Hans Meyer über Theater und Fußball


Veröffentlicht am 9. Juni 2014

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„Es ist verrückt, wenn ich mir Stücke aus der Antike anschaue, wie aktuell die Stoffe sind. Es kehrt alles immer wieder: Das sind die Probleme von Menschen, und die Fans sind ja auch „nur“ Menschen. Das Theater findet überall Themen, die Frage ist immer: Wenn ich so was aufgreife, wo soll es hinführen, damit es ein Erfolg ist. Es gibt beim Thema Fußball natürlich auch Stücke, die nach Selbstzweck riechen. Wie im Fußball selber: Wenn ich drei Spiele lang nur zaubere und kein Tor schieße, dann ist das auch Selbstzweck.“

„Für mich ist Fußball keine Kunst, auch wenn man von Spielkunst redet. Für mich ist Fußball vielmehr Handwerk, harte Arbeit. Aber schauen Sie sich die Zuschauerzahlen an: Wenn man sieht, mit wie viel Akkuratesse, Fleiß und Aufwand ein Theaterstück auf die Bühne gebracht wird, dann tut es einem wirklich leid, wenn im Zuschauersaal 300 oder 400 sind, und nicht etwa 80.000. Gespielt wird ja nicht im luftleeren Raum, in beiden Bereichen tut man es für jemanden und will etwas erreichen.“

Hans Meyer während eines Podiumsgespräches im Deutschen Theater Berlin

Hans Meyer während eines Podiumsgespräches im Deutschen Theater Berlin

„Wenn man für ein bisschen Talent oder nur für das Glück, dass man in einer so populären Sportart arbeitet, so viel Anerkennung und Öffentlichkeit erfährt, dann liegt es nahe, dass nicht jeder damit umgehen kann. Und sowohl Trainer als auch Präsidenten und Spieler haben da in ihrem Verhalten Riesenprobleme, sie selbst zu bleiben und nicht irgendetwas zu spielen. Aber es sind, wie gesagt, Eitelkeiten, dazu brauchst du kein schauspielerisches Talent. Es sei denn jenes, was immer wieder in der Kritik steht, dass du das Foul imitierst, und versuchst, den Schiedsrichter zu betrügen.“

„Es gibt da eine ganze Menge Parallelen. Du arbeitest mit Menschen, du hast es mit Individuen zu tun, mit dem, was durch ihre Köpfe geht, wie sie veranlagt sind, aber auch, was aktuell mit ihnen passiert. Andererseits kannst du nicht öffentlich sagen, dem Spieler X oder Y, dem ist seine Freundin weggelaufen und damit schlechte Leistung erklären. Genau solche Probleme hat der Regisseur: Der weiß, was er von dem Einzelnen erwarten kann, aber dann ist er auch nicht gefeit gegen Dinge, die im Alltag passieren.“

„Ich habe noch nicht erlebt, dass ein Theaterpublikum so extrem seinen Unmut zeigt, dass man drinsitzt als Neutraler und sagt: Das geht doch gar nicht, dass man den Menschen, die sich da vorne bemühen, so wenig entgegenbringt an Achtung. Ich würde mir wünschen, dass das, was auf dem Fußballplatz passiert, nicht so häufig von den Fans persönlich genommen wird: Wenn „meine“ Mannschaft verliert, dann gehe ich als Fan nach Hause und sage: Die wollen nicht. Nichts stimmt weniger als das. Auf den Gedanken, dass der andere nur besser war, kommt keiner.“

„Ich schau mir hier in Nürnberg ein Stück an – „Besuch beim Vater“ war es -, und das war eines von den ganz wenigen Stücken, wo ich gesagt habe: In Zukunft möchte ich so was nicht mehr sehen. Aber ich habe trotzdem einen Riesenrespekt vor der schauspielerischen Leistung gehabt. Das würde ich mir vom Fußballpublikum auch wünschen. Aber das ist natürlich eine Illusion, weil ich weiß, diese Emotionen kannst du mit Verstand und mit Anstand schlecht bekämpfen.“

(Hans Meyer, Interview Nürnberger Nachrichten, 11. November 2009)

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