Der gerechte Lohn


Veröffentlicht am 19. Juli 2014

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Deutschland ist hochverdienter Weltmeister 2014

1954, 1974, 1990, 2014! Deutschland ist Weltmeister! Endlich, der vierte Stern! Doch wer hätte das noch vor zwei Monaten für möglich gehalten, als eine personell arg gebeutelte DFB-Auswahl am 21. Mai ins Trainingslager im Passeiertal in Südtirol aufbrach? Neuer, Schweinsteiger, Lahm – inzwischen WM-Helden und dem Legendenstatus nah – plagten sich mit mehr oder minder schweren Verletzungen, der Pflichtspielmarathon einer gedrängten Spielzeit hatte seine Spuren hinterlassen. Schnell ward zudem der Stab über Joachim Löw gebrochen, der einmal mehr mit ebenso mutigen wie überraschenden Kaderentscheidungen aufgewartet hatte, die Wünsche der etwa 81 Millionen Bundestrainer in unserem fußballverrückten Land natürlich nicht alle erfüllen konnte und deshalb öffentlich zum Abschuss freigegeben wurde. Kurzum: Die Kritiker und hiesigen Sportmedien rieben sich erwartungsfroh die Hände angesichts der unmittelbar bevorstehenden Zäsur in Fußball-Deutschland. Doch 59 Tage später ist plötzlich alles anders. Eine Generation, der die Siegermentalität auf der größten Bühne des Weltfußballs schon abgesprochen wurde, hat sich auf beeindruckende Weise selbst ein Denkmal gesetzt. Ein echtes Team hat es allen gezeigt.

Deutlich zu vernehmen waren die Unkenrufe im Vorfeld des Eröffnungsspiels gegen Cristiano Ronaldo und eine portugiesische Mannschaft, die von der FIFA immerhin auf Rang vier der Weltrangliste geführt wurde. Mit etwas Glück in den entscheidenden Spielmomenten, einer sicheren wie torgefährlichen Deckung, dem üblichen Aussetzer von Raubein Pepe und einem unnachahmlichen Thomas Müller gelang ein verblüffender, gleichzeitig sinnesbetörender 4:0-Startsieg. In der Gefühlslage einer ganzen Nation lagen nur 90 Minuten zwischen Vorrunden-Rohrkrepierer und kommendem Titelträger. Anschließend tat sich dieser jedoch schwer, Ghana bereitete der mit ausnahmslos gelernten Innenverteidigern aufgestellten deutschen Viererkette mehrfach insbesondere über die Außenbahnen große Probleme. Das durch den eingewechselten Miroslav Klose herbeigeführte 2:2-Unentschieden war allerdings weit weniger desaströs, als es das mediale Echo hinterher vermuten ließ. So geriet die dritte und letzte Gruppenpartie gegen die USA zur lästigen Pflichtübung, der sich Jogis Jungs trotz drückender Schwüle und strömenden Regens in Recife einigermaßen souverän entledigten. Müller erzielte den einzigen Treffer des Abends und Deutschland stieß als Gruppenerster ins Achtelfinale.

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In der Runde der letzten 16 wartete Algerien, die Nordafrikaner hatten in Gruppe H überraschend den Gastgeber des kommenden WM-Turniers Russland sowie die Südkoreaner hinter sich gelassen und erwiesen sich im klimatisch gemäßigteren Porto Alegre am östlichen Ufer des Guaíba-Flusses als ganz harte Nuss. Mehrfach rettete Manuel Neuer bei den gut vorgetragenen Konterattacken der Wüstenfüchse in großer Libero-Manier weit vor dem eigenen Tor. Erst in der Verlängerung wusste Joker André Schürrle den algerischen Riegel per Hacke zu knacken und nach dem hart erkämpften 2:1-Erfolg blieb vor allem die Erkenntnis, dass es die „Kleinen“ im Weltfußball dieser Tage so nicht mehr gibt. Entsprechend groß das Unverständnis von Per Mertesacker, als die üblichen Reporterfragen Sekunden nach Spielschluss eher Turnieraus als Viertelfinaleinzug suggerierten. „Wat wollen ‘se jetzt von mir, so kurz nach‘m Spiel? Glauben Sie, unter den letzten 16 ist irgend ‘ne Karnevalstruppe oder was? Wollen Sie ‘ne erfolgreiche WM oder sollen wir wieder ausscheiden und ham schön gespielt?“ Merklich angesäuert vom überkritischen ZDF-Kollegen produzierte der Mann vom FC Arsenal mit seinen Antworten einen echten Youtube-Renner, dem eine glasklare Botschaft innewohnte.

In Brasilien ging es der DFB-Elf nämlich alles in allem weniger darum, fußballerische Glanzpunkte zu setzen, als mannschaftliche Geschlossenheit zu demonstrieren, klug zu spielen und dem Gegner mit einem klaren, taktischen Plan zu begegnen. So war auch das Traditionsduell mit den Franzosen beileibe kein Leckerbissen. Eine Standardsituation – Toni Kroos fand den Kopf von Mats Hummels – machte den Unterschied und die wenigen Chancen der im Turnierverlauf durchaus beeindruckenden Equipe vereitelte Neuer glänzend. Mit einem klugen Schachzug sorgte Joachim Löw zudem für mehr Stabilität in den deutschen Reihen: Es muss dem Bundestrainer hoch angerechnet werden, dass er seine ursprüngliche Idee mit Philipp Lahm in der Mittelfeldzentrale doch noch verwarf und den Kapitän zugunsten von Bastian Schweinsteiger wieder auf seine angestammte Rechtsverteidigerposition beorderte. Eine Maßnahme, die erkennbare Früchte trug und letztlich wohl mitentscheidend gewesen sein dürfte für den ganz großen Triumph.

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Wurde Deutschland bis hierhin meist noch auf überwiegend nüchternen Ergebnisfußball reduziert, erbrachte spätestens das Halbfinale einen historischen Beweis für Teamgeist und Spielfreude des DFB-Kaders. Vom 7:1 gegen den völlig überforderten und blind in sein Verderben rennenden Gastgeber wird auch in 100 Jahren noch zu sprechen sein – an diesem sagenhaften Dienstagabend in Belo Horizonte erlebte die Fußballwelt die wohl beste erste Halbzeit der deutschen WM-Geschichte. Vier Tore binnen sechs Minuten trafen ein ganzes Volk mitten ins Mark, hinterließen ungläubiges Staunen bei Millionen Zeitzeugen vor den Fernsehbildschirmen. Dass Klose mit seinem 16. Tor bei einer Weltmeisterschaft ausgerechnet den großen Ronaldo, „Il Fenômeno“, der dem Spektakel als TV-Experte live vor Ort beiwohnte, übertraf, geriet fast zur Randnotiz angesichts dieser Vorführung des einstigen WM-Topfavoriten. Doch anstatt sich vom Hochgefühl des besonderen Sieges und der jetzt völlig aus den Fugen geratenen Euphoriewelle, die von unzähligen Fanmeilen in der Heimat bis nach Brasilien schwappte, blenden zu lassen, übten sich alle Beteiligten in Zurückhaltung und Demut.

Gut daran taten sie, denn der Finalgegner Argentinien war ein äußerst gefährlicher. Dennoch wurde auch der „Albiceleste“, die im Halbfinale Holland im Elfmeterschießen bezwang, gemeinhin ein wenig zufriedenstellendes Turnier attestiert – und überhaupt hatte Lionel Messi ja erst viermal getroffen. Logisch, da musste doch irgendetwas schiefgelaufen sein! Spätestens nach einer halben Stunde im Estádio do Maracanã aber war klar, dass die Mannschaft des oftmals belächelten Alejandro Sabella dem kommenden Weltmeister auf Augenhöhe begegnete. Mehr noch, Argentinien war lange sogar das Team mit den besseren Chancen. Während Messi tat, was Messi immer tut, die deutsche Deckung ein ums andere Mal mit seinen beispiellosen Dribblings narrte und zeigte, dass er an guten Tagen von nichts und niemandem auf der Welt mit fairen Mitteln zu stoppen ist, war es einfach nicht der Tag des Gonzalo Higuaín. Zum wiederholten Male kam zudem Neuers Präsenz zum Tragen, der, so schien es, durch seine bloße Anwesenheit den gegnerischen Angreifern imponierte. Ein Fight auf Biegen und Brechen – nach 90 Minuten stand es noch immer torlos. Letztlich musste also ein Geniestreich her, um das drohende Nervenspiel vom Elfmeterpunkt zu umschiffen. Der eingewechselte Schürrle startete über links, zog den Sprint an und flankte in den Strafraum. Dort war Mario Götze, der zuvor nicht unbedingt das Turnier seines Lebens gespielt hatte, plötzlich völlig frei, nahm das Spielgerät butterweich mit der Brust aus der Luft und überwand im Fallen den starken Sergio Romero zum wahrhaft goldenen Tor seiner noch jungen Karriere.

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Grenzenloser Jubel, Freudentränen, Momente für die Ewigkeit. Was sich in den Stunden nach dem Finalsieg nicht nur in Brasilien, sondern auch und vor allem bei der Ankunft in Berlin abspielte, wird keinem Fußballfan so schnell aus dem Gedächtnis schwinden. Selbst in den entlegensten Winkeln unseres Landes war in der denkwürdigen Nacht des 13. Julis ein Feuerwerk zu bestaunen, hupende Autos auf allen Straßen, eine Nation in Stolz und Freude vereint. Welch unglaubliche gesellschaftliche Bedeutung der Fußball inzwischen erreicht hat, wurde uns in den vergangenen Tagen und Wochen auf vielfältige Art und Weise vor Augen geführt. Man darf den Hut davor ziehen, wie „Jogi und seine Jungs“ dem Erwartungsdruck, der im Fußball nicht erst seit diesem Sommer jedwedes Normalmaß übersteigt, standhielten und sich trotz allem immer eine gewisse Leichtigkeit bewahrten.

Zum Schluss muss eine Frage gestattet sein: Gab es je einen verdienteren Weltmeister als diese DFB-Elf anno 2014? Nein! Denn, nach dem 0:2 im WM-Finale 2002 gegen Brasilien, den beiden Halbfinal-Niederlagen 2006 gegen Italien und 2010 gegen Spanien sowie je einem verlorenen Europameisterschaftsfinale 2008 und -halbfinale 2012 war die Zeit einfach reif für einen Titel. Zu befürchten bleibt freilich, dass im Falle einer erneuten Endspielniederlage alles praktisch über Nacht wieder infrage gestellt worden wäre. Diese Konstanz aber, mit der sich unsere Nationalmannschaft in den letzten Jahrzehnten in der absoluten Weltspitze präsentierte, sucht ihresgleichen. Erstmals seit August 1993 wird Deutschland deshalb in dieser Woche wieder auf Platz eins der FIFA-Weltrangliste geführt.

Redaktion Magath & Fußball

DER WEG ZUM TITEL

Vorrunde

Mo., 16.06.14 | Salvador | Deutschland – Portugal 4:0 (3:0)
Tore: 1:0 Müller (12., Foulelfmeter), 2:0 Hummels (32.), 3:0 Müller (45.+1), 4:0 Müller (78.)

Sa., 21.06.14 | Fortaleza | Deutschland – Ghana 2:2 (0:0)
Tore: 1:0 Götze (51.), 1:1 A. Ayew (54.), 1:2 Gyan (63.), 2:2 Klose (71.)

Do., 26.06.14 | Recife | USA – Deutschland 0:1 (0:0)
Tor: 0:1 Müller (55.)

Achtelfinale

Mo., 30.06.14 | Porto Alegre | Deutschland – Algerien 2:1 n.V. (0:0, 0:0, 1:0)
Tore: 1:0 Schürrle (92.), 2:0 Özil (119.), 2:1 Djabou (120.+1)

Viertelfinale

Fr., 04.07.14 | Rio de Janeiro | Frankreich – Deutschland 0:1 (0:1)
Tor: 0:1 Hummels (12.)

Halbfinale

Di., 08.07.14 | Belo Horizonte | Brasilien – Deutschland 1:7 (0:5)
Tore: 0:1 Müller (11.), 0:2 Klose (23.), 0:3 Kroos (24.), 0:4 Kroos (26.), 0:5 Khedira (29.), 0:6 Schürrle (69.), 0:7 Schürrle (79.), 1:7 Oscar (90.)

Finale

So., 13.07.14 | Rio de Janeiro | Deutschland – Argentinien 1:0 n.V. (0:0, 0:0, 0:0)
Tor: 1:0 Götze (113.)

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DAS WM-TEAM IN BRASILIEN

Tor

Manuel Neuer (7 Einsätze/690 Minuten), Roman Weidenfeller (0/0), Ron-Robert Zieler (0/0)

Abwehr

Mats Hummels (6/507), Jérôme Boateng (7/645), Per Mertesacker (6/436), Benedikt Höwedes (7/690), Matthias Ginter (0/0), Shkodran Mustafi (3/132), Erik Durm (0/0), Philipp Lahm (7/690)

Mittelfeld

Sami Khedira (5/374), Christoph Kramer (3/43), Bastian Schweinsteiger (6/505), Mesut Özil (7/650), Mario Götze (6/258), Toni Kroos (7/689), Julian Draxler (1/15), Kevin Großkreutz (0/0), Lukas Podolski (2/54), André Schürrle (6/251), Thomas Müller (7/681)

Angriff

Miroslav Klose (5/279)

Management

Oliver Bierhoff

Trainerstab

Joachim Löw (Cheftrainer), Hans-Dieter Flick (Assistenztrainer), Andreas Köpke (Torwartrainer), Shad Forsythe (Fitnesstrainer), Yann-Benjamin Kugel (Fitnesstrainer), Dr. Hans-Dieter Hermann (Mentaltrainer)

Ärztestab

Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Prof. Dr. Tim Meyer, Dr. Josef Schmitt

Physiotherapeuten

Wolfgang Bunz, Klaus Eder, Christian Müller, Christian Huhn

Funktionsteam

Manfred Drexler (Zeugwart), Thomas Mai (Zeugwart), Wolfgang Hochfellner (Busfahrer)

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