Verpasster Neuanfang


Veröffentlicht am 24. Juli 2014

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Carlos Dunga neuer Nationaltrainer in Brasilien

Die brasilianische Fußballgegenwart ist grau bis schwarz, die Freude gewichen, eine gute Zukunft nicht zu erahnen. Dunkelheit im Herzensland des Fußballs. Da hilft dann nur ein Blick zurück. Nur damit ist Trost zu finden. Im brasilianischen Verband hat man sich deswegen gleich für einen Griff in die Vergangenheit entschieden und einen neuen wie alten Nationalcoach namens Carlos Dunga aus dem Hut gezaubert. Vielen Brasilianern wäre ein Kaninchen lieber gewesen, mit Grauen erinnern sie sich an Dungas erste Amtszeit. Schwäbische Behäbigkeit und kein Ballzauber Marke Garrincha.

Diese Art Rückgriff hat Tradition in Brasilien, auch Mário Zagallo, Carlos Alberto Parreira und Luiz Felipe Scolari wurden mehrfach bestellt. Allerdings wurden sie im ersten Anlauf Titelträger und Champion, machten die Seleção zum Weltmeister. In der jeweiligen Neuauflage strandeten sie eher mit ihren Bemühungen, der zweite Aufguss hatte sein Prickeln verloren. Dunga wurde mit Brasilien als Trainer Südamerikameister und Weltmeister als Spieler. Immerhin. Allerdings verkörpert Carlos Dunga für viele begeisterte Fußballbrasilianer das personifizierte Ende schönen Fußballs. Selbst mit der Disziplin haperte es im Dunga-Team, sein WM-Kader 2010 agierte uninspiriert und lustlos. Gerade er soll nun die zerstobenen Träume nach einer brasilianischen Identität auf dem Platz beleben, eine Rückkehr brasilianischer Fußballkunst mit südamerikanischer Spieltugend bewerkstelligen. Die Brasilianer trauen ihren Augen und Ohren nicht. Es ist fast so, als würden die Engländer sich wegen des schlechten WM-Abschneidens von Roy Hodgson trennen, um dann umgehend Fabio Capello zu verpflichten. Aber der temperamentvolle und sattsam bekannte Zorn unterm Zuckerhut hält sich in Grenzen. Zu tief sitzt die Wunde der WM, zu hart drücken die Zahlen Sieben und Eins auf der Seele. Ein erneuter Titel scheint Lichtjahre entfernt.

Der Nationaltrainer ist auch nicht das Kernproblem, Dunga nur ein schwaches Glied in einer morschen Kette. Der Verband weder willens noch fähig zu einem kraftvollen Aufbruch, die Liga in Brasilien zerfällt in Mittelmaß und Bedeutungslosigkeit, die Vereine sind hoffnungslos verschuldet und Spieler – jung wie alt – wandern, so schnell es irgend geht, nach Europa. Man spielt lieber in der Kälte Sibiriens denn unter der Sonne am Amazonas. Der brasilianische Fußball steht in Struktur und Identität vor einem Scherbenhaufen. Frische Kraft und frischer Wind müssten her, großer Mut ist gefragt. Verband und Vereine müssen umdenken, einen langen und steinigen Weg des Umbruchs gehen, wieder eine einheimische Generation von Spielern heranwachsen lassen. Diese Talente und Spieler müssen Förderung erhalten, damit das Heil des brasilianischen Fußballs nicht auf den in Europa lebenden und spielenden „Superstars“ liegt. Diese sind bei näherer Betrachtung nebst unterzogenem Realitätstest mit Namen WM eher Fußballzwerge und spielende Papiertiger – aber eben keine großen Champion. Diese Illusion ist in den Turniertagen zerborsten. Doch wer soll im brasilianischen Fußball die Herkuleskraft aufbringen und diese Aufgabe stemmen? Wo sind die Retter? Keine Brise des Aufbruchs weht, kein Licht der Hoffnung flackert. Die Fußballfinsternis wird an der Copacabana leider noch sehr lange anhalten.

Redaktion Magath & Fußball

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