Fohlen und Wölfe in Europa


Veröffentlicht am 18. September 2014

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Großes Teilnehmerfeld startet in die Gruppenphase der Europa League

In zwölf Gruppen machen sich 48 Mannschaften auf, dem stiefmütterlich behandelten Bruder der Champions League ein wenig Glanz zu verschaffen. Die Europa League lüftet den Vorhang. Gruppensieger und Zweitplatzierter kommen eine Runde weiter. Das nennt sich dann Gruppenphase und mündet in ein Sechzehntelfinale. Dort stoßen noch die acht Gruppendritten der Champions League hinzu. Gemeinsam begibt man sich ins K.O.-System, um den Nachfolger von Titelverteidiger FC Sevilla zu ermitteln. Geschichte ist bereits die erste, zweite und dritte Qualifikationsrunde wie die daraus folgenden Playoffs. Paarungen wie Sioni Bolnissi gegen KS Flamurtari Vlora gehören der Fußballvergangenheit an, der FC Santos Tartu ist zum Erstaunen der Fußballfreunde nicht mehr dabei. Den Wettbewerb anziehender zu machen, es wird auch in dieser Saison nur schwerlich gelingen. Vereine, Teams und Spieler der Europa League haben mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung verdient, als ihnen gewehrt.

Die UEFA legt gleißende Scheinwerfer auf ihre Gelddruckmaschine Champions League, für die Europa League bleibt nur Brosamen. Diese schlechte Behandlung führt auch zu Desinteresse bei Fans, Medien und sogar den teilnehmenden Clubs. Die uns berieselnden Fußballübertrager plärren jedes Champions League Spiel zur Erschaffung der Welt hoch, Werbemillionen wollen verdient sein. Die Europa League verblasst daneben zur Unkenntlichkeit. Die Bundesliga ist in Europa wegen glanzvoller Champions League Auftritte von Bayern und Dortmund immer bestens vertreten. Im Europa League Wettbewerb gleicht die deutsche Bilanz eher grauer Tristesse, Deutschland kann dort nur verblassenden Ruhm vorweisen. Letzter Titelträger im UEFA-Cup war 1997 der FC Schalke 04. Eintracht Frankfurt (UEFA-Cup Sieger 1980), Mainz oder Freiburg haben in den letzten Jahren keine europäischen Aufmerksamkeiten erspielen können, man war dabei. Bayer Leverkusen konnte auch nie an den UEFA-Cup Sieg von 1988 anknüpfen. In dieser Saison versuchen sich für Deutschland eine Fohlenelf, immerhin zweifacher UEFA-Cup Gewinner und ein Wolfsrudel, dieses ohne internationale Meriten, auf dem Europa League Parkett.

Borussia Mönchengladbach hat derzeit einen guten Lauf, kommt aufregend frisch daher. Weltmeister Christoph Kramer, Mittelstürmer Max Kruse und der Schweizer Granit Xhaka sorgen für Schwung im Team von Lucien Favre. Der Gesamteindruck der Mannschaft ist stimmig, da könnte etwas gehen. Ohne das ganz große Geld und unter jährlichem Aderlass hat man in Gladbach ein schlagkräftiges Team mit vielen interessanten Spielern beisammen. Die hausbacken daherkommenden Schalker wurden von der Borussia am letzten Bundesliga-Spieltag vom Platz gefegt. Der VfL Wolfsburg, zweiter deutscher Starter, muss sich um Aderlass nicht kümmern, man schwimmt im Automobil-Geld. Der erfrischendste Spieler in der Autostadt ist ein Transfer aus dem Jahre 2012, Ivica Olic, mittlerweile 35 Jahre alt und weiter gut in Schuss. Gladbach wie Wolfsburg haben Ambitionen in der Europa League. Der Manager am Mittellandkanal grummelt diese etwas lauter heraus, als die zurückhaltender auftretenden Verantwortlichen am Niederrhein. Die Gruppenphase sollte für beide Clubs kein Problem darstellen. Die Borussia wird sich mit dem FC Villareal um Platz eins streiten, der FC Zürich und Apollon Limassol werden diesen Zweikampf nicht stören. Ähnlich bei den Wolfsburgern, die sich in Gruppe H gemeinsam mit dem FC Everton durchsetzen werden, obwohl das VW-Team blass in die Liga startete. Der OSC Lille und FK Krasnodar sind aber machbare Gegner. Ein Ausscheiden in der Gruppenphase wäre für die Borussia wie für Volkswagen eine Blamage, ein Armutszeugnis für Teams aus der Liga des Weltmeisters.

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Glanz in die oft trostlose Landschaft Europa League brachten in den letzten Jahren vor allem die Iberer, deren Clubs den Wettbewerb mit Leidenschaft und Freude annehmen. Der FC Sevilla holte den Cup dreimal in den letzten acht Jahren, weitere Doppelsieger nach 2000 waren Atlético Madrid und der FC Porto. Bei Atlético erspielte man sich im Wettbewerb Anerkennung und Aufmerksamkeit wie Selbstbewusstsein und Mut, um dann im heimischen Konzert gegen Barca und Real endlich wieder mithalten zu können. Dieses Vorhaben gelang glänzend. Glanz verbinden die Engländer mit der Europa League überhaupt nicht. Als die Tottenham Hotspurs die Champions League verpassten und in der Europa League landeten, fabulierte deren damaliger Manager Harry Redknapp über die störenden Ärgernisse, die dieser Wettbewerb mit sich bringt, brachte sein Desinteresse auch öffentlich zum Ausdruck. Damit stand er weder in England noch in Fußballeuropa allein. Die Verteidiger der Europa League sind keine Massenbewegung. Tottenham ist in dieser Saison wieder dabei, neben dem FC Everton der zweite englische Vertreter, gemeinsam mit den spanischen Teilnehmern FC Sevilla und FC Villareal sowie den beiden Bundesliga-Clubs Teil einer Favoritengruppe auf den Titel. In diesem Feld sehen sich in Selbstverständnis und Anspruch sicher auch der FC Turin, Beşiktaş Istanbul, Celtic Glasgow, der SSC Neapel und der spektakulärste Name am Firmament der Teilnehmer: Inter Mailand. Wird der legendäre Großclub aus dem Norden Italiens zuschlagen? Werden die Spanier ihre Erfolgsgeschichte fortscheiben und kann Sevilla den Titel verteidigen? Werden die Deutschen mitmischen, gar durchstarten? Wird ein Außenseiter für Furore sorgen? Kommt der Sieger aus dem Teilnehmerfeld der Champions League? Von dort kam der Sieger 2013, ein bisschen Ehrenrettung der Engländer, die dem Wettbewerb so wenig abgewinnen können. Der FC Chelsea holte den Titel, der Trainer zu diesem Zeitpunkt war ein Spanier, Rafael Benítez, dieser ist heuer mit dem SSC Neapel in der Europa League vertreten und wieder hungrig auf den Cup.

Den Topfavorit gibt es auch in diesem Jahr nicht, zumal ja noch die „unbekannten Acht“ dazu stoßen. Tolle Fußballer sind allerdings jetzt schon dabei. Akteure wie Emmanuel Adebayor, Alexander Kokorin, Gary Medel, Carlos Bacca, Vicente Iborra, Luiz Gustavo, Romelu Lukaku, Samuel Eto’o, Marek Hamšík, Gonzalo Higuaín, Juan Cuadrado, Christoph Kramer und viele andere stehen ihren Kollegen in der Champions League nicht nach, können große Leistungen abrufen. Wenn sie es tun, sollten wir hinsehen. Ein Blick lohnt schon jetzt und nicht erst zum Finale 2015 im Nationalstadion Warschau. Übertragungen der Europa League bieten außer Fußball auch Entspannung. Kein stundenlanger Budenzauber vor und nach dem Spiel, kein Expertengedrängel vor Mikrofon und Kamera und keine Wortkaskaden im Stakkato-Takt. Mehr Fußball, weniger Event-Zirkus. Dieses weniger ist hier wohltuend mehr, ein Gewinn für den Sport und ein Segen für den Zuschauer. Geben wir der Europa League eine Chance, die Teams haben es verdient.

Redaktion Magath & Fußball

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