Lehrer mit Prinzipien


Veröffentlicht am 25. März 2014

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Ein Trainer geht seinen Weg

Er klingt wie die begehrteste Filmtrophäe der Welt. Nichts ist Óscar Tabárez allerdings ferner als Glamour. Erkenntnis zieht er dem schönen Schein vor. Im Sport wie im Leben hat er es so gehalten. Sein Weg nicht nur von Erfolgen gekränzt. Die Leichtigkeit seines Trainervorbildes César Luis Menotti war ihm fremd, Tabárez stets ein Mann der Arbeit. In Uruguay machte ihn dies zur nationalen Instanz, weit über seinen Sport hinaus genießt er inzwischen hohes Ansehen. Die Uruguayer lieben Óscar Tabárez, für sie ist er „El Maestro“, ihr „Lehrer“. Tabárez war früher wirklich Lehrer. Seine Hand für junge Leute liegt auch in dieser Pädagogenzeit begründet. Längst gilt er als einer der besten Fußballtrainer der Welt. Sein kleines Land machte er zu einer der ersten Adressen des globalen Fußballs. Der zweimalige Weltmeister Uruguay ist wieder wer, wankt nicht mehr unter der Last der Vergangenheit. Alles dank Óscar Washington Tabárez.

Am 3. März 1947 in Montevideo geboren, lockte Óscar der Fußball. Diese Berufung trübte nie seinen Blick für die südamerikanische Lebensrealität. Óscar Tabárez lebte in keiner abgehobenen Fußballwelt, er war immer bei seinen Mitmenschen. Seine Spielerkarriere, die sehr bescheiden und titellos aber dennoch in der obersten uruguayischen Spielklasse verlief, stattete ihn mit Erkenntnissen fürs spätere Trainerleben aus. Zwischen 1967 und 1979 unzählige Stationen. 1980, ein Jahr nach Beendigung der aktiven Zeit, wurde er Trainer seines letzten Vereins Bella Vista. Den Job machte er vorzüglich, der Verband betraute ihm 1983 die Olympiamannschaft an. Mit dieser gewann er bei den Panamerikanischen Spielen im gleichen Jahr die Goldmedaille. Ein größerer Titel wartete 1987 auf ihn, mit dem Hauptstadtclub Peñarol Montevideo holte er die Copa Libertadores. Zwischen diesen Erfolgsstationen einiges an Provinz. 1988 dann endlich für zwei Jahre Cheftrainer seines Heimatlandes. Seine Arbeit war gut, auf Umbruch ausgelegt, er schaffte es mit den Urus zur WM 1990, weiterer Erfolg blieb aus. Funktionäre verleideten ihm den Job. Erstmals ging er ins Ausland, trainierte in Argentinien die Boca Juniors, mit denen er 1993 Meister wurde. Erneute Meisterehren auch 1993 und 1994 bei Peñarol Montevideo. Mit dieser Titelsammlung gehörte er nun zu den Großen seines Fachs in Südamerika, der Weg musste nach Europa führen.

1994 also Italien und Cagliari Calcio. Italiens Großclubs wurden aufmerksam auf diesen präzisen Arbeiter, seine Erwartung an Disziplin und Ordnung erinnerte frappant an Helenio Herrera. Aber es wurde nicht dessen Inter sondern der AC Milan, der sich die Dienste des Uruguayers sicherte. In Mailand war er dann ein Jahr tätig, die überbordenden Erwartungen konnte Tabárez nicht erfüllen, man trennte sich. Tabárez musste im Anschluss viel Häme eines Clubbesitzers Namens Berlusconi ertragen. Ein Angebot aus Spanien kam zur rechten Zeit, Tabárez stellte sich 1997 in die Dienste von Real Oviedo. 1998/1999 dann nochmals Italien und Cagliari Calcio. Zurück auf den Heimatkontinent ging es 2000. Er übernahm in Argentinien Vélez Sársfield. Nach der dortigen Entlassung im Jahr 2001 folgte eine berufliche Pause, Tabárez schaute sich auf seinem Kontinent um, musste sich in den nächsten Jahren ausgemustert vorkommen.

imago10722733m_cDie daniederliegende uruguayische Nationalmannschaft suchte 2006 händeringend einen Trainer und fand ihn in Óscar Tabárez. „Viele der Dinge, die ich heute anwende, habe ich zu dieser Zeit entwickelt. Ich wollte nicht einfach nur für Geld arbeiten, ich habe etwas anderes angestrebt“, so Tabárez im Rückblick auf die Jahre ohne Arbeit und Trainerverantwortung. Diese Phase wurde ihm wichtige Lernstation. Die Verhandlungen mit dem uruguayischen Fußball-Verband waren auch nicht die eines Arbeitssuchenden, es waren die eines selbstbewussten Könners mit Prinzipien, der nicht mehr bereit war, auch nur einen Punkt von seinen Vorstellungen abzurücken. Funktionäre hatten einmal seine Bahn gestört, nie wieder würde er dies zulassen. Um Geld ging es ihm nicht, so wurde er der schlechtbezahlteste Trainer des WM-Turniers 2010. Ihm ging es aber um die Kontrolle sämtlicher Auswahl-Mannschaften und deren Ausrichtung nach einer Vorstellung, der Vorstellung des Óscar Tabárez. Im Mai 2006 dann das erste Spiel seiner zweiten Amtszeit, Nordirland wurde mit 1:0 bezwungen. Die Renaissance des Fußballs in Uruguay begann. Die Ernte dieser Saat war glänzend, José Giménez, Sebastán Coates und Gastón Ramírez wurden einige der gefeierten Helden aus seiner jungen Schule, die unter ihm ihr Nationalmannschafs-Debüt gaben. Große des Fußballs wie Diego Forlán, Edinson Cavani und Luis Suárez oder Kapitän Diego Lugano verehren diesen Mann wie einen Vater. Mit dieser Nationalmannschaft wurde er Vierter bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 und siegte im Nachbarland Argentinien bei der Copa América 2011. Ein Triumph für Uruguay, man schlug im direkten Vergleich auch den Gastgeber mit Lionel Messi aus dem Feld. Tabárez Meisterstück, sein größter Erfolg.

Bis zur WM 2014 ist Tabárez noch an den uruguayischen Fußballverband gebunden. Persönliche Titel wie der „Trainer des Jahres“ in Südamerika 2011, 2012 und sogar der „Weltnationaltrainer 2011“ interessieren ihn wenig, soziale Belange aber umso mehr. Was er im sozialen Bereich ohne Aufhebens aber dennoch vehement getan, führte 2012 zur UNESCO Auszeichnung „Meister des Sports“. Auf diese Auszeichnung war er dann doch ein wenig stolz, seine Landsleute mit ihm. Gesellschaftlich fühlte sich Óscar Tabárez immer den Menschen verpflichtet, die es nicht auf die Sonnenseite schafften, unterstützte lateinamerikanische Demokratiebestrebungen, wird zu intellektuellen, linken Kreisen seines Lanes gezählt. An einer seiner privaten Wände finden Besucher den berühmten wie melancholischen Che Guevara Satz: „Wir müssen stark werden, ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren.“ Óscar Tabárez ist ein belesener und kluger Mann, ohne Buch geht es nie zu einem großen Turnier, einer seiner Lieblingsautoren ist Eduardo Galeano, bedeutender uruguayischen Schriftsteller und Autor der dreibändigen „Erinnerung an das Feuer“.

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Menschlich sympathisch, politisch wachsam und im Fußball mit allen Wassern gewaschen, bevorzugt Tabárez ein hohes Maß an Flexibilität im Spiel seiner Mannschaft. Sein Team soll so wenig ausrechenbar sein wie er selbst. Der 67-jährige Tabárez wirkt im sportlichen Wettstreit jung und ehrgeizig wie am ersten Tag. Sein Team will in Brasilien erneut für Furore sorgen, daraus macht Tabárez keinen Hehl. Wer den Titel mitnehmen möchte, sollte den Lehrer und seine Jungs vom Rio de la Plata im Auge behalten.

Redaktion Magath & Fußball

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