt, die Vorzüge ihrer jeweiligen Vereine anzupreisen. Selbst Alex Ferguson gönnte solchem Wortschwall einst erstaunte wie anerkennende Seitenblicke. Manch Pressesprecher eines deutschen Vereins fürchtet sich dagegen vor der eigenen Sprache und der Deutlichkeit des Wortes, zittert sich gedankenfrei durch den Tag. Blasse Harmlosigkeit als Markenzeichen. Nur nicht auffallen! Da staunt der italienische Kollege. Was sollte er, nicht auffallen!? Das würde den Gang in langweilige Bedeutungslosigkeit zur Folge haben, weil ja auf Seiten der Berichterstatter in Italien noch lauter getrommelt, gebrüllt, gesiegt und gelitten wird. Nicht möglich, aber ja! Auf der Reporter-Seite sitzen wortgewaltige Schwergewichte. Manchmal wechseln diese auch die Seiten, die Grenzen dabei immer fließend. Dafür bekommt man dann gleich ein besonderes Paradebeispiel präsentiert, der Laute der Lautesten, das überflutende Fußball-Herz schlechthin. Jener, nebenher eine Art Pressesprecher des AC Milan und leidenschaftlicher TV- und Rundfunkmann, ist die vulkanartige Reporterlegende der Seria A: Tiziano Crudeli. Tiziano wer? Ein Name wie von Botticelli gemalt. Tiziano Crudeli.

Was für ein Berserker. In der Fußballwelt speit er Worte wie Lava, außerhalb des runden Leders wirkt der feine Herr, mit grauen Haaren und einem gewinnenden Lächeln wie ein distinguierter Lieblingsgroßvater. Aber wehe das Wort kommt auf Milan! Dann brodelt der Vulkan im Menschen. Der am 24. Juni 1943 im italienischen Forlì geborene Tiziano Crudeli arbeitete bis zu seinem 30. Lebensjahr als Vertreter. Was müssen das wohl für Verkaufsgespräche gewesen sein. Irgendwann landete er in der Regionalverwaltung des italienischen Tennisbundes in Mailand und war dem Sport gewonnen. Den Sport-Journalismus lernte er in dieser Funktion auch kennen, er wurde Herausgeber eines angesehenen Tennis-Magazins („Tennis Lombard“) und begann für die TV- und Radio-Kanäle TVCi und TV Globo zu arbeiten.

1987 kommentierte Tiziano Crudeli für einen Radiosender die Ligapartie Milan gegen Pescara, da war es um ihn und um die Zuhörer geschehen. Der 2:0-Sieg von Milan wurde Nebensache, Crudelis Aufritt machte der großen italienischen Oper alle Ehre, mehr Theatralik an einem Mikrofon hätte selbst Enrico Caruso nicht an das geneigte Ohr gebracht. Der größte und wohl lauteste AC Milan Fan ward geboren. So ist es bis heute geblieben. Ganz Italien staunte Bauklötzer über diesen Temperamentsbolzen und freute sich auf die Fortsetzung. Dem phonetischen Aufritt folgte auch bald der optische, ein lauter und eruptiver Vulkan auf zwei Füßen. Die Stimme ist sein Instrument. Allerdings ist er auch mit der Tastatur gut, liefert ausgezeichnete wie köstliche Fachanalysen für Zeitungen. Spannender als mancher TV-Krimi sind seine Dauerfehden mit dem Gegenüber von Inter Mailand, dem Kollegen Elio Corno. Ihre Wortgefechte sind oft der aufregendere Teil eines Spieltages, manch Studiowand kam schon ins Wanken, Moderatoren und Moderatorinnen heftig ins strauchelnde Stottern. Political correctness gehört nicht zu den Tugenden von Crudeli und Corno, Zuschauer und Zuhörer empfinden dies als besonders wohltuend, der Kult macht selbstredend Quote.

Ein außergewöhnlicher Moderator, temperamentvoller Pressesprecher und glühendes Energiebündel, ein Entertainer des Fußballs, ist Crudeli nicht mit Worten einzufangen. Man muss ihn sehen und hören. Er schreit, er tanzt, er singt, er rennt auch mal aus dem Studio, findet dann vor Aufregung und Freude nicht den sofortigen Rückweg oder malträtiert Reporterkabinen in einer Art, die den Umstehenden Panik in die Augen treibt. Wer seinen Freudenumarmungen nicht entrinnt, der bekommt Anzug oder Kleid heftig zerknautscht und die Haare verwurstet, nichts auf Gottes Fußballerde ist vor Crudelis Temperamentsausbrüchen sicher, Tische, Stühle, Mikrofone und Kameras eingeschlossen. Seine Stimmbänder sind ein medizinisches Wunder, müssen wohl mindestens aus Edelstahl sein, Crudelis Torschreie machen jedem Löwen Ehre und Angst. Sein leidenschaftlicher Enthusiasmus hat sich durch Europapokalspiele bis nach England herumgesprochen und verschaffte dem enthusiastischen Kommentator im Jahr 2011 einen lukrativen Werbevertag des Wettanbieters Ladbrokes. Crudeli ist längst Kult und Marke, seine Auftritte gehören zu den Highlights der Unterhaltungswelt Fußball. Auf YouTube ist er fast schon ein Filmstar, was Frank Sinatra auch war. Außerdem – wie könnte es anders sein – war Ol‘ Blue Eyes natürlich italienischer Abstammung…

Redaktion Magath & Fußball

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