Lebenszeichen im Lößnitztal


Veröffentlicht am 25. September 2014

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Erzgebirge Aue hält die ostdeutsche Fahne hoch

Es ist keinesfalls übertrieben, wenn man den Saisonstart der Veilchen als durchweg misslungen bezeichnet. Null Punkte, ein einziges Törchen aber schon zehn Gegentreffer nach vier Spielen mündeten in ein Chaos auf ganzer Linie. Das 0:3 daheim gegen Düsseldorf Ende August war schließlich der Auslöser, der unmittelbar vor der zweiwöchigen Spielpause zunächst Trainer Falko Götz sowie Vizepräsident Jens Stopp aus ihren Ämtern spülte und einen Tag später auch den Rücktritt von Präsident Lothar Lässig nach sich zog. Alles auf Anfang heißt es seither im Erzgebirge, wo seit Jahren die Fußballfahne Ostdeutschlands tapfer in die Höhe gehalten wird. Das 3:0 über den FC St. Pauli sowie der Auswärtspunkt beim zwischenzeitlichen Tabellenführer in Ingolstadt lassen aufhorchen. Ein Lebenszeichen aus der Hochburg ostdeutscher Fußballtradition. Finanziell wie die allermeisten Clubs aus den neuen Bundesländern nicht gerade auf Rosen gebettet, ist es mehr als beachtlich, wie sich Aue nunmehr im fünften Spieljahr in Serie in der 2. Bundesliga hält. Oft wähnte man sie schon aussichtlos verloren, die „Kumpel aus der Tiefe“ aber sind immer noch da.

Einst in der Nachkriegszeit als BSG Pneumatik Aue gegründet, reichen die größten Erfolge des Vereins, der den meisten Fußballfans im Osten aufgrund der Verbindung zum Bergbauunternehmen SDAG Wismut bis heute unter dem Namen BSG Wismut Aue im Gedächtnis geblieben ist, bis in die Anfangszeiten des DDR-Fußballs zurück. Nach dem Aufstieg in die DDR-Oberliga im Mai 1951 unter dem Namen Zentra Wismut Aue – im Entscheidungsspiel zu Magdeburg schlug man als Meister der Süd-Liga Anker Wismar aus der Nord-Staffel deutlich mit 3:0 – war der FDGB-Pokal der erste große Titel der Sachsen, jener Wettbewerb vergleichbar mit dem bundesdeutschen DFB-Pokal. Das Finale wurde seinerzeit in Leipzig ausgetragen, im legendären Bruno-Plache-Stadion, welches heute noch den 1. FC Lokomotive in der Oberliga beheimatet. Der inzwischen, aufgrund des von der Sportvereinigung Wismut geplanten Umzugs in die Bezirkshauptstadt, auf SC Wismut Karl-Marx-Stadt getaufte Club schlug den SC Empor Rostock 3:2 nach Verlängerung und schickte sich an, den ostdeutschen Fußball daraufhin von der Spitze aus zu führen. 1956, 1957 und 1959 holte der SC Wismut Karl-Marx-Stadt, der seine Heimspiele nach wie vor am Lößnitzbach in Aue austrug, binnen vier Jahren dreimal die DDR-Meisterschaft. Hinzu kamen zwischen 1957 und 1960 insgesamt 16 Europacup-Auftritte, unter anderem Spiele gegen Ajax Amsterdam oder Rapid Wien. In der Saison 1958/59 stieß der SC im Europapokal der Landesmeister sogar bis ins Viertelfinale vor.

Das Erzgebirgsstadion im Lößnitztal am Fuße des Zeller Berges wurde bereits am 27. Mai 1928 eröffnet.

Das Erzgebirgsstadion im Lößnitztal am Fuße des Zeller Berges wurde bereits am 27. Mai 1928 eröffnet.

Nach der Auflösung des SC Wismut firmierten Aues Fußballer ab 1963 schließlich wieder unter dem Vereinsnamen BSG Wismut Aue und stiegen nach einigen weiteren europäischen Ausflügen in den Achtziger Jahren erst kurz vor dem Ende der DDR-Oberliga in deren vorletzter Saison 1989/90 in die DDR-Liga ab. 39 ununterbrochene Jahre war Aue zuvor in der höchsten Spielklasse der Deutschen Demokratischen Republik vertreten gewesen – so lange wie kein anderer Ostclub. Mit 1.019 Partien in der DDR-Oberliga ist die BSG Wismut ewiger Rekordhalter. Direkt nach der Wende verpasste Aue im Spieljahr 1990/91 die Teilnahme an der Relegationsrunde zur 2. Bundesliga hinter dem FSV Zwickau nur um Haaresbreite, weshalb in den Folgejahren die drittklassige Oberliga Nordost-Süd zur sportlichen Heimat wurde. Ein einziges Tor fehlte der zu dieser Zeit von Klaus Toppmöller trainierten Mannschaft gegenüber dem Erzrivalen. Dabei hätte dieses im direkten Duell am vorletzten Spieltag beim Stand von 4:1 für Aue durchaus fallen können, Zwickauer Ausschreitungen sorgten aber für einen Spielabbruch und somit für einen ziemlich bitteren Beigeschmack auf der Meisterschaftszielgeraden.

Zwei Hämmer und ein großes W: Die BSG Wismut Aue ist in den Köpfen ostdeutscher Fußballfans allgegenwärtig.

Zwei Hämmer und ein großes W: Die BSG Wismut Aue ist in den Köpfen ostdeutscher Fußballfans allgegenwärtig.

Während die im Zuge des politischen Umschwungs aus der SDAG Wismut hervorgegangene Wismut GmbH schon im Juni 1992 als sportlicher Förderer endgültig wegbrach, war es vor allem den beiden Leonhardt-Brüdern zu verdanken, dass sich der Fußball in Aue im folgenden Jahrzehnt auf Drittliganiveau etablierte. Uwe Leonhardt, heute Geschäftsführer und Miteigentümer der Firmen der Leonhardt Group, übernahm das Präsidentenamt und der Verein bekam einen neuen Namen: 1993 war der FC Erzgebirge Aue geboren. Mit Gerd Schädlich an der Seitenlinie schloss Aue schließlich 2002/03 die Regionalliga Nord als Tabellenerster ab und stieg erstmals in die 2. Bundesliga auf. Zur allgemeinen Überraschung hielten sich die tapferen Erzgebirgler fünf Jahre lang im Unterhaus, blieben zwischen 2003 und 2006 dreimal hintereinander einstellig und stiegen erst 2007/08 als 16. in die neugegründete 3. Liga ab. Spätestens jetzt, so dachten viele, sollte sich das Thema Profifußball in Aue endgültig erledigt haben, Platz zwölf im Drittliga-Premierenjahr wurde als Bestätigung des schleichenden Niedergangs der Wismut-Erben gedeutet. Doch Rico Schmitt führte die traditionell in Lila-Weiß gekleideten Veilchen 2009/10 sensationell zurück in Liga zwei. Noch größer wurden die Augen der selbsternannten Fußballexperten, als der Aufsteiger im nächsten Jahr Fünfter wurde, auf halbem Weg sogar die Herbstmeisterschaft bejubelte.

Seither ist der FC Erzgebirge Aue wieder angestammtes Zweitliga-Mitglied, aktuell bereits zum achten Mal innerhalb der letzten zehn Jahre. Nur Energie Cottbus kann als Ostclub mithalten und hat im gleichen Zeitraum in Bundesliga oder 2. Bundesliga noch ein Jahr mehr hinter sich gebracht, stieg jedoch bekanntlich im Mai in die 3. Liga ab. Es ist daher nur allzu verständlich, dass vielen ostdeutschen Fußballfans ob Aues miserablen Saisonstarts kürzlich das Herz in die Hose gerutscht ist. Einmal mehr haben sich nun die Leonhardt-Brüder der Rettung des sympathischen, urigen und nebenbei auch noch seriös wirtschaftenden Fußballclubs aus dem Lößnitztal verschrieben. Auf Lothar Lässig, der 2009 Uwe Leonhardt als Präsident ablöste, folgte Anfang September nun dessen Bruder, Helge Leonhardt. „Man ist immer ein bisschen verrückt. In unserer Brust sind zwei Hämmer und ein großes W, da ist große Leidenschaft. Wenn ich drei Tage Zeit gehabt hätte, um alle Bedenken aufzulisten, hätte ich es vielleicht nicht gemacht. Aber wir können den Verein nicht sinken lassen“, erklärte dieser zum Amtsantritt und machte sich umgehend ans Werk. Vom FC Ingolstadt II wurde mit Tomislav Stipić ein junger Trainer verpflichtet, der laut Leonhardt die „Wismut-DNA“ in sich trägt. Ein Mann, der für Aue sogar José Mourinho einen Korb gab und sich gegen ein Hospitationsangebot des FC Chelsea entschied.

Präsident Uwe Leonhardt, Trainer Tomislav Stipić und Co-Trainer Steffen Ziffert (von links) wollen den FC Erzgebirge in der 2. Bundesliga halten.

Präsident Uwe Leonhardt, Trainer Tomislav Stipić und Co-Trainer Steffen Ziffert (von links) wollen den FC Erzgebirge in der 2. Bundesliga halten.

Der Neustart am fünften Spieltag in Darmstadt (0:2) brachte zwar nicht die erhofften ersten Zähler, dafür geriet Stipić‘ Heimdebüt im altehrwürdigen Erzgebirgsstadion zu einem echten Befreiungsschlag. Drei Tore von Frank Löning, Rico Benatelli und Romario Kortzorg brachten einen klaren 3:0-Erfolg über St. Pauli und jede Menge Hoffnung, die durch das 1:1-Unentschieden an alter Wirkungsstätte in Ingolstadt unter der Woche weiter befeuert wurde. Es liegt noch jede Menge Arbeit vor Leonhardt, Stipić und Co. – halten wir dem FC Erzgebirge auf seinem Weg durch die Saison also weiterhin die Daumen. Damit eine der letzten Trutzburgen ostdeutscher Fußballkultur nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.

Redaktion Magath & Fußball

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