Aufstand der Zwerge


Veröffentlicht am 22. September 2014

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Ungewohntes Tabellenbild nach Spieltag vier

Anders als in allen anderen Spitzenligen Europas kann in der Bundesliga jeder jeden schlagen, so heißt es. Wenngleich auch in Premier League, Primera División, Serie A oder Ligue 1 immer wieder Sensationen zu bestaunen sind, so ist ein Spieltag doch nirgendwo sonst so schwierig vorauszusagen wie in Deutschland. Erst das vergangene Fußballwochenende führte diesen Beweis aufs Neue. Wer den SC Paderborn nach vier Spieltagen mit acht Punkten an die Tabellenspitze getippt hätte, dicht gefolgt von Mainz 05 und Hoffenheim, der wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für verrückt erklärt worden. Überraschungen, ein Torwart-Rekord und ein Treffer aus sage und schreibe 82,3 Metern Entfernung – das Bundesliga-Wochenende hatte es in sich. Viel Zeit zum Durchschnaufen bleibt nicht.

Topspiel am vierten Spieltag: Schauplatz Benteler-Arena. Paderborn empfängt als ungeschlagener Tabellenfünfter Hannover 96 auf Platz drei. Welcher Fußballexperte hatte bitte diese Konstellation auf der Rechnung? Wohl keiner. In Ostwestfalen spielt sich dieser Tage ein Fußballmärchen ab, das umso mehr nach den mittel- und glücklosen Erstliga-Gastspielen von Fürth und Braunschweig irgendwie surreal anmutet. Fußballfans in ganz Deutschland reiben sich verwundert die Augen, erst recht, weil der SCP nunmehr seit Samstagnachmittag, 17.20 Uhr, von der Tabellenspitze grüßt. U21-Nationalspieler Elias Kachunga und der Ex-Hannoveraner Moritz Stoppelkamp trafen gegen die Niedersachsen – Stoppelkamp in der Nachspielzeit gar kurz hinter dem eigenen Strafraum per Weitschuss ins verwaiste 96-Tor. Paderborns Trainer, André Breitenreiter, dem Felix Magath schon nach dessen erfolgreicher Regionalliga-Zeit beim TSV Havelse eine große Karriere prophezeite, sieht es so: „Alles bei uns ist das Produkt harter Arbeit und kein Zufall. Es ist für uns ein Traum, vier Spiele in Folge nicht verloren zu haben. Wir haben jetzt eine richtig breite Brust.“ Diese wird auch nötig sein, will man über den sensationellen Saisonstart hinaus das Unmögliche schaffen und am Dienstag in der Allianz-Arena zu München bestehen. Ein Punktgewinn auch beim deutschen Krösus im Bereich des Möglichen? Wohl kaum. Immerhin aber schaffte es der Aufsteiger durch seine mutigen Vorstellungen zuletzt, den eigenen Mannschaftsmarktwert in die Höhe zu treiben – dieser beträgt nun also knapp ein Fünfundzwanzigstel dessen, was der Kader der Bayern hergibt. Oder anders ausgedrückt: In etwa so viel wie ein halber Mario Götze.

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Derweil trug sich ebenso in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Überraschendes zu. Borussia Dortmund wollte die Paderborner Steilvorlage, garniert mit dem torlosen Unentschieden der Rotations-Bayern beim HSV nutzen, um sich selbst mit einem Sieg in Mainz an die Spitze zu setzen. Allein, auch die Schwarz-Gelben hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Nullfünfer nämlich packten den BVB dort, wo dieser nach dem erfolgreichen Champions League Auftakt gegen Arsenal am ehesten verwundbar, zermürbten nicht wirklich frisch wirkende Dortmunder mit disziplinierter Abwehrarbeit, schnellen Kontern und großer Laufbereitschaft. Freilich kam auch eine Portion Glück dazu. Borussia scheiterte mehrfach am Aluminium, vergab durch Ciro Immobile, der binnen vier Tagen vom Helden zum Pechvogel wurde, sogar einen Strafstoß und legte sich das entscheidende 0:2 in Person von Matthias Ginter zu allem Überfluss selbst ins Netz. „Wir hätten ein verdienter Sieger sein können, wenn wir die Chancen genutzt hätten. Stattdessen haben wir zwei Mal schlecht verteidigt, damit sind wir ein verdienter Verlierer“, gab es der Einschätzung von Jürgen Klopp hinterher wenig hinzuzufügen.

Verdient auch der 4:1-Sieg der Wolfsburger im Werksduell mit Bayer Leverkusen am Sonntag. Bayer 04 schon in der Anfangsphase Opfer der unsäglichen Doppelbestrafung: Ein fragwürdiger Elfmeterpfiff einhergehend mit der regeltechnisch folgerichtigen Roten Karte für den Italiener Giulio Donati ebnete den Weg für den VfL. Überhaupt standen die Schiedsrichter einmal mehr im Brennpunkt der Spieltagsdiskussionen. In Freiburg verhängte Florian Meyer in der dritten Minute der Nachspielzeit einen Freistoß, den Herthas Ronny zum 2:2 in die Maschen hämmerte. Auf Schalke ahndete Markus Schmidt eine Grätsche von Slobodan Medojević aufgrund des unabsichtlichen Handspiels des Serben wohl zu Unrecht mit Gelber Karte und Elfmeter. Für die Frankfurter Eintracht doppelt bitter, initiierte diese strittige Szene doch erst die königsblaue Aufholjagd und zog kurz vor Spielende auch noch die Ampelkarte für Medojević nach sich. In Augsburg haderte Werder-Coach Robin Dutt mit dem Schiri-Gespann, als Marco Fritz und Co. zunächst eine Abseitsstellung übersahen, um nur Sekunden später richtigerweise auf Strafstoß zu entscheiden. Augsburg gewann 4:2.

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Ausverkauft natürlich das RheinEnergieStadion am Sonntagabend: Gladbach in Köln zu Gast, Derbyzeit! Tore fielen im 128. rheinischen Vergleich auf beiden Seiten nicht, der Aufsteiger damit weiterhin ungeschlagen und ohne Gegentreffer. FC-Keeper Timo Horn schrieb deshalb Bundesliga-Geschichte: Als erster Torhüter hat Horn nach seinen ersten vier Partien im deutschen Oberhaus weiterhin eine blütenweiße Weste. Dennoch war Kölns Trainer Peter Stöger nicht restlos zufrieden: „Wir sind alle Fußballer und wollen Tore schießen. Sechs Punkte sind in Ordnung, zwei Tore sind zu wenig.“ Beinahe makellos auch die Hoffenheimer Bilanz, die durch ihren 2:0-Sieg in Stuttgart den VfB ins Tränental stürzten und sich in dieser Saison weiterhin ohne Niederlage bewegen.

Die Bundesliga hat Fahrt aufgenommen. Bereits am Dienstag und Mittwoch steht die fünfte Runde auf dem Plan. Auch dann wieder einige spannende Paarungen. München empfängt Paderborn, Schalke muss nach Bremen, Dortmund zuhause gegen Stuttgart und der HSV sucht beflügelt vom Achtungserfolg gegen Bayern in Mönchengladbach sein Glück, will im zweiten Spiel unter der Leitung von Josef Zinnbauer endlich den ersten Saisonsieg einfahren. Ob dies gelingt? Niemand weiß es im Vorfeld zu sagen. Nur eines scheint sicher: Überraschungen stehen in der Bundesliga auf der Tagesordnung.

Redaktion Magath & Fußball

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