Freud und Leid – Blick zurück


Veröffentlicht am 16. Juli 2014

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Deutschland am Scheitelpunkt einer Ära, die Fußballwelt im Umbruch

Wir waren Papst und sind Weltmeister. Mehr geht nicht. Die Fußballwelt huldigt unserem Land. Deutschland hat mit Teamgeist, Siegeswillen und Spielkultur den Thron bestiegen, die Spanier abgelöst, kann ähnlich wie die Iberer einige Jahre den Weltfußball dominieren. Spieler und Potenzial sind vorhanden, die Bundesliga schaufelt Nachfolger. Einen Jungen namens Kramer konnte man bis zu seinem Knockout schon im Endspiel bewundern. Die Keimzellen dieses Triumphs liegen auch in München und Dortmund. Bayern wie die Borussia waren eine signalhafte Vorhut für diesen Titel, Wembley 2013 kein Zufall. Titelverteidigung 2018 also durchaus machbar, auf der Wegstrecke Europameister, nichts ist unmöglich. Die Weltmeister sind zurück und haben sich jedwede Feierlichkeit nebst Urlaub grandios wie redlich verdient. Danke, Deutschland!

Derweil die weltweite Fußballfamilie in Aufruhr und Umbruch. Es gab wenige Sieger in Brasilien, aber eine Menge Verlierer. Neben Deutschland darf sich vor allem Costa Rica auf die Schulter klopfen, man erkämpfte und erspielte sich die Anerkennung der Fußballwelt, die Männer aus Zentralamerika waren die Turnierbereicherung. Für Furore sorgten Mexiko, Chile, Kolumbien, dennoch zogen sie unglücklich von dannen, ihr Fußball und die Art, wie sie ihn spielten, war zu mehr berufen, es sollte nicht sein. Holland wurde Dritter und legte wenig Wert darauf. Auch für Oranje reichte es wieder nicht zum ersten Titel, selbst ein Louis van Gaal kann Weltmeister nicht backen.

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Für die Negativschlagzeilen sorgte der große Fußballer und schwache Charakter Luis Suárez, er biss, flog lange aus dem Sport, aber nicht aus dem Geschäft. Ein Megavertrag bei Barca und das Einkommen seines Lebens winkten und flatterten umgehend ins Haus. Fußballherz was willst du mehr. In Barcelona soll er neben Messi und Neymar Teil eines Neuanfangs sein. Neymar war in seinem Heimatland Teil eines sportlichen wie emotionalen Desasters, Brasilien der große Verlierer dieser WM. Das brasilianische Fußballherz zerbröckelte an zu schwachen Spielern, an den Deutschen und an einer nationalen Überhöhung, die alle Beteiligten überforderte. Der Schuldige ist ausgemacht, der Kopf und die Reputation von Luiz Felipe Scolari müssen herhalten, während die Spieler wieder ihren hochbezahlten Dienst in europäischen Topclubs antreten und sehr bald das Übermaß an Tränen mit bewährten Euros trocknen. Die Probleme des brasilianischen Fußballs sind so gravierend wie die des Landes, es gibt viel zu tun an der Copacabana.

Lionel Messi, man kommt nicht an ihm vorbei, wird nun töricht als „unvollendet“ bezeichnet, er ist schließlich „nur“ Mitspieler im Team eines Vizeweltmeisters. Blödsinn. Er mag nicht seine beste Zeit haben und diese vielleicht auch vorbei sein, Menschen und Dinge ändern sich, auch Fußballer. Vielleicht war er nicht mal der beste Spieler des Turniers, es fallen einem wirklich andere ein, so etwas liegt immer im Auge der Betrachter und fehlbarer oder gelenkter Juroren. Leider gibt es in der Messi-Betrachtung einfach kein Normalmaß mehr, in Lob und Tadel schießt die Beurteilung uferlos ins Kraut, taumelt zwischen Heiligsprechung und Verdammnis, geht eher mit einem überirdischen Wesen ins Gericht als sich mit einem irdischen Menschen auseinanderzusetzen. Daran ist aber nicht Messi schuld. Eine Ausnahmererscheinung der besonderen Art in diesem Fußballjahrhundert war er lange vor diesem Turnier und ist es geblieben, Titel hin oder her. Seinen Namen wird man noch kennen, wenn alle Worte über ihn längst verhallt sind.

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Desaströs und blamabel verliefen die WM-Tage für Exweltmeister und vorgebliche Größen des Fußballs. Spanien, Italien und England scheiterten kläglich, auch so etwas gehört zum Sport. In Spanien zerbrach nicht die Welt, zu dankbar war man für die letzten Jahre. Weiter vertraut man alter Qualität und zertrampelte nicht das Lebenswerk eines Trainers, weil zwei Spiele schlecht gelaufen. Vicente del Bosque macht mit seiner Arbeit weiter, Nachwuchs steht in hoher Qualität bereit. Es wird bald wieder ein hungriges und gutes spanisches Team geben. Niemand sollte daran zweifeln. Mit dem Nachwuchs ist es dagegen in Italien nicht gut bestellt, dort zog der Trainer Prandelli persönliche Konsequenzen, ein integrer Charakter verabschiedete sich von der Bühne des Weltfußballs. Italien hat es immer geschafft, aus der Asche wieder Glut zu machen und sich in die Weltspitze zu heben, ob dieser Coup auch diesmal gelingt? Zweifel sind angebracht. Keine Zweifel dagegen bei Roy Hodgson, der englische Trainer wähnt sich auf dem richtigen Weg. Ein Punkt und letzter der Gruppe, im Mutterland des Fußballs verwundert dies niemanden mehr, man nimmt es hin, die Weltspitze ist den Engländern schon sehr lange für immer entglitten. An die Weltspitze will Fabio Capello, mit Russland 2018 die Heim-WM gewinnen. Seinen vollmundigen Bekundungen folgte ein schrecklicher WM-Auftritt. Weniger Fußball als Russland hat wohl niemand in diesem Turnier geboten. Die Russen störte dies nicht, sie folgen Capello auf seinem Weg.

Über Deutschland und Costa Rica hinaus gibt es noch einen großen Sieger, wie immer heißt er Sepp Blatter, der Ewige und Unberührbare. Wie viel FIFA in Blatter oder wie viel Blatter in der FIFA steckt, ist nicht mehr erkennbar. Wohin der Alleinherrscher des Weltfußballs den Sport noch treibt ist nicht vorhersehbar, wird abzuwarten sein. Irgendwann aber endet auch dieses Königtum, so lehrt es die Geschichte und das Leben. Die WM setzte Milliarden um, das Geld bestimmt alleinig die Richtung, der Fußball folgt auf dem Weg.

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Neben der deutschen Mannschaft und Messi glänzten einige tolle Spieler, die vor der WM nicht so im Fokus großer Aufmerksamkeit standen. Stellvertretend für sie sollen hier nur der Kolumbianer James Rodríguez und der Torwart von Costa Rica, Keylor Navas, genannt werden. Allen WM-Teilnehmern ist nun etwas Urlaub vergönnt und dem Gastgeberland Brasilien wie seinen Menschen über ihren Schmerz hinweg herzlichst für ein phantastisches Turnier und wundervolle Gastlichkeit zu danken. Das brasilianische Volk hat einen Titel gewonnen, der ihrem Nationalteam verwehrt sein musste, sie waren weltmeisterlich. Danke, Brasilien!

Redaktion Magath & Fußball

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