Licht und Fado


Veröffentlicht am 21. Mai 2014

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Im „Estádio da Luz“ steigt das CL-Finale 2014

Von außen ist ein Fußballstadion selten ein schöner Ort, seine Funktionalität und Aufgabe verbietet den großen Glanz, auch manch Lichtspiel kann darüber nicht hinwegtäuschen. Nähert man sich einem Stadion und betritt es, verschieben sich die Perspektiven, die Betrachtung wird milder. Menschen in der Erwartung auf Fußball machen den Ort lebendig und von innen schön, das Stadion wird dann zur Kathedrale des „kleinen Mannes“. „A Catedral“ nennt der portugiesische Volksmund auch das Lissaboner Stadion „Estádio da Luz“, selbst im Deutschen klingt es noch nach einem Filmtitel für den Emotionskanal: „Stadion des Lichts“.

Erbaut wurde diese innovative Fußballbühne direkt neben der alten Spielstätte gleichen Namens, die einst zwischen 80.000 und 120.000 Zuschauern Platz bot und die legendäre Mannschaft von Béla Guttmann und des großen Eusébio beheimatete, hier war ein großer europäischer Champion zu Hause. Mag Benficas einstiger Fußballglanz auch nicht mehr so glühend wie vor Jahrzehnten erscheinen, der Name hat seinen Zauber behalten, der Einzug des Clubs ins Europa League Finale ließ wieder internationale Titelträume lebendig werden. Dann kam dieses Elfmeterschießen… Mit seinem Stadion und dem Club war und ist Benfica weiterhin eine der ersten Adressen des Fußballs. Das neue Glanzlicht hat seinen Preis, auf 119 Millionen Euro werden die Kosten geschätzt. Im Oktober 2003 eröffnete die neue Spielstätte unter dem offiziellen Namen „Estádio do Sport Lisboa e Benfica“ und ist seither auch im Besitz von Benfica Lissabon. Es sollte das Glanzstück der portugiesischen EM 2004 werden, das Stadion hat nicht enttäuscht und seine Funktion als Galionsfigur des Turniers erfüllt. Drei Gruppenspiele, ein Viertelfinale und das Endspiel wurden darin ausgetragen. Einiges aus jenen Tagen und diesem Ort blieb im kollektiven Fußballgedächtnis, ist denkwürdig oder gar zur Legende geworden.

Die moderne und publikumsfreundliche Arena fasst 65.647 überdachte Sitzplätze und wird von der UEFA mit fünf Sternen in deren Stadionkategorie bedacht, gehört also zu den Fußballtempeln des europäischen Kontinents. Der britische Architekt Damon Lavelle konzentrierte sich beim Neubau des „Estádio da Luz“ auf große Transparenz und den Einfluss des natürlichen Lichtes. Ein Polycarbonat-Dach über dem Stadion lässt die Sonnenstrahlen durchdringen, schwebt fast frei in der Höhe und verschafft unterhalb des Dachrandes und oberhalb der Ränge einen freien Blick in die städtische Weite. Die Beleuchtung des Stadions, das wellenförmige Dach und das Gefühl von Weite nimmt den Besucher in Bann. Ein würdiger Endspielort nicht nur für eine EM, sondern auch für ein Champions League Finale. Am 20. März 2012 wurde das Finale der laufende Saison an Lissabon vergeben, im „Estádio da Luz“ steigt das letzte große Fußballfest vor der WM in Brasilien. Für ein großes Spiel ist alles gerüstet.

Große Spiele gehören schon zur jungen Geschichte dieses Ortes. Am 24. Juni 2004 fand das EM-Viertelfinale zwischen Portugal und England statt. In einem der mitreißendsten und wohl besten Fußballspiele des letzten Jahrzehnts setzte sich der Gastgeber gegen England durch. 2:2 stand es nach Verlängerung, im Elfmeterschießen siegten die Gastgeber 6:5, legten den Grundstein für den späteren Finaleinzug. In diesem EM-Finale wurde das helle portugiesische Licht von einer dunklen hellenischen Wolke befallen. Otto Rehhagel und seine Griechen schafften am 4. Juli 2004 das größte Fußballwunder der Neuzeit. Portugal unterlag Griechenland mit 0:1, der Titel blieb nicht im Land, sondern ging nach Hellas. Weltstar Figo scheiterte, bei Ronaldo wieder Tränen und Brasiliens Weltmeistertrainer Scolari gratulierte seinem deutschen Kollegen Rehhagel auf der griechischen Bank respektvoll, neidlos und freundlich. Modern ist, wer gewinnt.

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Die Portugiesen blieben in melancholischer Fado-Stimmung zurück, hatten aber ihr wunderbares Stadion und dort wurde bald wieder Fußball gespielt und die Fröhlichkeit des Sports verdrängte die melancholischen Schatten der großen Niederlage. Das Licht kehrte zurück. Aber die Traurigkeit des Fado gehört zur portugiesischen Seele und ist Teil des Lebens. Als Portugal Abschied nahm von seiner im Januar 2014 verstorbenen Fußball-Legende Eusébio, wurde dessen Sarg im Innenraum des Benfica-Stadions „Estadio da Luz“ aufgebahrt. Tausende Menschen zogen daran vorbei, gaben ihrem Idol letzte Ehre und Geleit. Auch ein letzter Wunsch des Verstorbenen wurde von seinem Club erfüllt, eine Stadionrunde des Trauerzugs durch das „Estádio da Luz“, sein Stadion des Lichts.

Wenn am 24. Mai 2014 das Champions League Finale steigt, wird es keine Trauerrunde geben, sondern Jubelgesänge, der Sieger wird feiern, der Unterlegene vielleicht Tränen vergießen, Gratulanten und Tröster werden sich finden. Mehr ist jetzt nicht zu wissen, die Hoffnung liegt noch bei zwei Teams aus dem Nachbarland Spanien. Aber eines ist heute schon gewiss: Die Bühne ist bereitet und sie ist fürstlich, schön und würdig. Der Fußball, die Fans und zwei Clubs aus Madrid kommen an einen guten Ort.

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