Kapitäne gehen von Bord


Veröffentlicht am 22. Juli 2014

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Philipp Lahm und Steven Gerrard beenden Karriere im Nationaltrikot

Einfach ist es nicht, den richtigen Zeitpunkt für einen Rücktritt zu erwischen. Auch dieser allerletzte Schritt einer großen Karriere will wohl überlegt sein, das Zeitgespür eine Kunst, die mitentscheidend dafür sein kann, mit welchem Zungenschlag ein Sportlerleben im Nachgang rekapituliert wird. Oft zu spät, manchmal zu früh, bisweilen den allgemeinen Erwartungen entsprechend, hin und wieder für alle überraschend – ein Rücktritt bleibt immer auch Kontroverse, insbesondere in der zitatengeschwängerten Fußballwelt ein gerne und viel diskutiertes Medienthema. Jüngst reihten sich erst Philipp Lahm und drei Tage später Steven Gerrard in den erlauchten Kreis verdienstvoller Ex-Nationalspieler: Zwei große Kapitäne quittierten den Dienst für ihr Land auf dem Rasen.

Ließe sich ein besserer Abschied erträumen, als jener mit dem WM-Pokal im Gepäck? Wohl kaum! Andererseits: Philipp Lahm ist mit 30 noch recht jung an Jahren, man hätte sich den flinken und ballsicheren Rechtsverteidiger wohl mindestens noch bis zur Weltmeisterschaft in Russland im Sommer 2018 gut im deutschen Gefüge vorstellen können. Was am 18. Februar 2004 mit dem ersten von insgesamt 113 Länderspieleinsätzen in Split gegen Kroatien (2:1) begann und nun im legendären Maracanã zu Ende ging, darf getrost als eine der erfolgreichsten Karrieren der DFB-Geschichte bezeichnet werden. Bei sechs großen Turnieren verkörperte Lahm, der einst unter Felix Magath beim VfB Stuttgart den Bundesliga-Durchbruch schaffte, auf den Außenbahnen absolute Weltklasse – viermal in Folge wurde der gebürtige Münchner ins Allstar-Team gewählt (WM 2006, EM 2008, WM 2010, EM 2012). Offiziell seit 2011, als Stellvertreter Michael Ballacks aber bereits seit der WM 2010 in Südafrika, führte Lahm die deutsche Nationalmannschaft als Kapitän aufs Feld und stand in ausnahmslos jedem seiner Länderspiele auch in der Startelf. Jetzt macht Lahm einer neuen Generation Platz, mit dem vierten Stern für Deutschland sieht er seine Mission als erfüllt: „Meine Rolle, mein Wirken sind ausgereizt. Ich glaube, die Mannschaft braucht mich nicht mehr. Es geht auch ohne mich.“ Man muss diese Entscheidung respektieren – Philipp Lahm tritt als Weltmeister-Kapitän ab und wird als dieser in Erinnerung bleiben.

Zumindest aus sportlicher Sicht hätte Steven Gerrard den Zeitpunkt seines Rücktritts nicht gegensätzlicher wählen können, England schied einmal mehr enttäuschend als Gruppenletzter in der Vorrunde aus dem Turnier. Anders als Lahm aber ist der „Skipper“ der „Three Lions“ bereits 34, dass sich das Kapitel Nationalelf für Gerrard in Brasilien schließt, kommt daher nicht wirklich überraschend. Über 14 Jahre hielt der aus Whiston, Merseyside stammende Mittelfeldlenker die Knochen für sein Land hin, gab am 31. Mai 2000 in Wembley gegen die Ukraine sein Debüt (2:0) und verabschiedete sich kürzlich in Belo Horizonte beim torlosen Remis gegen Costa Rica. Nach insgesamt 114 Länderspielen stehen 21 Tore für Englands Nummer vier zu Buche, sein erstes erzielte er beim legendären 5:1-Sieg gegen Deutschland in München. Steven Gerrard wurde beim FC Liverpool unantastbare Identifikationsfigur und zweifellos einer der größten Kapitäne der Fußballgeschichte, mit der Nationalmannschaft ward ihm jedoch weniger Glück beschieden. Zwar wurde auch er 2012 von der UEFA ins EM-Allstar-Team berufen, ansonsten aber waren die großen Turniere nicht seine Bühne. Bei der WM 2006 scheiterte er gegen Portugal im Viertelfinale vom Elfmeterpunkt, 2010 setzte es im Achtelfinale beim 1:4 gegen Deutschland die höchste Niederlage der englischen WM-Geschichte. „Für mich wird der Legendenstatus im Fußball viel zu schnell vergeben. Wenn es um England geht, gibt es in der Geschichte nur elf wirkliche Helden“, formulierte er einst. Leider gehört Steven Gerrard selbst nicht dazu.

Redaktion Magath & Fußball

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