Aufbruchzeiten – Englands Fußball am Scheideweg


Veröffentlicht am 29. August 2014

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Louis van Gaal und Felix Magath gestalten Neuanfang

Englands Fußball muss umdenken, Fans und Medien endlich einen klaren Blick auf die Realität tätigen. Bei Chelsea und Manchester City standen in der Startformation zum Saisonauftakt jeweils ein Engländer und zehn Ausländer. Darüber muss nicht nur der Nationaltrainer besorgt sein, sondern auch die britische Fußballöffentlichkeit. Louis van Gaal hatte bei Manchester United immerhin sieben Briten im Auftakt, musste sich nach der Heimniederlage umgehend Kritik aus der Öffentlichkeit anhören wegen zu weniger Investitionen in ausländische Stars. Diese Fußballöffentlichkeit muss sich entscheiden. Möchte man ein ausländisches Starensemble oder Teams mit heimischen Talenten, die sich aus eigenen Nachwuchsbereichen rekrutieren? Zweiteres würde den englischen Fußball in Gesamtheit voranbringen, den „Three Lions“ wieder internationale Geltung verschaffen. In zwei Jahren jährt sich der letzte Titelgewinn für England zum 60. Mal, darüber kann niemand froh sein im Mutterland des Fußballs.

Wer Veränderungen anstößt eckt an, weil er an Bequemlichkeit rüttelt. Luis van Gaal hat eine Baustelle vorgefunden. Van Gaal verfügt über Rückgrat und weiß um den Weg, der vor ihm liegt, er wird sich davon nicht abbringen lassen und Kurs halten. Darin ähnelt der Holländer seinem Trainerkollegen Felix Magath, dem beim FC Fulham ähnliches wiederfahren. Beide kämpfen gegen alte Strukturen, müssen gleichzeitig einen Neuanfang organisieren. Dieser Reset gleicht einer Operation am offenen Herzen. Magath und van Gaal streben Nachhaltigkeit an, wollen ihren Teams eine neue Philosophie geben. Allerdings kann Felix Magath zur Beschleunigung des Prozesses nicht einen 75 Millionen Euro-Transfer tätigen und Ángel Di María vom Champions League Sieger verpflichten. Bei Fulham scheiterte schon die Verpflichtung von Schottlands Nationaltorwart David Marshall, niemand im Verein vermochte diese Personalie umzusetzen. Felix Magath stand zum Saisonstart ohne erfahrenen Torwart da, griff nun auf Gábor Király zurück, einen 38-jährigen Keeper von 1860 München. Übrigens setzt Magath in dieser Saison mehr Spieler britischer Herkunft in seinen Startformationen ein, als andere Londoner Clubs.

Auch in England sind Manager inzwischen der Buhmann. Nie tragen der Verein und sein Führungspersonal die Schuld. In Krisensituationen verflüchtigen sich viele Funktionsträger, blenden eigene Verantwortung aus. Manager allein auf weiter Flur. Felix Magath ist kein Illusionist, wusste immer was auf ihn zukommt. Bei einem Englandbesuch 2013 hatte er ein Gespräch mit dem damaligen Fulham-Manager Martin Jol. Gute Spieler mussten verkauft werden, für neue, erstklassige Premier League Spieler waren keinerlei Mittel verfügbar. Die Prügel für die sportliche Talfahrt bezog einzig Jol. Magath stieß in Fulham auf einen Club, der auf der Intensivstation lag und eine Generalüberholung benötigte. Diese Analyse schmeckte nicht jedem, Widerstände machten sich breit und hindern bis heute. Einen starken und klugen Unterstützer fand Felix Magath im neuen Eigentümer Shahid Khan, der das Projekt einer Erneuerung auch zu seinem machte und die Philosophie mit Magath teilt. Gemeinsam gestalten sie den schwierigen Aufbruch in den Neuanfang. Sein Engagement zeigt Shahid Khan durch seine andauernde Investitionsbereitschaft, er hat schon genügend Geld in den Verein Fulham FC gesteckt, beteiligt sich im Zusammenspiel mit Magath an der Beseitigung von Altlasten.

Ein Verein muss mit täglichen Störgeräuschen von außen leben. Manche sind nachdenkenswert, andere töricht oder dumm. In schwierigen Zeiten tritt ein Grundübel zu Tage, welches im gesamten Fußball unsägliche Normalität geworden. Die Frustbeladenen und Gescheiterten suchen Publikum und finden es. Medien geben ihnen gerne Raum, ihre Äußerungen helfen dabei, Fans und Öffentlichkeit gegen Verein und Trainer aufzubringen. Zu keiner erfolgversprechenden Aktion auf dem Platz mehr fähig, verlagert diese Art Ex-Spieler sich auf den verbalen Schauplatz neben dem Rasen. Dieser Tage kam ein Norweger um die Hecke, ein klassisches Beispiel dieser Spezies. John Arne Riise ließ es sich nicht nehmen, seinen ehemaligen Manager zu diskreditieren. Dabei blendete er völlig aus, dass es auch seine eklatanten Fehlleistungen waren, die den FC Fulham in den letzten Jahren immer weiter in den Tabellenkeller, in der Saison 2013/14 in Abstiegsränge sowie zu drei Trainerwechseln führten. Seine Leistungen standen nicht im Verhältnis zu seinem üppigen Gehalt. Seine eigene Nichtleistung wird nicht erwähnt.

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Es gibt Ex-Profis auf höherem Niveau, ihre Anmerkungen helfen dem Fußball. Alan Shearer legte in der letzten Woche den Finger auf eine Wunde des englischen Fußballs, hoffte ein Umdenken einzuleiten, eine Diskussion anzustoßen. Der Ex-Nationalspieler war immer ein Vorbild und Leistungsträger, erzielte in 63 Länderspielen 30 Tore. Für seinen Club Newcastle United traf er in 303 Spielen 148 Mal! Sein Wort kommt aus berufenem Mund. Shearer schimpfte laut über die Einstellung junger Profis: „Sie verdienen zu viel Geld in zu jungen Jahren. Sie sind nicht mehr hungrig genug, die Gier fehlt. Kein Wunder, sie werden zu früh in den Himmel gehoben. In der Folge heben sie ab.“ Shearer wurde aufgebracht durch eine Äußerung von Chelsea-Coach José Mourinho. Dieser verriet, dass der 19 Jahre alte Luke Shaw im Falle eines Wechsels von Southampton 125.000 Euro Wochenverdienst gefordert hatte. Mourinho verweigerte dies. Shaw ging nicht zu Chelsea, er ging zu Manchester United. Andere Jungspunde sind auf ähnlichem Niveau unterwegs. Jung-Nationalspieler Ross Barkley (20) verdient beim FC Everton 81.000 Euro in der Woche. Dazu Alan Shearer: „Das ist viel zu viel Geld. Es muss sich einfach negativ auswirken. Ich habe als 17-Jähriger in Southampton 30 Euro pro Woche verdient. Ich fand, das war viel zu wenig. Aber es hat mir gut getan. Ich musste Fußballschuhe putzen und Toiletten. Ich durfte nur dann in die Umkleide der A-Mannschaft, wenn ich denen die Schuhe hingestellt habe. Aber es hat mich gierig gemacht. Ich wollte endlich selbst in dieser Umkleidekabine sitzen.“

Auch in Sachen Nationalmannschaft wurde Shearer deutlich: „Unsere Nationalmannschaft ist ein hoffnungsloser Fall. Das kann niemand bestreiten. Roy Hodgson kann sich nicht hinsetzen und ernsthaft behaupten, wir hätten ganz guten Fußball gespielt und hätten einfach Pech gehabt. Die Wahrheit ist: Wir waren einfach nicht gut genug.“ Man kann Alan Shearer nur wünschen, das Trainer wie Louis van Gaal und Felix Magath in ihrer Arbeit unbeirrt fortfahren und englische Spieler zu internationaler Klasse führen, jungen Briten den Weg in den Spitzenfußball aufzeigen. Dann darf auch Alan Shearer wieder optimistischer in die Zukunft schauen, damit eine 60-jährige Wartezeit endlich einmal endet.

Redaktion Magath & Fußball

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